Unermüdlicher Kämpfer gegen Alzheimer

Der Alzheimerexperte Konrad Beyreuther hat die krankhaften Ablagerungen im Gehirn von Patienten charakterisiert. Damit hat er eine ganze Forschungsrichtung begründet.

«Jetzt ist die schönste Zeit meines Lebens»: Konrad Beyreuther. Foto: Hardy Müller (Laif)

«Jetzt ist die schönste Zeit meines Lebens»: Konrad Beyreuther. Foto: Hardy Müller (Laif)

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Als Begrüssung rutscht dem Altersforscher heraus: «Wir werden ja alle älter.» Konrad Beyreuther hat mich, seine ehemalige Doktorandin, zuletzt vor über zwanzig Jahren gesehen. Damals arbeitete der vielfach ausgezeichnete Alzheimerexperte am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg.

An diesem Nachmittag empfängt er mich in seiner aktuellen Wirkungsstätte, in einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, zwei Kilometer neckaraufwärts, auf der anderen Seite des Flusses. Auf dem Weg zu seinem kleinen Büro erzählt er, welche adeligen Häupter hier ein und aus gegangen sind. Heute sind es die Mitarbeiter des Netzwerks für Altersforschung, eines interdisziplinären Verbundes von Geistes- und Naturwissenschaftlern, die das Altern untersuchen. Beyreuther ist der Gründungsdirektor des seit 2006 bestehenden Netzwerks.

Konrad – wir sind per Vornamen und per Sie – wird im Mai 78 Jahre alt und sieht aus wie früher: gross gewachsen, schlank, gut gekleidet – von der rot umrandeten Brille bis zu den farblich passenden Schnürsenkeln. Lediglich das vormals schwarze Haar ist jetzt durchzogen von Silberfäden. Der emeritierte Professor nimmt in seinem Büro Platz unter einem holzgerahmten Konterfei von Alois Alzheimer. Der deutsche Mediziner fand 1906 erstmals im Gehirn einer verwirrten Patientin eine biologische Ursache für eine Geisteskrankheit: ein massives Nervensterben und auffällige Ablagerungen.

Eine ganze Industrie begründet

An diesen Ablagerungen – zumindest an der einen Form, den sogenannten amyloiden Plaques – forscht Beyreu-ther seit Jahrzehnten. Als junger Professor der Universität zu Köln entdeckte er in den 1980er-Jahren zusammen mit seinem Kollegen und Freund Colin Masters von der University of Melbourne, woraus die Ablagerungen bestehen: aus einem Eiweissbruchstück, das im Gehirn verklumpt. Das sogenannte Beta-Amyloid. «Wir haben eine ganze Industrie begründet», habe ihm Colin Masters kürzlich auf einer Konferenz in Lissabon zugeraunt, erzählt Beyreuther. Die beiden Wissenschaftler gelten als die Begründer der «Amyloid-Theorie». Demnach sei das Beta-Amyloid die Hauptursache für das Nervensterben im Gehirn der Alzheimerpatienten.

Heute sind sich andere Fachleute da nicht mehr so sicher. Zahlreiche Wirkstoffe, die Beta-Amyloid bekämpfen sollten, sind in Studien an Patienten gescheitert – zuletzt im März der in Zürich entwickelte Antikörper Aducanumab der Firma Neurimmune.

Der Chemiker erklärt im Detail die molekularen Besonderheiten und warum er noch immer denkt, dass Beta-Amyloid entscheidend für die Krankheitsentstehung im Gehirn ist. Beyreu-ther zählt in flotter Geschwindigkeit Forschungsergebnisse auf, weist auf die vererbten Alzheimerfälle hin, wo stets Veränderungen das Gen betreffen, das den Bauplan des Vorläuferproteins von Beta-Amyloid enthält. Und er betont die frappanten Ähnlichkeiten mit anderen Erkrankungen, wo sich ebenfalls kleine Proteine mit einer bestimmten Struktur – genau wie das Beta-Amyloid – im Gehirn ablagern, etwa bei der Parkinson- oder Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Zudem sei die Pathologie der Alzheimerkrankheit äusserst komplex. Neben den Ablagerungen im Gehirn gibt es bei vielen Patienten Schädigungen der Blutgefässe des Gehirns. Bei diesen Mischformen der Demenz seien die meisten Antikörper gegen Beta-Amyloid wirkungslos. Er räumt ein: «Was mich betrübt: Wir kennen die Toxizität nicht.» Sprich, der genaue Prozess, woran die Nervenzellen letztlich sterben, ist noch immer unklar. Dennoch sieht Beyreu-ther optimistisch in die Zukunft: «Wir brauchen noch ein paar Jahre Zeit.»

Ablagerungen im Gehirn von Alzheimerpatienten: Amyloide Plaques. Foto: Alamy

Der gefragte Redner berichtet voller Euphorie über die neusten Erkenntnisse seiner Kollegen. Er holt Ausdrucke von einigen der zahlreichen Vorträge hervor, die er noch immer hält – «etwa 50 pro Jahr». Dann ruft er aus: «Ich liebe diese Studie.» Eine der Veröffentlichungen widmet sich der Prävention. Beyreuther ist davon überzeugt, dass jeder Einzelne die Alzheimerkrankheit abwenden oder zumindest zehn bis zwanzig Jahre hinauszögern kann, sogar Menschen, die eine genetische Veranlagung haben. Voraussetzung ist ein gesunder Lebensstil.

Beyreuther vermutet, dass er selbst ein erhöhtes genetisches Risiko hat, an Alzheimer zu erkranken. Testen lassen würde er sich aber nicht. Bei seiner Mutter begann das fortschreitende Vergessen mit 82 Jahren. Da forschte er längst an der unheilbaren Krankheit. «Ich begann mich für das Gehirn zu interessieren, als mein jüngster Bruder an einem Hirntumor erkrankte», sagt Beyreuther. Sein anderer Bruder war zuvor in einer Lawine umgekommen.

Sieben Risikofaktoren für Alzheimer

Zur Alzheimer-Prävention befolgt der Wissenschaftler, der sich noch immer täglich 30 aktuelle Fachartikel anschaut, die neusten Erkenntnisse. «Es gibt sieben Risikofaktoren für Alzheimer», zählt er auf: «Depression, Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck, mangelnde Bewegung, Diabetes, mangelnde geistige Aktivität.» Das Rauchen hat er mit 40 Jahren aufgegeben. Immens wichtig sei die Bewegung. Ein gesundes Herz dient auch der Versorgung des Gehirns, dessen Energiereserven nur für wenige Minuten reichen.

Der Grossvater von vier Mädchen, «die Älteste kurz vor dem Abitur, die Jüngste zwei Jahre alt», ist stolz auf seine Fitness. Beyreuther absolviert jeden Morgen ein halbstündiges Programm und macht spontan ein paar Übungen im Büro vor: Ausfallschritte und Rückwärtsliegestütze. «Das haben mir Sportstudenten empfohlen», sagt der Professor, der stets mit dem Velo zur Arbeit kommt und noch immer begeistert Ski fährt. «Wir haben seit 42 Jahren eine Ferienwohnung im Oberengadin. Insgesamt habe ich dort über sieben Jahre meines Lebens verbracht», hat Beyreu-ther ausgerechnet.

Immer offen sein für Neues

Überhaupt argumentiert er gern mit Zahlen: Jede Stunde lagert ein Alzheimerpatient 2,9 Nanogramm schädliches Beta-Amyloid im Gehirn ab. Damit dies nicht passiert, wird bei Gesunden während des Schlafs im Gehirn aufgeräumt. Die gefährlichen Proteinbruchstücke werden weggespült. Das geschehe aber nur in der Tiefschlafphase.

Beyreuther liegt selbst öfter mal frühmorgens wach: «Dann fängt mein Gehirn an, mit mir zu reden», sagt er. Dabei bezeichnet er seine jetzige Lebensphase als «die schönste Zeit meines Lebens». Er geniesst «die Erfahrung, die Menschenkenntnis, die Forschungsfreiheit». Es ist dunkel geworden. Gleich kommt seine Frau. Die beiden wollen noch in ein klassisches Konzert.

Die letzte Frage an den ehemaligen Laborchef: Müssen die Alzheimerforscher nicht auch offen sein für ganz neue Therapieansätze? «Man muss immer offen sein für Neues», kommt es nachdrücklich, und leiser: «Dass alle überwiegend an Beta-Amyloid forschen, das haben wir so nicht gewollt.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.04.2019, 18:46 Uhr

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