Brainstorming im Team? Bitte nicht schon wieder!

Sie sollten das Gemeinsame fördern: Vier Trends aus der Job-Welt, die widerlegt wurden.

Viele grandiose Businesskonzepte halten einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand: Kollegen entwickeln gemeinsam Ideen. Bild: iStock

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Mythos 1: Wettbewerb und Bonussysteme sind förderlich

Um die Produktivität und Leistungsfähigkeit ihrer Angestellten anzukurbeln, greifen Unternehmen oft auf ausgefeilte Motivationsstrategien wie Bonussysteme zurück. Oder sie kurbeln den Wettbewerb der Ideen an und belohnen kreativere, leistungsfähigere Mitarbeiter mit Aufstiegschancen oder Zusatzentlöhnungen. Dass Geld die Motivation der Mitarbeiter aber nur zweitrangig beeinflusst, konnte mit unzähligen psychologischen Studien belegt werden. Aber auch eine Atmosphäre des konstanten Wettbewerbs hat einen negativen Einfluss auf die Arbeitsmoral.

Die Studie
Eine ständige Konkurrenzsituation laugt die Mitarbeiter nicht nur aus und vermiest ihnen die Freude an der Arbeit, sie führt auch dazu, dass sich die Angestellten gegenseitig am Fortkommen hindern. Dies zeigt eine neue Studie von Arbeitswissenschaftlern an der Kühne Logistics Universität in Hamburg. Dazu haben die Forscher um Susan Reh das sogenannte Social Undermining in Unternehmen untersucht, also ein subtiles negatives Verhalten gegenüber Kollegen. Es beginnt mit flapsigen Sprüchen, damit, dass man «vergisst», wichtige Informationen weiterzugeben, und reicht bis zur Sabotage einer Karriere. Die Doktorandin hat Vergleichsprozesse in Unternehmen und daraus resultierendes Verhalten untersucht. Für ihre Studie haben sie verschiedene Verhaltensexperimente mit über 100 Probanden und Feldstudien mit fast 300 Personen durchgeführt.

Es beginnt mit flapsigen Sprüchen und reicht bis zur Sabotage einer Karriere.

Resultat: Ist das Arbeitsklima zu kompetitiv, beginnt der Konkurrenzkampf unter den Mitarbeitern. Dabei sabotieren sie nicht nur Chefs und Mitarbeiter mit höherem Ansehen und Status, sondern verhindern auch den beruflichen Aufstieg von Kollegen, die sie in Zukunft überflügeln könnten. Besonders häufig kommen die Sabotageversuche laut den Wissenschaftlern in Unternehmen mit einem ausgeprägten Wettbewerb unter den Mitarbeitern vor. Der kann zum Beispiel durch leistungsbasierte Bonussysteme angefacht werden.

Mythos 2: Grossraumbüros fördern die Zusammenarbeit

Der Trend zu offenen und transparenten Grossraumbüros statt abgeschlossenen oder zumindest klar unterteilten Arbeitsplätzen wird oft mit dem Argument untermauert, dass dies die Kommunikation unter den Mitarbeitern fördert und so die Zusammenarbeit und letztlich die Produktivität erhöht. Gut möglich, dass eine solche Businessarchitektur den Unternehmen Kosten spart, aber die positiven Effekte auf die Kommunikation unter den Mitarbeitern sind ein Mythos.

Im Trend: Mitarbeiter im Grossraumbüro. Foto: iStock

Die Studie
Wirtschaftswissenschaftler von der Harvard Business School haben in zwei Experimenten gezeigt, dass die direkten Interaktionen zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einer offenen Struktur drastisch abnehmen. Die Forscher um Ethan Bernstein und Stephen Turban haben dazu 52 Angestellte am Hauptsitz eines grossen Unternehmens vor und nach der Umgestaltung ihres Arbeitsplatzes hin zu einer offenen Struktur drei Wochen lang mittels eines «soziometrischen Badges» und eines Mikrofons verfolgt und ihren elektronischen Austausch analysiert. Mithilfe des Badges konnten die Wissenschaftler die direkten Augen-zu-Augen-Gespräche messen. Dabei zeigte sich, dass direkte Gespräche um 70 Prozent zurückgingen, währendessen ihre E-Mail-Nutzung um 67 Prozent und ihre SMS-Tätigkeit um 75 Prozent hochschnellten. Die Angestellten waren in den Bereichen Verkauf, Entwicklung und Personal tätig. Offenbar bevorzugen es viele Mitarbeiter, in einer offenen Arbeitsplatzstruktur nicht mehr direkt zu kommunizieren. Während unzählige Studien die negativen Einflüsse eines Grossraumbüros auf die Zufriedenheit und die Kommunikation gezeigt haben, konnten Bernstein und Turban die Art des veränderten Austauschs erstmals objektiv messen.

Mythos 3: Brainstorming im Team ist kreativ

Der Glaube, dass mehrere Köpfe zusammen zu besseren Ideen kommen als nur einer, ist nicht nur bei Unternehmen weit verbreitet. Aber in der Geschäftswelt wird das Brainstorming nicht selten geradezu zum Businessmodell hochstilisiert. Kreative und auch weniger kreative Mitarbeiter werden in einen Raum gepfercht in der Hoffnung, aus ihnen mittels Mindmapping oder anderen ausgefeilten Methoden die eine Blitzidee für das Projekt, für die Abteilung, für den ganzen Konzern herauszupressen. Zwar profitieren Mitarbeiter in der Tat von Feedback und gegenseitigem Lernen, aber dass Brainstorming in der Gruppe mehr und bessere Ideen hervorbringen kann als ein Einzelner ist ein Mythos.

Gruppenarbeit als Nachteil: Kollegen beim Brainstormen. Foto: iStock

Die Studie

Die amerikanischen Psychologen und Kreativitätsforscher Nicholas Kohn und Steven Smith von der Texas A&M University haben 2012 die Effekte des Brainstorming genauer untersucht und herausgefunden, dass Brainstorming-Gruppen zu schnell auf eine meist nicht optimale Idee fokussieren, anstatt die ganze Bandbreite zu öffnen. Drei kognitive und gruppendynamische Mechanismen sind dafür hauptverantwortlich. Erstens spielt die sogenannte Verankerung der erstgenannten Idee eine Rolle, ein kognitiver Bias, der das Aufkommen weiterer potenziell besserer Ideen verhindert. Dieser Effekt wird verstärkt durch eine bewusste oder unbewusste Gruppendynamik, die dazu führt, dass nicht alle Beteiligten ihre Ideen überhaupt auf den Tisch legen. Möglicherweise scheuere Mitarbeiter oder Untergebene halten sich zurück, kommt hinzu, dass es einfacher ist, sich in einer Gruppe wegzuducken. Und zuletzt dämpft der Druck, Ideen im Plenum äussern zu müssen, die Kreativität der einzelnen Mitarbeiter ganz direkt. Ältere Studien mit Studenten haben gezeigt, dass doppelt so viele Lösungen für ein spezifisches Problem resultierten, wenn die Studenten für sich arbeiteten statt in einer Gruppe.

Mythos 4: Ihr Chef ist von Natur aus besser

Ob explizit geäussert oder nur gedacht: Das Leistungsprinzip ist das Leitmotiv in unserer Wirtschaftswelt. Das bedeutet vor allem auch, dass die Mitarbeiter mit den besten Leistungen auch die besten Karrierechancen haben und also zum Chef werden sollten. Doch leider ist dem nicht so. Und dabei geht es noch nicht einmal um sogenannte weiche Faktoren wie die Fähigkeit zum Netzwerken oder gar zur Mauschelei und Vetternwirtschaft. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass selbst so unscheinbare Faktoren wie der Geburtsmonat und der Name einen Einfluss darauf haben, wer sich zum Chef hochschwingen kann und wer nicht.

Schauspieler Steve Carell alias Michael Scott ist der Boss in der US-Erfolgsserie «The Office». (Video: YouTube)

Die Studie
Wirtschaftswissenschaftler um den Kanadier Maurice Levi haben 2012 gezeigt, dass sogar der Geburtsmonat die Auswahl von CEOs von grossen amerikanischen Unternehmen beeinflusst. Die Studie zeigte, dass Menschen, die in den Monaten Juni und Juli geboren wurden, überproportional selten Chefs werden. Laut der Forscher könnte dies damit zu tun haben, dass sie als Kinder in ihrem Jahrgang jünger eingeschult wurden als ihre Altersgenossen. Einen ähnlichen Effekt haben die Namen. Forscher um den US-Marketingprofessor Adam Alter zeigten ebenfalls im Jahr 2012, dass Beschäftigte mit einfachen Namen in Anwaltskanzleien durchschnittlich höhere Positionen erreichen als solche mit schwierigeren Namen. Die Hypothese: Laut der Forscher werden Menschen mit leichter auszusprechenden Namen positiver bewertet. Und schliesslich zeigte eine andere Studie, dass selbst in der so rationalen Welt der Wirtschaftswissenschaften irrationale Gegebenheiten Karrieren beeinflussen: Forscher um Liran Einav von der renommierten Universität Stanford in Palo Alto, Kalifornien, zeigten, dass Wirtschaftswissenschaftler mit einem Nachnamen, der früher im Alphabet erscheint, in ihrem Fach erfolgreicher waren, gemessen an ihrer akademischen Position oder den erhaltenen Preisen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.07.2018, 11:43 Uhr

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