Ursache für Fehlgeburten gefunden

Rund 20 Prozent aller Schwangerschaften gehen verloren, meist während der ersten drei Monate. Forschern ist es nun erstmals gelungen, eine Ursache für wiederholte Fehlgeburten zu finden.

Rund 20 Prozent der Schwangerschaften gehen verloren: Menschlicher Embryo kurz nach der Befruchtung. Foto: Keystone

Rund 20 Prozent der Schwangerschaften gehen verloren: Menschlicher Embryo kurz nach der Befruchtung. Foto: Keystone

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Fehlgeburten sind leider recht häufig. Rund 20 Prozent aller Schwangerschaften gehen verloren, meist während der ersten drei Monate. Doch nur in der Hälfte der Fälle finden die Ärzte den Grund, warum sich das Kind nicht weiterentwickelt hat. Die übrigen Fälle bleiben trotz aller Abklärungen ein Mysterium. Das soll sich nun ändern: Britischen Forschern ist es erstmals gelungen, eine Ursache für wiederholte Fehlgeburten zu finden.

In einer Studie fand das Team um den Gynäkologen Jan Brosens von der Universität Warwick heraus, dass die betroffenen Frauen einen Mangel an Stammzellen in der inneren Wand der Gebärmutter haben. Diese Zellen sind entscheidend, wenn es darum geht, dass sich die befruchtete Eizelle in der Gebärmutterschleimhaut einnisten kann und sich eine Plazenta bildet. Brosens Team untersuchte dazu Gewebeproben von 183 Frauen, die Fehlgeburten erlitten hatten.

«Unsere Diagnose trifft vor allem auf Frauen zu, die mehrere Fehlgeburten hintereinander hatten», sagt Brosens. Gerade in diesen Fällen sei die Suche nach den Ursachen besonders frustrierend und gleichzeitig drängend. Selbst wenn die Ärzte bei diesen Patientinnen irgendwelche gesundheitlichen Beeinträchtigungen fänden, gebe es jeweils unzählige Frauen mit den gleichen Schwierigkeiten, die problemlos ein Kind zur Welt bringen. Rund eine von hundert Schwangeren leidet unter habituellem Abort, das heisst, mehr als drei Schwangerschaften in Serie gehen verloren.

Die Schleimhaut hat eine Art Polizeifunktion

Bekannte Ursachen für Fehlgeburten sind bei der Mutter hormonelle Störungen, Stoffwechselkrankheiten, Fehlbildungen der Gebärmutter, Schwäche des Muttermundes, Probleme des Immunsystems oder Übergewicht. Beim Kind ist die häufigste Ursache eine Chromosomenstörung. Oftmals sind die Fehlbildungen so schwer, dass das Kind nicht lebensfähig wäre und die Schwangerschaft deshalb verloren geht. Meist geschieht das jedoch nicht mehrere Male hintereinander. Wiederholte Fehlgeburten lassen sich auf diese Weise also nicht erklären.

Auch ein Mangel am Gelbkörperhormon Progesteron kann Fehlgeburten begünstigen. Liegt der Progesteronspiegel zu tief, baut sich die Gebärmutterschleimhaut nicht genügend auf. Progesteron können Frauen jedoch unterstützend während der ersten Schwangerschaftsphase einnehmen.

Das Alter der Mutter gilt ebenfalls als Risikofaktor. Während die Wahrscheinlichkeit bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren nur bei rund 13 Prozent liegt, haben Frauen zwischen 35 und 40 schon ein 25- bis 45-prozentiges Risiko. Ab 45 Jahren liegt die Rate bei über 75 Prozent. Die Zahlen liegen vermutlich noch höher, zählt man jene Schwangerschaften hinzu, die schon in der vierten oder fünften Woche verloren gehen, ohne dass die Frauen etwas merken.

Wenn sich der Embryo acht bis neun Tage nach der Befruchtung einzunisten beginnt, findet ein kompliziertes Wechselspiel zwischen ihm und der Gebärmutterschleimhaut statt. Einerseits muss es genügend Stammzellen in der Schleimhaut geben, welche die neuen Aufgaben übernehmen können. Gleichzeitig, so vermuten die Forscher, hat die Schleimhaut aber auch eine Art Polizistenaufgabe. Sie soll dafür sorgen, dass sich nur Embryonen einnisten, die tatsächlich eine Überlebenschance haben.

Frauen mit wiederholten Aborten haben oftmals keine Probleme, schwanger zu werden. «Sie sind häufig sogar superfruchtbar», sagt Brosens. Die Wissenschaftler vermuten nun aber, dass der Mangel an Stammzellen auch bedeutet, dass die Schleimhaut nicht selektiv genug ist in der Auswahl der Embryonen. Das heisst, es nisten sich befruchtete Eizellen ein, die sich vermutlich gar nicht zu einem lebensfähigen Kind entwickeln können.

«Dieser Ansatz ist neu und sehr interessant», sagt Bruno Imthurn, Leiter der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich. Er kann sich vorstellen, dass daraus in den nächsten Jahren vielversprechende Therapieansätze entstehen. Bisher blieb bei ungeklärten Fehlgeburten nur die psychische Unterstützung als Behandlungsmethode.

Schwangerschaftstest nicht zu früh machen

Warum gewisse Frauen einen Mangel an Stammzellen haben, wissen die Forscher noch nicht. Ein Riskofaktor könnte Übergewicht sein. Sie hoffen, die definitive Antwort auf diese Frage und mögliche Therapieansätze in den nächsten Jahren zu kennen. «Wenn wir bis in fünf Jahren nichts finden, lasse ich mich pensionieren», sagt Brosens. Dazu ist er allerdings noch zu jung.

Eine wichtige Botschaft für betroffene Frauen hat er ausserdem jetzt schon: Niemand sollte die Hoffnung verlieren, auch wenn das im Moment einer Fehlgeburt schwierig erscheint. Der Mangel an Stammzellen in der Schleimhaut ist nämlich kein lebenslanger Zustand. Die Schleimhaut verändert sich ständig. Eine Frau, die heute einen Mangel hat, kann in einem halben Jahr eine völlig gesunde Schleimhaut haben.

Weil jede Fehlgeburt für alle Beteiligten sehr belastend ist, rät Brosens auch zu einem möglichst guten Angebot an psychologischer Unterstützung und zum Stressabbau. Auch sei es nicht sinnvoll, zu früh einen Schwangerschaftstest zu machen. Lieber etwas länger warten – so erspare man sich einigen Kummer, weil man Schwangerschaften, die nicht lange dauerten, gar nicht erst bemerke. «Falls sie nicht aufgeben, sind Frauen, die schwanger werden können, meist irgendwann erfolgreich», sagt der Gynäkologe. Eine seiner Patientinnen habe nach 19 Fehlgeburten in Serie ein gesundes Kind geboren.

Erstellt: 21.03.2016, 11:08 Uhr

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