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Von wegen sanft

Das Magenmittel Iberogast kann schwere Leberschäden verursachen. Die Hersteller wiesen allerdings jahrelang nicht auf die Gefahr hin.

Bei Konsumenten sehr beliebt: Das Medikament Iberogast ist in die Kritik geraten. Foto: Instagram
Bei Konsumenten sehr beliebt: Das Medikament Iberogast ist in die Kritik geraten. Foto: Instagram

Der Vertrauensvorschuss ist riesig. Von pflanzlichen Arzneimitteln erwarten viele Menschen nur Gutes, schliesslich gelten sie als natürlich, sanft und vor allem als harmlos. In diese Kategorie gehörte über Jahrzehnte das frei verkäufliches Mittel Iberogast, ein pflanzlicher Klassiker, der bereits 1960 auf den Markt kam. Einem Bericht des Handelsblatts zufolge ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln jetzt im Umfeld des Pharmakonzerns Bayer, der das Präparat gegen Reizdarm, Blähungen und anderen Beschwerden des Verdauungstraktes anpreist.

Es «nutzt die Kraft von neun Heilpflanzenextrakten, um auf natürliche Weise effektiv und umfassend mehrere Symptome zu lindern», so die Werbung des Herstellers, damit sich «Magen und Darm im Gleichgewicht» befinden.

«Pflanzliches Arzneimittel»: Mit Kräutern wird für die Natürlichkeit des Medikaments geworben. Foto: Instagram
«Pflanzliches Arzneimittel»: Mit Kräutern wird für die Natürlichkeit des Medikaments geworben. Foto: Instagram

Doch das Mittel könnte zuletzt einen Todesfall verursacht haben, der sich womöglich hätte verhindern lassen, wenn Bayer früher vor den potenziellen Nebenwirkungen gewarnt hätte. Präziser auf mögliche Gefahren hinzuweisen, hatte das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bereits 2008 angeordnet und den Hersteller aufgefordert, Anwendungsbeschränkungen in die Produktinformation aufzunehmen. Damals wurde das Mittel noch von der Firma Steigerwald produziert, die 2013 von Bayer übernommen wurde.

Beide Unternehmen hatten sich lange geweigert, die angeratenen Warnhinweise aufzunehmen, dafür wurden seit 2016 die Werbemassnahmen intensiviert. Das Präparat hält sich seit Jahren in den Top Ten der freiverkäuflichen Medikamente, der Jahresumsatz mit dem Mittel wird auf etwa 120 Millionen Euro geschätzt.

Dabei enthält die Kräutertinktur Schöllkraut, das schon in der Antike als wirksam gegen Warzen galt und mit dessen Saft «Schwalben ihre erblindeten Jungen heilen», wie Plinius der Ältere beobachtet haben wollte. Eingenommen kann Schöllkraut Zellen schädigen, zu Schwindel, Erbrechen, blutigen Durchfällen und Kreislaufstörungen führen und lebertoxisch wirken, wie seit Jahren dokumentiert ist.

Nebenwirkung seit Jahren bekannt: Schöllkraut kann im Körper schwere Schäden verursachen. Foto: Heinz Diener/Keystone
Nebenwirkung seit Jahren bekannt: Schöllkraut kann im Körper schwere Schäden verursachen. Foto: Heinz Diener/Keystone

Schon 2002 hatte das Deutsche Ärzteblatt über «schwere Leberschäden» berichtet, «valide Wirksamkeitsnachweise» bemängelt, sodass die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft konstatierte: «Die Datenlage ist äusserst dürftig.»

«Dem zugegangene Nebenwirkungsmeldungen erhärten jetzt den Verdacht auf Hepatotoxizität», konstatierte das pharmakritische Arzneimittel-Telegramm im vergangenen Jahr, darunter sei ein bekannt gewordener zweiter Bericht über einen Fall mit Leberversagen aus dem Juli 2018, bei dem nach der Einnahme des Medikaments eine Lebertransplantation notwendig wurde, die «anders als in einem früheren Bericht 2016 tödlich endete». Erst nach diesen Vorkommnissen wurde der Beipackzettel verändert.

Inzwischen steht in der Gebrauchsinformation, das Präparat solle nicht angewendet werden, «wenn Sie an Lebererkrankungen leiden oder in der Vorgeschichte litten oder Arzneimittel mit leberschädigenden Eigenschaften anwenden». Zudem sollte die Einnahme beendet und ein Arzt aufgesucht werden, bei «Zeichen einer Leberschädigung (Gelbfärbung der Haut oder Augen, dunkler Urin, entfärbter Stuhl, Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit, Appetitverlust, Müdigkeit)». Ein Gutachten soll klären, ob der Todesfall in Zusammenhang mit dem Medikament steht.

Eine Bayer-Sprecherin erklärte auf Anfrage, es handele sich dabei um eine «äusserst seltene, dosisunabhängige Reaktion auf Substanzen, die in der Regel von Menschen sicher toleriert werden»; zudem sei «das Nutzen-Risiko-Profil von Iberogast weiterhin positiv».

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