Verkehrte Innereien

Bei manchen Menschen liegen die Organe des Oberkörpers auf der falschen Seite. Schuld sind embryonale Fehlentwicklungen.

Faszinosum Mensch: Exponat einer Ausstellung von Gunther von Hagens. Foto: Reuters

Faszinosum Mensch: Exponat einer Ausstellung von Gunther von Hagens. Foto: Reuters

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Morgens war der Bauchschmerz noch diffus. Inzwischen tut es links im Oberbauch weh. Etwas stimmt nicht mit dem 50-Jährigen, das zeigt das Blutbild: Er hat zu viele weisse Blutkörperchen. Das deutet auf eine Entzündung im Körper hin. Ist es die Bauchspeicheldrüse? Ein Milz­infarkt? Oder eine Nierenbeckenentzündung links? – Nichts von all dem, was die Doktoren zunächst erwägen.

Ebenso genarrt werden sie bei der 32-jährigen Frau mit rechtsseitigen Unterleibsschmerzen. Beissend seien sie und strahlten in den Rücken aus. In den letzten 13 Jahren hatte sie drei solche Attacken.

Rechts unten – das ist eine «Appendizitis», also eine Blinddarmentzündung, vermuten die Ärzte. Weil die Frau seit ihrer Kindheit oft hustet, veranlassen sie noch ein Röntgenbild des Brustkorbs – und staunen: Das Herz der Frau liegt rechts. Auch ihre Bauchorgane sind seitenverkehrt – die Leber links statt rechts, die Milz rechts statt links. Das zeigt der Ultraschall. «Situs inversus totalis» heisst das medizinisch, Seitenverkehrtheit. Schätzungen zufolge hat etwa einer von 10'000 bis 100'000 Menschen das Herz am rechten Fleck.

Nun gerät die Diagnose «Appendizitis» ins Wanken. Wie soll der Wurmfortsatz im rechten Unterbauch wehtun, wenn er hier doch links liegt? Die bereits anberaumte Operation wird abgeblasen – auch, weil es der Frau dank Antibiotika wieder besser geht.

Ein medizinisches Chamäleon

Doch 18 Monate später kommt sie zurück, mit linksseitigen Unterbauchschmerzen. Jetzt narrt der kleine Wurmfortsatz die Ärzte kein zweites Mal. Er wird entfernt. Dabei zeigt sich, dass die «Appendix vermiformis» chronisch entzündet ist und mit dem Dünndarm verwachsen. Das hat wohl die früheren Schmerzen verursacht.

Schon im Normalfall gilt der etwa 7 Zentimeter kleine Wurmfortsatz als «medizinisches Chamäleon»: Er kann zum Beispiel vor oder hinter dem Blinddarm liegen, Richtung Eierstock zeigen oder sogar nahe der Leber liegen. Das längste je beim Menschen entdeckte Exemplar mass 26 Zentimeter.

Noch schwieriger wirds, wenn er ganz woanders ist, wie beim Situs inversus. Und dabei sind nicht immer alle Organe seitenverkehrt. Zum Beispiel können Magen, Bauch­speicheldrüse und Milz unterhalb der (normal gelegenen) Leber rechts angeordnet sein und das Darmpaket dafür linksseitig.

Auch der 50-jährige Kranke hat eine solche «intestinale Malrotation»: Sein Darm machte vor langer Zeit, während der fünften bis zehnten Woche der Embryonalentwicklung, nicht die übliche Drehung. Sie führt dazu, dass der Blinddarm, von dem der Wurmfortsatz abgeht, üblicherweise rechts unten im Bauch zu liegen kommt.

Ein bekannter Grund für einen Situs inversus sind die feinen Flimmer­härchen, die manche Zellen auf ihrer Oberfläche tragen. Vergleichbar einer «La Ola»-Welle im Stadion, schlagen sie normalerweise koordiniert – und befördern so zum Beispiel Schleim aus den Bronchien nach oben.

Gegen Ende der ersten Lebenswoche des Embryos bestimmt diese Zilienbewegung, wo später welche Organe wachsen. Ist sie aufgrund genetischer Veränderungen gestört, verteilen sie sich zufällig. Beim Kartagener-Syndrom, benannt nach einem Zürcher Arzt, haben die Betroffenen nebst dem Situs inversus auch viele Atemwegsinfekte. Die Zilien sind aber nicht immer schuld. Diabetes bei der schwangeren Mutter könnte zum Beispiel auch infrage kommen. Oft aber bleibt die Ursache für diese anatomische Besonderheit verborgen. Und solange nichts wehtut, weiss auch der Betroffene meist nichts davon.

Erstellt: 08.03.2015, 18:38 Uhr

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