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US-Regierung bezweifelt Ehec-Analyse der WHO

Ein noch nie entdeckter Stamm von E.coli-Bakterien löse die Ehec-Epidemie aus, teilte die WHO heute mit. Ein US-Experte hat seine Zweifel. Unterdessen steigt die Wut in Spanien.

Der Bockshornkleesamen solls gewesen sein: Ein ägyptischer Gewürzhändler zeigt den Urheber der Ehec-Seuche. (Archivbild)
Der Bockshornkleesamen solls gewesen sein: Ein ägyptischer Gewürzhändler zeigt den Urheber der Ehec-Seuche. (Archivbild)
AFP
Der Hinweis auf den Ehec-Erreger ist erbracht: Eine Packung Sprossen. (10. Juni 2011)
Der Hinweis auf den Ehec-Erreger ist erbracht: Eine Packung Sprossen. (10. Juni 2011)
Reuters
Sanitäter bringen einen Patienten mit Ehec-Symptomen in die Uniklinik Eppendorf D. (24. Mai 2011)
Sanitäter bringen einen Patienten mit Ehec-Symptomen in die Uniklinik Eppendorf D. (24. Mai 2011)
Reuters
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Einen Monat nach dem Ehec-Ausbruch teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) heute mit, sie habe den verantwortlichen Erreger entschlüsseln können: Schuld für die schweren Erkrankungen sei ein ganz neuer Stamm von E.coli-Bakterien. Vorläufige genetische Untersuchungen hätten ergeben, dass es sich um eine mutierte Form aus zwei E.coli-Bakterien handle.

Laut der WHO-Expertin für Lebensmittelsicherheit, Hilde Kruse, sei der neue Bakterien-Stamm noch nie bei Patienten isoliert worden. Er weise Merkmale auf, die ihn mehr Giftstoffe produzieren liessen als die vielen anderen Stämme, die natürlicherweise beim Menschen vorkämen.

USA äussern Zweifel

Ein Experte der US-Gesundheitsbehörde CDC hat den WHO-Befund eines völlig neuen E.coli-Stamms jedoch in Zweifel gezogen. CDC-Forscher Robert Tauxe erklärte, das Bakterium habe schon zuvor zu einer Erkrankung in Korea geführt. Der genetische Fingerabdruck unterscheide sich vielleicht etwas, «aber dieser Strang ist selten genug, dass viele Menschen noch nichts von ihm gehört haben».

Ähnlichkeiten gibt es wohl auch zu einem Strang, der schweren Durchfall auslöst und in der Zentralafrikanischen Republik vorkommt, wie chinesische Wissenschaftler berichteten, die an der Analyse beteiligt waren.

Auch in den USA gibt es nun laut der Gesundheitsbehörde EHEC-Verdachtsfälle. Vermutlich hätten sich drei Menschen, die Deutschland besucht hätten, mit dem Darmkeim infiziert. Es handle sich aber wahrscheinlich nicht um die tödliche Variante des Keims, hiess es weiter.

Effiziente Therapie erst viel später

Der Bakteriologe Holger Rohde vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf konnte den Befund der WHO jedoch bestätigen. «Daraus ergibt sich, dass wir unsere Diagnostik kurzfristig optimieren und für den Nachweis für diesen spezifischen Erreger massschneidern können», sagte Rohde.

Die Arbeiten seien noch nicht abgeschlossen. Er hoffe, dass durch das Wissen über das Erbmaterial dieses Erregers künftig verständlich werde, warum er ein solches schweres Krankheitsbild verursachen könne. «Und möglicherweise können wir dann in ferner Zukunft auch neue Strategien für die Therapie von Patienten entwickeln», erklärte Rohde weiter.

17 Tote in Deutschland

Die Zahl der Ehec-Fälle steigt derweil rapide. Deutschlandweit starben mittlerweile 17 Menschen; an dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) sind fast 500 Personen erkrankt.

Politiker bezeichneten die Situation als besorgniserregend. Die EU-Kommission hob unterdessen die europaweite Warnung vor spanischen Gurken auf. Dennoch verbot Russland die Einfuhr von Gemüse aus der gesamten EU. Die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sagte in Berlin, leider sei die Botschaft weiterhin, dass «die genaue Ursache des Geschehens noch nicht eingegrenzt werden konnte». Bei Patientenbefragungen seien Tomaten, Gurken und Blattsalate, die in Norddeutschland verzehrt wurden, «auffällig in der Schnittmenge» gewesen.

Ratlose Experten

Die spanischen Gurken trügen «nicht den eigentlichen Erreger», erklärte Aigner - nämlich das Bakterium vom Stamm O104:H4. Nach Hunderten von Proben seien sich die Experten noch nicht einmal sicher, ob überhaupt ein Agrarprodukt für die Infektionen verantwortlich gemacht werden könne. Denn der Erreger kann auch bei Transport, Verladung und Verpackung auf die Ware gelangt sein.

Anfang Mai war nach Angaben des Robert-Koch-Instituts der erste HUS-Fall registriert worden. Mittlerweile verzeichnen einzelne deutsche Bundesländer wie Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen eine rasante Zunahme der Infektionsfälle. Die anfängliche Vermutung, dass Salatgurken vom Hamburger Grossmarkt für die Erkrankungen verantwortlich sind, bestätigte sich nicht. Der Stamm sei bei keiner der vier untersuchten Gurken nachgewiesen worden, sagte ein Sprecher des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) der Nachrichtenagentur dapd.

Extrem schwerer Verlauf der Erkrankungen

Andreas Samann vom Institut für Hygiene und Umwelt in Hamburg machte wenig Hoffnung, dass die Quelle des Darmkeims rasch entdeckt werde. In fast 80 Prozent aller Fälle weltweit finde man den Erreger nicht, erklärte er bei einer öffentlichen Sitzung im Ernährungsausschuss des Bundestages. Ähnlich sieht das auch BfR-Präsident Andreas Hensel: «In der Mehrzahl aller Ausbruchsgeschehen wird das Agens nicht isoliert», sagte er.

Sorgen bereitete Medizinern der schwere Verlauf, den die Infektion bei einigen Patienten nimmt. Der Direktor der Medizinischen Klinik I am UKSH- Standort Lübeck, Hendrik Lehnert, sagte, bei der Hälfte aller HUS-Patienten am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein träten neurologische Komplikationen auf. «Wir beobachten unerwartete Krankheitsverläufe, die wir bisher nicht kannten», sagte Lehnert in Kiel. Die Störungen auf der Ebene des Gehirns würden etwa drei bis vier Tage nach Beginn des HU-Syndroms auftreten. Sie reichten von milderen Symptomen wie Kopfschmerzen bis hin zu Sprachstörungen und Epilepsien.

Bauern protestieren vor deutschem Konsulat

Aus Verärgerung über die deutschen Warnungen vor spanischen Gurken haben Bauern in Valencia rund 300 Kilo Gemüse vor dem deutschen Konsulat in Valencia abgeladen. Darunter Kohl, Tomaten, Gurken, Paprika und andere Produkte. Die falschen Schuldzuweisungen seien verheerend für ihre Glaubwürdigkeit und daher auch für ihre Exporte in den Rest Europas, sagten die Landwirte.

Unterdessen erwägt die spanische Regierung rechtliche Schritte gegen die Hamburger Behörden, die im Zusammenhang mit Ehec vor Gemüse aus dem Land gewarnt hatten. Die EU-Kommission hob ihre Warnung vor spanischen Gurken auf und erklärte, Tests hätten ergeben, dass diese nicht für die Ehec-Erkrankungen in Deutschland und anderen Ländern verantwortlich seien. Russland, in dem seit Montag bereits ein Einfuhrverbot für Gemüse aus Spanien und Deutschland galt, weitete dieses Verbot auf Gemüse aus der gesamten EU aus.

Das Bundesverbraucherministerium hingegen verteidigte die Warnung vor spanischen Gurken. Die Hamburger Behörden hätten gemäss geltender Vorschriften gehandelt, sagte Ministeriumssprecher Holger Eichele in Berlin.

Hohe Umsatz-Einbussen für deutsche Gemüsebauern

Die Angst vor rohem Gemüse sorgt bei den deutschen Bauern für Umsatz-Einbrüche in Millionenhöhe. «Unsere Gemüsebauern haben jetzt einen Schaden von 30 Millionen Euro», sagte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner dem Fernsehsender N24. Er kritisierte, dass sich die Experten bei der Suche nach dem Ehec-Keim zu einseitig auf Gemüse festgelegt hätten, anstatt auch an anderen Stellen danach zu suchen.

Eine Forsa-Umfrage ergab, dass jeder zweite Bundesbürger wegen Ehec seine Ernährung umgestellt hat und derzeit auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate verzichtet.

dapd/jak, rub

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