Von wegen Aids ist überwunden

Entgegen dem weltweiten Trend nehmen in Europa Neuansteckungen mit dem Aidsvirus zu – auch in der Schweiz. Eine Altersgruppe ist besonders bedroht.

Zuerst die positive Nachricht zum Weltaidstag: Neuinfektionen mit HIV und dadurch verursachte Todesfälle nehmen weltweit ab. Das geht aus dem heute veröffentlichten «Fortschrittsbericht 2016» der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor. 2015 steckten sich so wenige Menschen mit dem Virus an wie seit 1991 nicht mehr und die Aids-Sterberate war nie tiefer in den letzten zwei Jahrzehnten.

Die WHO gibt sich deshalb positiv und hat sich ein ehrgeizige Ziel gesetzt: Bis 2030 soll die Zahl der Neuansteckungen auf unter 200’000 pro Jahr gesenkt und die Aids-Epidemie so gut wie beendet werden. Doch UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte umgehend: «Dazu braucht es viel Entschlossenheit. Denn der Fortschritt bleibt brüchig. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen». Ban bezog sich dabei auf einen ebenfalls heute publizierten Bericht von Unicef.

«Der Kampf ist noch lang nicht vorbei, besonders für Kinder und Jugendliche.»Anthony Lake, Unicef-Direktor

Das Kinderhilfswerk schlägt in seiner «Bestandesaufnahme 2016» Alarm: Die Zahl der neuen HIV-Infektionen bei 15- bis 19-Jährigen könne sich bis 2030 fast verdoppeln. Im vergangenen Jahr steckten sich weltweit 250’000 Jugendliche mit Aids an. Wenn sich nichts ändere, steige diese Zahl auf bis zu 400'000, warnt der Bericht. Das wäre ein Rückfall auf den Stand des Jahres 2001.

Sogar wenn der momentane Fortschritt bei der Bekämpfung der tödlichen Immunschwächekrankheit beibehalten wird, muss laut Unicef bis 2030 mit einer Steigerung auf 300’000 Ansteckungen pro Jahr gerechnet werden. Denn die Finanzhilfen sind seit 2014 rückläufig. Hinzu kommen demografische Veränderungen beziehungsweise eine starke Zunahme junger Menschen in der Weltbevölkerung. Sollte sich der Fortschritt gar verzögern, ist gemäss dem Bericht mit 400'000 Infizierten zu rechnen. Er fordert deshalb mehr Investitionen, einen besseren Datenaustausch und ein Ende der Stigmatisierung, die mit der Krankheit verbunden ist.

Zwischen 2000 und 2015 sind durch HIV verursachte Todesfälle bei allen Altersgruppen zurückgegangen – Jugendliche ausgenommen. Bei den 10- bis 19-Jährigen verdoppelte sich die Zahl sogar von 18’000 auf 41’000. Aids ist damit eine der häufigsten Todesursachen unter Teenagern.

Und für Unicef gibt es noch einen weiteren Grund, Alarm zu schlagen: HIV scheint bei Europäern kaum noch ein Thema zu sein – und dies, obwohl die Zahl der Neuinfektionen in Europa entgegen dem weltweiten Trend zunimmt.

«2015 wurde eine rekordhohe Ansteckungszahl registriert.»Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten

Im vergangenen Jahr wurde bei mehr als 153'000 Menschen in Europa das Immunschwächevirus neu festgestellt und damit ein Rekordhoch erreicht. Das geht aus einem Bericht hervor, den das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und das Kopenhagener Regionalbüro der WHO heute veröffentlichten.



Demzufolge steigt die Zahl der Neuansteckungen in Europa kontinuierlich – auch, weil viele gar nicht wissen, dass sie das Virus in sich tragen und andere Personen anstecken. Denn zwischen Infektion und Diagnose vergehen durchschnittlich vier Jahre. Jeder siebte Betroffene ahnt nicht, dass er HIV-positiv ist.

Vor allem in osteuropäischen Ländern sei die Ansteckungsgefahr gross, heisst es im Bericht. Die Zahl der Fälle sei dort in den letzten zehn Jahren um 80 Prozent gestiegen. In Russland haben sich mit über 98'000 Menschen so viele infiziert wie noch nie seit Beginn der Krankheit – und das sind nur die offiziellen Zahlen. Während sich in West- und Zentraleuropa hauptsächlich Männer gegenseitig ansteckten, nimmt in Osteuropa die Übertragung bei heterosexuellen Paaren zu. Ein Drittel der neu Betroffenen hat sich bei der Injektion von Drogen angesteckt.

«4 Prozent mehr HIV-Diagnosen in der Schweiz als im Vorjahr.»Bundesamt für Gesundheit

Auch in der Schweiz wurde 2015 zum ersten Mal seit sieben Jahren ein Anstieg der Neudiagnosen verzeichnet. 538 HIV-Fälle (409 davon bei Männern) bedeuteten eine Zunahme von 4 Prozent gegenüber 2014. Der aktuelle Anstieg liege jedoch im Rahmen jährlicher Zufallsschwankungen und es bestünden Unterschiede je nach Geschlecht und Ansteckungsweg, schreibt das Bundesamt für Gesundheit. «Darum lässt sich nicht beurteilen, ob die aktuelle Zunahme eine Trendwende markiert.»

Nach Auffassung von Experten sollten auch die westlichen Länder auf jeden Fall ihre Aufklärungsarbeit verbessern. «Das Gesundheitspersonal sollte öfter einen HIV-Test anbieten», sagte eine ECDC-Sprecherin. Es solle normal sein, sich regelmässig checken zu lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2016, 13:11 Uhr

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