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Träume sind nächtliches Gefahrentraining

In unseren nächtlichen Träumen üben wir brenzlige Situationen. Dieses Überbleibsel aus der frühen Menschheitsgeschichte wenden wir auch heute noch an.

Des nachts ist die Hölle los. Im schlimmsten Falle Angst, Schrecken, Trauer, Ärger, Aggression. «Wenn wir träumen, überwiegen alle möglichen negativen Emotionen», resümiert die finnische Psychologin Katja Valli eine Erkenntnis, die Traumforscher nach etlichen Studien fast einmütig teilen. Ganz anders am Tage: In einem Verhältnis von bis zu 11:1 dominieren positive über negative Gefühlsregungen – so jedenfalls die Resultate etlicher Studien.Die Gründe für den dramatischen Bruch von Wachen zum Schlummer-Kino gibt Wissenschaftlern Rätsel auf.

Nun präsentiert ein finnisches Forscherteam neue Studien, die eine Theorie ihres Chefs Antti Revonsuo von der Universität Turku stützen. Kernpunkt: Träume sind eine Art mentales Theater, bei dem Menschen und auch Tiere Verhaltensweisen simulieren und trainieren, die entscheidend für ihr Überleben im realen Alltag sind. Oder besser gesagt: waren, zumindest auf den modernen Menschen der Industriestaaten bezogen.

Denn «die Bedrohungs-Szenarien im Traum sind ein Relikt aus der Steinzeit», sagt Katja Valli – als der Mensch schutzlos durch Wälder und Weiten voller gefährlicher Tiere zog und immer und überall der Tod lauern konnten. In dieser Umwelt hätten die Traum-Szenarien unsere Vorfahren geschützt, indem sie ihnen lehrten, rasch und passend zu reagieren, wenn etwa ein Säbelzahntiger sie verfolgte oder sie im Wald verloren gingen. Unter diesen Bedingungen konnte, so Valli, «der Unterschied zwischen einer guten und einer optimalen Verhaltensweise das Leben retten.» Im Sinne der Darwin´schen Evolution führe das letzten Endes zu einem Vorteil, was sich in der Zahl der Nachkommen niederschlage. Das virtuelle nächtliche Überlebenstraining funktioniere auch ohne bewusste Erinnerung an unsere Träume – genauso wie wir über unbewusste Mechanismen beispielsweise einen bestimmten Tennis-Schlag lernen. Der Traum ist sozusagen die Urmutter aller mentalen Trainingstechniken.

Monster und verpatzte Prüfungen

Um zu prüfen, ob und wie oft auch der moderne Mensch in seiner vor archaischen Gefahren geschützten Umgebung von Droh-Szenarien träumt, liessen Valli und Revonsuo in inzwischen mehreren Studien hunderte finnische und schwedische Studenten ein ausführliches Tagebuch führen – über ihre täglichen und nächtlichen Erlebnisse. «Selbst für uns überraschend», sagt Valli, «waren die Ergebnisse. Demnach steckten in 53 bis 77 aller berichteten Träume Bedrohungen.» Schwere und leichte Bedrohungen hielten sich dabei die Waage. «Das Spektrum reicht von Monstern, Verfolgungsjagden, Fluchtsituationen, Kämpfen oder Nahtoderfahrungen bis hin zu Missgeschicken oder verpatzten Prüfungen», legt Valli dar.

Von 300 bis 1000 Bedrohungs-Träumen jährlich gehen die finnischen Forscher aus – das sind einer bis vier pro Nacht. Eine Frau berichtete beispielsweise von einem Traum, in dem sie sich nahe ihrer Wohnung von einem Panther verfolgt fühlte. «Das Laub raschelte, als ich mich fortbewegte», schrieb sie auf. «Ich stand still. Der Panther kam näher. Ich musste einen Zaun überwinden. Ich ging auf den Zaun zu. Warum rannte ich nicht? Ich war kaum über den Zaun gestiegen, als der Panther angriff.» Dass die Frau im Traum nicht einfach vor der Raubkatze davonrannte, war, rational betrachtet, sinnvoll – kopflose Flucht hätte den Panther nur zum Angriff gereizt.

Wenn sich Träume in den Ur-Menschen entwickelt haben, um archaischen Gefahren optimal zu trotzen, sollten traumatische Ereignisse auch heute noch die Zahl der mehr oder minder starken Alpträume steigen lassen. «Genau das sehen wir», erklärt Psychologin Valli. Selbst ein einmaliges negatives Erlebnis wie etwa eine Vergewaltigung oder eine Geiselnahme kann einen Menschen in ein Meer der Alpträume stürzen – Träume, in denen das reale Ereignis immer wieder in jeder denkbaren Situation wiederholt wird.

Eindringlich belegt das eine Studie mit Kindern aus dem Irak und aus Palästina. Einige dieser Mädchen und Jungen hatten schwere Traumen erlebt, etwa in die Wohnung eindringende Soldaten, Erschiessungen von Angehörigen, fliehende Mütter. «Fast jedes dieser Kinder erzählte von schwer bedrohlichen Träumen», resümiert Katja Valli. Die Zahl der Alpträume nicht-traumatisierter Kinder aus den gleichen Regionen bewegte sich hingegen auf dem Niveau der nordeuropäischen Studenten. Zudem waren die Träume der traumatisierten Mädchen und Jungen «schwerwiegender und realistischer.»

Dinosaurier und Sex mit der Kollegin

Der nächtliche Spuk bildete Begebenheiten ab, die den Kindern passiert sind und sich immer wieder ereignen können. «Es war Krieg, und ich war verwundet», erinnerte sich ein Junge an einen Traum, «und meine Freunde wollten mich nach Hause holen. Auf dem Weg sahen wir mitten auf der Strasse Minen, die explodierten. Wir liefen weg, nachdem wir einige Freunde verloren. Wir liefen weit weg und sahen einen toten Dinosaurier. Dort schliefen wir, und als wir am Morgen aufwachten, sahen wir einen anderen Dinosaurier. Er griff uns an und frass uns auf.»

Das «Bedrohungs-Simulations-System» scannt nach der Theorie der finnischen Forscher das autobiografische Gedächtnis und sucht sich jene Dinge heraus, die sich im Wachbewusstsein einmal als bedrohlich angefühlt haben. Seine Funde kombiniert es mit den noch immer vorhandenen Steinzeit-Szenarien – und «so bekommen wir die bizarre Mischung von Traum-Inhalten, die wir alle kennen», erklärt Valli. Findet der evolutionäre Traum-Generator keine passenden Negativ-Szenarien im Gedächtnis, dann aktiviert er andere emotional aufgeladene Erinnerungen – und entsprechend andere Träume, typischerweise von Nacktheit in der Menge, vom Fliegen oder von Intimitäten mit der Arbeitskollegin.

Körperliche und geistige Bedrohung

Weil die simulierten Generalproben mit lebensbedrohlichen Gegnern in modernen Gesellschaften keinen Vorteil mehr für das Überleben und die Fortpflanzung würden, seien sie ihrer ursprünglichen biologischen Funktion entbunden. So seien sie «frei», um schöpferisch alle möglichen emotional befrachteten und im Gehirn gespeicherten Erlebnisse als Stoff für die Träume zu verarbeiten.

Naturgemäss stimmen nicht alle Traumforscher den Thesen aus dem hohen Norden zu. Mark Solms etwa von der Universität Kapstadt findet in einer eigenen Studie mit südafrikanischen und britischen Probanden keine Hinweise auf übermässig viele Bedrohungs-Träume. Er hält die Theorie für «nicht plausibel». «Solms konzentriert sich in dieser Studie nur auf realistische physische Bedrohungen, während wir in unseren Untersuchungen soziale und psychische Bedrohungen einbeziehen», erwidert Valli. Insofern sei die Traumanalyse des Südafrikaners, wie sie findet, «zu einseitig».

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