16'000 nutzlose Knie-Eingriffe pro Jahr

Ärzte in der Schweiz führen häufig Meniskus-Teilentfernungen durch – obwohl diese den Patienten nichts bringen.

Eine Studie präsentiert erstmals Zahlen zur Häufigkeit der Meniskusoperationen in der Schweiz. <nobr></nobr>Bild: Melina Mara/Getty Images

Eine Studie präsentiert erstmals Zahlen zur Häufigkeit der Meniskusoperationen in der Schweiz. Bild: Melina Mara/Getty Images

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Den Nutzen von Operationen bei Meniskusrissen stellen Forscher schon länger infrage. Seit 2013 ist die Studienlage jedoch eindeutig: Ausser nach einem Unfall ist bei Kniebeschwerden nicht eine Operation, sondern eine konservative Behandlung mit Medikamenten, Trainings- oder Physiotherapie angezeigt. Eine neue Studie im Auftrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) zeigt nun, dass Orthopäden in der Schweiz kaum auf diese Erkenntnis reagieren. Im Vergleich zu 2012 haben sie die Meniskusoperation im Jahr 2015 nur wenig seltener durchgeführt. Damit bleibt diese der häufigste Eingriff der Orthopäden.

Ambulant statt stationär

Die Studie des Institutes für Hausarztmedizin der Universität Zürich (UZH) und der Abteilung Gesundheitswissenschaften von Helsana präsentiert erstmals Zahlen zur Häufigkeit der Meniskusoperationen in der Schweiz. Hochgerechnet handelt es sich um 16'000 Eingriffe pro Jahr bei Kniepatienten ohne Unfall. Diese kosten Kantone und die Grundversicherung rund 70 Millionen Franken. «Diese Kosten liessen sich ohne Nachteil für die Patienten einsparen», sagt Studienautor Leander Muheim von der Universität Zürich.

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Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) läuft zurzeit eine Evaluation der Kniearthroskopien, von denen Meniskusoperationen einen grossen Teil ausmachen. Der Abschluss der Überprüfung wird für 2018 erwartet. Am Ende könnte eine Einschränkung der Vergütung durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung stehen, wie es auf Anfrage heisst. Beobachter halten dies aufgrund der Studienlage für wahrscheinlich. Das wäre auch im Sinn der Krankenversicherer. «Wir fordern, dass diese Leistung in der Krankenpflege-Leistungsverordnung klarer limitiert wird», sagt Helsana-Sprecher Stefan Heini.

Studienautor Leander Muheim erhofft sich nun eine Diskussion über Fehlanreize im Gesundheitswesen: «Wenn Ärzte an der Front nicht auf wissenschaftliche Studien reagieren, droht am Ende ein regulatorischer Eingriff.» Er betont zudem die wichtige Rolle der Hausärzte: Sie sollen Kniepatienten möglichst selber konservativ behandeln, statt sie gleich zur Magnetresonanzuntersuchung (MRI) und dann zum Orthopäden zu schicken.


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In der SAMW-Studie zeigt sich auch, dass drei Viertel der Patienten stationär behandelt wurden. Dies, weil der Eingriff dann besser vergütet wird als ambulant. Beispielsweise in den USA operieren Ärzte hingegen nur gerade ein Prozent der Meniskuspatienten stationär. Das BAG prüft deshalb auch, ob der Eingriff künftig ausschliesslich ambulant vergütet werden soll. Gehandelt haben die Kantone Zürich und Luzern. Sie erlauben künftig bei Meniskusrissen und weiteren chirurgischen Eingriffe nur noch eine ambulante Durchführung.

Erstellt: 06.07.2017, 22:25 Uhr

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