Gehirnerschütterungen falsch behandelt

Schweizer Sportärzte und Grundversorger therapieren oft nach veralteten Empfehlungen. Die Folgen können gravierend sein.

Beim Sport, bei Verkehrsunfällen, im Haushalt: 40'000 Gehirnerschütterungen gibt es gemäss Schätzungen jährlich in der Schweiz. Foto: humonia, iStock

Beim Sport, bei Verkehrsunfällen, im Haushalt: 40'000 Gehirnerschütterungen gibt es gemäss Schätzungen jährlich in der Schweiz. Foto: humonia, iStock

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Ein halbes Jahr befolgte die Profisportlerin den Rat ihres medizinischen Teams und vermied jede Anstrengung. Doch die Symp­tome ihrer Gehirnerschütterung verschwanden nicht. Es ging ihr zunehmend schlechter, und sie suchte schliesslich Nina Feddermann auf. Die Sportlerin hatte immer noch Schmerzen und war emotional angeschlagen. Sie trug wegen ihrer Lichtempfindlichkeit auch drinnen eine Sonnenbrille, litt unter Sehstörungen, ermüdete schnell und hatte Konzentrationsprobleme.

Eine andere Patientin suchte Feddermann sieben Wochen nach einer Gehirnerschütterung auf. Die Akademikerin hatte davor ebenfalls Anstrengungen vermieden, sich in einem dunklen Raum aufgehalten und nicht gearbeitet, so wie es ihr der Hausarzt empfohlen hatte. Das dauernde Ruhigbleiben war für die Patientin auf die Dauer anstrengend, und sie begann, sich selbst zu therapieren. Ihre Kopfschmerzen und vor allem die Übelkeit verschwanden hingegen nicht, neu traten Schlafstörungen auf.

«Wir sehen leider häufig, dass Betroffene nach einer Gehirnerschütterung sehr spät von einem Spezialisten abgeklärt werden», sagt Feddermann, Leiterin des Swiss Concussion Center der Schulthess-Stiftung und Ärztin an der Klinik für Neurologie von Universität und Unispital Zürich.

Wertvolle Zeit geht verloren

Das Problem: Diagnose und Behandlung nach leichten Schädel-Hirn-Traumata erfolgen oft nicht nach dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens. Ärzte folgen immer noch in erster Linie den herkömmlichen Empfehlungen und verordnen bei einer Gehirnerschütterung Ruhe und therapeutisch allenfalls Schmerztabletten, bis die Symptome weg sind.

In den meisten Fällen klingen diese tatsächlich nach wenigen Tagen ab. 10 bis 35 Prozent der Betroffenen leiden aber länger an ihren Symptomen. Bei ihnen ist langes Zuwarten kontraproduktiv. Wertvolle Zeit geht verloren, und eigentlich gut behandelbare Folgen der Erschütterung verschlimmern sich. Oft kommen neue Symptome hinzu.

Seit 2017 gelten neue internationale Leitlinien, die auf wissenschaftlichen Daten früherer Jahre beruhen. «In der Schweiz werden bei der Gehirnerschütterung die aktuellen Empfehlungen jedoch häufig nicht angewandt», sagt Feddermann. Meist diagnostizieren und behandeln Sportärzte und Grundversorger, denen aber in der Regel das neurologische Spezialwissen fehlt.

Schweizer Neurologen haben nun die Initiative ergriffen und erarbeiten über ihre Fachgesellschaft Handlungsricht­linien. «Wir möchten, dass sich die neuen Erkenntnisse jetzt bald durchsetzen», so die Neurologin.

«Bei Schwindel behindern Ruhe und Inak­tivität eine rasche Genesung.»

Mindestens 40'000 Gehirnerschütterungen dürfte es gemäss Schätzungen jedes Jahr in der Schweiz geben. Das sind mehr als hundert pro Tag. Die Unsicherheit ist bei dieser Zahl allerdings gross, da viele Betroffene gar nicht zum Arzt gehen. Die Schläge gegen den Kopf geschehen beim Sport, bei Verkehrsunfällen, im Haushalt, bei Stürzen von älteren oder alko­holisierten Personen sowie bei Schlägereien. Je nach Stärke und Art der Erschütterung kommt es kurzzeitig zu Bewusstlosigkeit, Erinnerungslücken oder Verwirrtheit.

Zusätzlich haben Betroffene eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome – von Kopfschmerzen, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen über Sehstörungen, Licht- und Lärmempfindlichkeit bis hin zu Konzentrationsproblemen, allgemeiner Verlangsamung und Übelkeit.

«Wenn keine Besserung eintritt, sollte möglichst rasch eine Untersuchung durch einen Spezialarzt erfolgen», sagt Feddermann. «Die darauf basierende Behandlung muss den entsprechenden Symptomen und Befunden angepasst sein.» Das heisst, ein Schwindel sollte direkt als Schwindel therapiert werden, genauso bei Kopfschmerzen oder Konzentrationsproblemen.

Schonung ist dabei oft nicht das Richtige: «Bei Schwindel ist beispielsweise oft das Gleichgewichtsorgan betroffen, und da behindern viel Ruhe und Inak­tivität eine rasche Genesung», so die Spezialistin. «Auch bei Kopfschmerzen ist kontrollierte körperliche Aktivität eine anerkannte Therapie.»

Ohne Behandlung entstehen neue Beschwerden

Ziel der aufeinander abgestimmten Behandlungen soll die möglichst rasche, stufenweise Rückkehr zum Sport, zur Schule beziehungsweise zur Arbeit sein. Wenn alles gut geht, können Betroffene schon nach einer Woche wieder zurück in ihr normales Leben.

Bleiben die Symptome zu lange unbehandelt, kann hingegen das eintreten, was beiden Patientinnen von Feddermann, der Profisportlerin und die Akademikerin, geschah: Betroffene entwickeln zusätzliche Symp­tome. Beispielsweise kann ein unbehandelter Schwindel dazu führen, dass Betroffene den Kopf möglichst wenig bewegen und deswegen Verspannungen und Nackenschmerzen entwickeln.

Manchmal entstehen daraus weitere Symptome wie Sehstörungen, Müdigkeit, Erschöpfung, die wiederum auf die Psyche schlagen. Eine Behandlung ist in diesen Fällen besonders herausfordernd. Bei manchen Betroffenen bleiben die neuen Beschwerden sogar dann, wenn die ursprünglichen Symptome der Gehirnerschütterung wieder verschwunden sind.

Entscheidend für die richtige Therapiewahl ist allerdings die Erstuntersuchung. «Sie sollte möglichst früh erfolgen und von einer spezialisierten Fachperson durchgeführt werden», so Feddermann. Diese muss erkennen, wie schlimm die Gehirnerschütterung tatsächlich ist und welche Bereiche im Kopf genau betroffen sind. «Nicht alle brauchen eine solche Untersuchung», sagt die Medizinerin. «Doch es gibt sogenannte Schlüsselzeichen wie Bewusstlosigkeit, eine Gedächtnislücke, Schwindel, Ba­lance- oder Sehstörungen, bei denen eine neurologische Untersuchung angezeigt ist – auch zur Abgrenzung von einer schweren Schädel-Hirn-Verletzung.»

Auch wer sich beispielsweise an einem Grümpelturnier oder im Haushalt am Kopf verletzt, muss nicht in jedem Fall unmittelbar zu einer Untersuchung. «Bei neuen, an Intensität zu­nehmenden oder kombinierten Symptomen nach einer Kopfverletzung sollte man aber besser in den Notfall mit nachfolgender spezialärztlicher Untersuchung», sagt Feddermann.

Erstellt: 23.10.2019, 16:11 Uhr

«Die Hirnmasse hat eine Konsistenz wie ein Pudding»

Ärzte reden bei einer Gehirnerschütterung von einem leichten Schädel-Hirn-Trauma. Doch «leicht» bedeutet nicht «harmlos». «Die Hirnmasse hat eine Konsistenz wie ein Pudding und ist nur zum Teil fixiert im Schädel», sagt Peter Zangger, langjähriger Leiter der Neurorehabilitation an der Suva-Klinik in Bellikon AG und führender Spezialist auf dem Gebiet. Durch einen Schlag gegen den Schädel oder eine starke Beschleunigung des Kopfs verzieht sich das Gehirn, wodurch die Nervenzellverbindungen (Axone) gezerrt werden.

Die Verletzungen sind oft reversibel. Die Axone können sich aber auch auflösen und Hirnfunktionen dadurch ausfallen. «Weil das Gehirn sehr plastisch ist, werden diese Ausfälle weitgehend kompensiert – nicht immer aber komplett», sagt Zangger. Von den durch das Trauma zerstörten Axonen weiss man aufgrund von Autopsien bei Verstorbenen. Sie lassen sich bei der üblichen Untersuchung mittels bildgebender Verfahren wie MRI (Magnetic Resonance Imaging) aber nicht nachweisen. Auch die Mikroblutungen nicht, die es manchmal geben kann, «wahrscheinlich gar nicht so selten», wie Zangger sagt. Diese Blutungen finden sich im Bereich von einem Millimeter, beim MRI wird jedoch normalerweise mit Schichten von einem Zentimeter oder mehr gearbeitet.

Obwohl die Symptome einer Gehirnerschütterung meist wieder verschwinden, finden sich bei Betroffenen auch Langzeitfolgen. «Das haben Studien in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, insbesondere von Versicherungen wird dies aber immer noch abgestritten», sagt Zangger.

Motorik und visuelle Verarbeitung beeinträchtigt

Das Hauptproblem ist, dass die Schäden sich nicht einfach nachweisen lassen. Nicht mit einem Standard-MRI, aber auch nicht mit groben neuropsychologischen Untersuchungen. «Erst mit feineren Tests finden sich signifikante Veränderungen», so Zangger. Dann zeigt sich unter anderem, dass die Motorik etwa der Hände oder auch die visuelle Verarbeitung beeinträchtigt sind. Bei schweren oder wiederholten Gehirnerschütterungen können bei Kindern auch Einbussen bei den schulischen Leistungen die Folge sein. Im Alter erhöht sich unter anderem das Demenzrisiko nachweislich.

Vor allem bei gewissen Sportarten kommt es wiederholt zu schweren Gehirnerschütterungen. Am schlimmsten ist es beim Boxen. Aber auch bei Kontaktsportarten wie Eishockey, American Football, Rugby oder allenfalls Fussball könnten wiederholte Schläge gegen den Kopf Langzeitfolgen haben. «Das Gehirn goutiert das nicht, das ist klar», so Zangger. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen würde er daher ein Kopfball­verbot begrüssen. (fes)

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