Gen-Baby: Kriminell – oder eine dreiste Lüge

Das Erbgut von Babys mit Crispr/CAS zu verändern ist unverantwortlich, wenn es denn stimmt.

Genforscherin in einem Labor in der südchinesischen Stadt Shenzhen bei der Arbeit. Foto: Mark Schiefelbein (AP, Keystone)

Genforscherin in einem Labor in der südchinesischen Stadt Shenzhen bei der Arbeit. Foto: Mark Schiefelbein (AP, Keystone)

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In China sollen vor kurzem zwei Babys zur Welt gekommen sein, deren Erbgut mit der zurzeit angesagtesten gentechnologischen Methode, genannt Crispr/CAS, verändert worden sein soll. Das zumindest hat der Forscher Jiankui He von der Southern University of Science and Technology in Shenzhen mitgeteilt. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Versuche gibt es nicht. Derzeit ist also nicht nachzuprüfen, ob die Ankündigung stimmt. Handelt es sich um eine wissenschaftliche Sensation, um eine grob fahrlässige Grenzüberschreitung – oder schlicht um eine Lüge, eine reine Effekthascherei?

Dass selbst ernannte Experten behaupten, sie hätten mit neuen Techniken wissenschaftliche Durchbrüche erzielt, und sich im Licht der Öffentlichkeit sonnen, ist nicht neu. Man denke an die «Menschenkloner», die Anfang der 2000er-Jahre angeblich Babys nach der Klonschaf-Dolly-Methode erschaffen hatten. Der italienische Arzt Severino Antinori, der Zypriot Panayiotis Zavos und die Sektenführerin Brigitte Boisselier lassen grüssen. Auf Beweise ihres gut inszenierten Bluffs warten wir noch heute.

Ist also alles nur Humbug, wenn jetzt ein chinesischer Forscher ankündigt, Crispr-Babys erschaffen zu haben? Sind damit die Berichte in der Weltpresse und den sozialen Medien überflüssig? Das Gegenteil ist der Fall. Ob wahr oder nicht: Die Diskussion über Möglichkeiten und Gefahren, die diese neue Technologie mit sich bringt, müssen wir dringend führen.

Bei der Methode mit dem sperrigen Namen Crispr/CAS handelt es sich um eine elegante Technik, mit der Forscher einfach und gezielt die Erbsubstanz verändern können. Das war in dem Masse bis vor wenigen Jahren nicht möglich. Die Anwendung macht auch vor dem menschlichen Erbgut nicht halt. Davor haben Wissenschaftler – allen voran die Entdecker – von Anfang an gewarnt.

Vor drei Jahren diskutierten deshalb 500 Wissenschaftler in Washington über Richtlinien, ob und wie die neuen Methoden beim Menschen angewendet werden dürfen. Das Ergebnis war: Ja, man möchte mit diesen Methoden Grundlagenforschung an menschlichen Embryonen durchführen. Schliesslich könnten damit zukünftig schwere Erbkrankheiten kuriert werden. Deutlich schreiben die Experten jedoch: Es sei unverantwortlich, die Methode zu nutzen, um Babys zu erschaffen, solange die Technik noch nicht ausgereift sei. Und das ist sie definitiv noch nicht. Bis heute nicht. Noch entstehen damit zu viele Fehler im Erbgut, als dass Ärzte so ein Baby verändern dürften.

Das weltweite Entsetzen, das auf die Ankündigung der Crispr-Babys von Jiankui He folgte, ist daher berechtigt. So weit, wie der chinesische Forscher vermeintlich mit seinem Experiment gegangen ist, hat sich bisher noch niemand auf dem Gebiet vorgewagt. Denn das wären unverantwortliche Menschenversuche mit dem Risiko von Fehlgeburten, Missbildungen oder unvorhersehbaren Spätfolgen. In der Schweiz sind – wie in weiteren rund 40 Ländern – jegliche Experimente an menschlichen Embryonen per Gesetz verboten.

Übrigens haben sich die chinesischen Abgesandten 2015 bei der Konferenz in Washington explizit zu einem Bann bekannt, derart veränderte menschliche Embryonen einer Frau einzusetzen. Forscher Jiankui He hat also definitiv ein Problem, entweder als Lügner oder als sehr schlechter Botschafter für sein Land.

Erstellt: 27.11.2018, 20:03 Uhr

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