Vitaminpillen nützen nichts – und können sogar gefährlich sein

Der renommierte US-Forscher Francis Collins warnt vor den Präparaten. Doch der Glaube an künstliche Vitamine hält sich hartnäckig.

Für jedes Leiden das passende Präparat: Die Versprechungen der Hersteller sind zu verlockend, um sie zu hinterfragen. Foto: Science Photo Library

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 11. Mai 2019.

Was soll man da machen, wenn selbst die eigenen Angehörigen nicht auf die Ratschläge des Arztes in der Familie hören wollen? Dabei ist Francis Collins nicht irgendein Doktor. Der Direktor der einflussreichen Gesundheitsinstitute der USA (NIH) hat entscheidend zur Entschlüsselung des Genoms beigetragen und gilt seit Jahren als heisser Anwärter auf den Medizinnobelpreis. Aber auch der vermutlich mächtigste Arzt Amerikas kann offenbar nichts dagegen tun, wenn einige Mitglieder seiner Familie regelmässig Vitaminpräparate schlucken, obwohl er öffentlich davor warnt – und selbst natürlich keines der Mittel nimmt.

Collins hat in seinem Blog-Beitrag als NIH-Direktor geduldig erörtert, dass Vitamine aus Lebensmitteln wie Obst, Fleisch oder Getreide zwar gesund sind und zu einer ausgewogenen Ernährung gehören, weil sie der Körper nun mal nicht selber herstellen kann. Werden sie jedoch in Form von bunten Vitaminpräparaten zugeführt – egal ob es sich dabei um Pillen, Brausetabletten, Säfte oder Spritzen handelt –, haben sie keinen Nutzen. Im Gegenteil, die Ergänzungsmittel und Zusatzpräparate bringen nicht nur keine gesundheitlichen Vorteile, sie schaden tendenziell sogar. «Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate sind kein Ersatz für einen gesunden Lebensstil und eine ausgewogene Ernährung», schreibt Collins.

Wahrhaben will das aber offenbar kaum jemand. Die Versprechungen der Hersteller und der verbreitete Glaube an die Vita­mine sind so mächtig, dass längst ein Milliardenmarkt mit den Tabletten und Essenzen entstanden ist, der beständig weiterwächst. Allein in der Schweiz werden für die Supplemente jedes Jahr mehrere Hundert Millionen Franken ausgegeben. Und den Bewohnern der USA bescheinigen Spötter längst, den teuersten Urin der Welt in die Kanalisation zu spülen. Schliesslich wird ein Grossteil der aufgenommenen Substanzen unverändert über die Nieren wieder ausgeschieden.

Regelmässige Einnahme kann das Krebsrisiko erhöhen

Die aktuelle Studie, die Collins zum Anlass nimmt, um den Glauben an die Vitamine aus der Dose zu erschüttern, ist in den «Annals of Internal Medicine» erschienen und zeigt, wie es mehr als 30'000 Erwachsenen über viele Jahre ergangen ist. Forscher der Tufts University in Boston belegen damit, dass die regelmässige Einnahme von Vitaminpräparaten den Probanden keinerlei gesundheitlichen Nutzen brachte. «Wir konnten dadurch keine Lebensverlängerung feststellen», so das lapidare Fazit der Wissenschaftler um Fang Fang Zhang nach der Auswertung der ­Todes- und Krankheitsfälle.

Der wohl mächtigste Arzt der USA: Francis Collins ist Chef der Nationalen Gesundheitsbehörde – und hält nichts von Vitaminpillen. Foto: Keystone

Auch in Untergruppen zeigte sich kein Nutzen der Nahrungsergänzungsmittel, wie es die Befürworter der Zusatzstoffe immer wieder behaupten: Vitaminpräparate konnten die Sterblichkeit bei Krebsleiden oder Herzerkrankungen auch hier nicht beeinflussen. Im Gegenteil, nahmen die Probanden mehr als ein Gramm Kalzium täglich in Form von Zusatzpräparaten zu sich, kam es sogar etwas häufiger zu Krebserkrankungen als in der Vergleichsgruppe.

Vor Jahren wurde in verschiedenen Studien bereits über einen leichten Anstieg von Krebserkrankungen berichtet, wenn Erwachsene regelmässig Vitaminprodukte schluckten. In einer grossen Gruppe von mehr als 40'000 älteren ­Damen stieg das Krebs- sowie das Herzinfarktrisiko bei jenen an, die Ergänzungspräparate nahmen, so eine Studie aus dem Jahr 2011.

Urologen beobachteten eine Zunahme von Prostatakrebs bei Männern, die regelmässig zu den Pulvern und Pillen griffen. «Auch vermeintlich harmlose Substanzen wie Vitaminpräparate können schaden», warnte der Urologe Eric Klein, der ebenfalls 2011 die entsprechende Studie geleitet hatte. «Verbraucher sollten skeptisch sein, wenn bei frei verkäuflichen Mitteln ein Nutzen für die Gesundheit beworben, aber nicht bewiesen wird.»

Die Bilanz der Supplemente fällt noch negativer aus, wenn berücksichtigt wird, welche Menschen vor allem zu den Vitaminpräparaten greifen: Es sind die Besserverdiener und vermeintlichen Besserversteher, die Pillen und Pulver in dem Glauben konsumieren, sich Gutes damit zu tun. Diese obere Einkommens- und Bildungsschicht gehört aber zu jenem Teil der Bevölkerung, der gesundheitsbewusster lebt, sich ausgewogener ernährt, mehr Sport treibt, seltener raucht und weniger Alkohol trinkt und deswegen eine gleich um mehrere Jahre höhere Lebenserwartung hat. In etlichen Vitaminstudien wurden diese Unterschiede nicht berücksichtigt, sodass die Bilanz für die Zusatzpräparate in ihnen positiver wirkte.

Auch weitere negative Auswirkungen der Vitaminpräparate wurden in den vergangenen Jahren beschrieben. So zeigten dänische Forscher um Goran Bjelakovic anhand der Daten von mehr als 230'000 Erwachsenen, dass Vitaminpräparate nicht nur nichts nützen, sondern in manchen Fällen sogar das Leben verkürzen können. Zu viel des vermeintlich Guten kann eben auch schaden, und die Nebenwirkungen einer Überdosierung sind längst als «Hypervitaminosen» in Lehrbüchern beschrieben. Schliesslich werden nicht alle Vitamine folgenlos mit dem Urin ausgeschieden, ein zu viel an Vitamin A, D oder C kann zu Herzrhythmus­störungen, Erbrechen und entkalkten Knochen führen und während der Schwangerschaft sogar die kindliche Entwicklung stören.

Wie kommt es aber, dass trotz dieser seit mindestens einem Jahrzehnt bekannten ­Nebenwirkungen konservativen Schätzungen nach etwa 20 bis 30 Prozent der Erwachsenen in den industrialisierten Ländern Vitaminpräparate nehmen? In den USA sind es gar 40 bis 50 Prozent. Der verführerische Name, den sich keine PR-Agentur besser hätte ausdenken können, trägt sicherlich dazu bei. Der Begriff Vitamin enthält immerhin «vita» für das Leben und «amin», was nach einer Substanz klingt, die der Körper dringend brauchen könnte. Zudem ist es ja tatsächlich intuitiv schwer nachzuvollziehen, wie ein Stoff so segensreich, gesund und lebensnotwendig sein kann, wenn er in einem herangewachsenen Tier oder einer gereiften Pflanze enthalten ist, aber in Pulver- oder Tablettenform dem Organismus schaden soll.

Eine Portion Gesundheit fürs schlechte Gewissen

Die plausibelste Erklärung dafür heisst: Die Mischung machts. Lebensmittelchemiker illustrieren dies gerne mit dem Apfel oder der Zitrone. In diesen Früchten sind etwa tausend verschiedene Substanzen enthalten, noch sind nicht mal alle Inhaltsstoffe und ihre Bedeutung im Detail bekannt. In einem Vitaminpräparat befindet sich aber nur ein einziger Stoff; in einem Multivitaminpräparat sind es vielleicht ein Dutzend – und diese Menge reicht nicht. Offenbar braucht es die Interaktion der verschiedenen Substanzen im gewachsenen Lebensmittel, damit die Vitamine ihre Wirkung auf die Gesundheit entfalten. Die Natur bekommt das mühelos hin, im Labor oder in der industriellen Produktion gelingt das hingegen nicht – sodass die Produkte den Konsumenten eher schaden, statt ihnen zu nutzen.

So genau will das jedoch kaum jemand wissen. Zu verlockend sind die Versprechungen, die mit dem schnellen Vitaminkick aus der Dose oder Flasche einhergehen. Geboten wird den Menschen damit eine Art moderner Ablasshandel. Nach vermeintlichen Diätsünden wie einer Völlerei mit Steak, Pommes frites oder Kuchen will das schlechte Ernährungsgewissen beruhigt sein. Mit Vitaminpräparaten und anderen Nahrungsergänzungsmitteln soll dem Körper im Gegenzug eine ordentliche Portion Gesundheit eingeflösst werden.

Das funktioniert zwar nicht und hat sich als einer der grössten Ernährungsirrtümer der letzten Jahrzehnte erwiesen. Der Mythos rund um die künstlichen Vitamine scheint dennoch unzerstörbar zu sein. Jedenfalls ist er so stark, dass sogar die Familie des obersten Chefarztes der USA daran glaubt.

Erstellt: 30.05.2019, 19:00 Uhr

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