Warum kein Kind «besonders» sein sollte

Immer mehr Kinder weisen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung auf. Eine Studie ortet die Ursache selbstverliebter Kinder in übertriebener elterlicher Zuwendung – und gibt den Eltern einen unkonventionellen Rat.

«Du bist etwas ganz Besonderes»: Eine achtjährige Schönheitskönigin posiert mit ihren Trophäen. (21. September 2006)

«Du bist etwas ganz Besonderes»: Eine achtjährige Schönheitskönigin posiert mit ihren Trophäen. (21. September 2006) Bild: Stefano Paltera/Keystone

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Sie fühlen sich anderen überlegen und erwarten eine Sonderbehandlung: Immer mehr Kinder in westlichen Ländern sind krankhaft selbstverliebt, schreiben Wissenschaftler um Eddie Brummelman von der Universität Amsterdam. Das schadet den Kindern und auch der Gesellschaft, mahnen die Forscher.

In ihrer Studie fanden sie die Ursache von Narzissmus bei den Eltern. Mütter und Väter, die ihre Kinder für etwas Besseres halten, fördern die Entwicklung dieser Persönlichkeitsstörung:

Die Psychologen und Erziehungswissenschaftler befragten in einer Langzeitstudie 565 niederländische Kinder zwischen 7 und 11 Jahren sowie deren Eltern während zwei Jahren alle sechs Monate.

Jene Heranwachsenden, deren Eltern angaben, ihr Nachwuchs sei «besonderer als andere Kinder» oder «verdiene im Leben etwas Aussergewöhnliches», hatten später narzisstischere Persönlichkeiten: Sie besassen wenig Einfühlungsvermögen und reagierten überempfindlich auf Kritik. Demnach ist es dem Wohl eines Kindes nicht förderlich, wenn Väter oder Mütter es für ein «Geschenk Gottes an die Menschheit» halten.

«Kinder glauben ihren Eltern, wenn die ihnen sagen, sie seien besser als andere», wird Ko-Autor Brad Bushman von der Ohio State University in einer Mitteilung der Universität zitiert. «Für sie selbst und auch für die Gesellschaft kann das nicht gut sein.»

Übertriebene Zuwendung

Narzissmus ist nach Ansicht der Forscher ein Resultat übertriebener elterlicher Zuwendung – und nicht von zu wenig. Dies stütze die soziale Lerntheorie und widerspreche dem psychoanalytischen Ansatz, schreiben sie.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff aus Bonn sieht die Ursache auch in immer stärker gestressten Eltern: «Eltern fühlen sich heute mehr unter Druck», sagt Winterhoff. «Sie wollen aber unbedingt, dass es ihrem Kind bessergeht. Deshalb bekommen Kinder immer mehr.» Das mache sie aber nicht lern- und leistungsbereit:

«Immer mehr Erwachsene sind in dieser Gesellschaft überfordert»: Michael Winterhoff im Interview mit Birgitt Lechtermann. Video: Verlagsgruppe Random House / Youtube

«Wir müssen uns klar sein, dass diese Menschen nicht lebenstüchtig sind», meint der Experte. «Sie sind zum Beispiel nicht in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.» In der Schule würden sie sich häufig verweigern. Glückliche Kinder seien das nicht, meint der Jugendpsychiater.

Narzissmus sei allerdings nicht mit einem hohen Selbstwertgefühl zu verwechseln, warnen die Forscher. Auch das hatten sie abgefragt. Eltern, die ihre Kindern mit viel emotionaler Wärme behandelten, stärkten das Selbstwertgefühl. «Menschen mit hohem Selbstwertgefühl sehen sich auf Augenhöhe mit anderen, während Narzissten denken, sie ständen darüber», erklärt Bushman. (pst/sda)

Erstellt: 09.03.2015, 21:52 Uhr

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