Was die Fingernägel uns sagen

Mit wüsten Fingernägeln getrauen sich viele kaum mehr unter die Leute. Doch nur hinter wenigen Verformungen verbergen sich ernsthafte Krankheiten.

Wer dieses Rillenmuster schon immer auf den ­Nägeln trägt, hat einfach eine Veranlagung dafür. Foto: Linda Steward (E+)

Wer dieses Rillenmuster schon immer auf den ­Nägeln trägt, hat einfach eine Veranlagung dafür. Foto: Linda Steward (E+)

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Vor gut zwei Jahren stellte Hilde Horvàth plötzlich fest, dass etwas mit ihren Fingernägeln nicht mehr stimmte. «Ich hatte immer schöne, starke Nägel », erinnert sich die 79-Jährige aus Thayngen SH. Doch nun wurden sie zunehmend fleckig, dünn und brüchig. Zudem waren die Fingerbeeren geschwollen und empfindlich. Das Schreiben am Computer sei schmerzhaft gewesen, sagt die Autorin von Romanen und Kurzgeschichten.

Die Ärzte waren ratlos. Bekannte fragten, ob sie ein Ekzem habe, und scheuten sich, ihr die Hand zu schütteln. Die Autorin traute sich für zwei Jahre nicht mehr, Lesungen abzuhalten. «Es sieht grässlich aus, wenn man beim Büchersignieren fast nicht schreiben kann.»

Hilde Horvàth litt an einer speziellen Form von Nagelpsoriasis, wie der Bülacher Dermatologe Andreas Müller schliesslich feststellte. Die chronische Erkrankung manifestiert sich im Nagel bildenden Gewebe an der Oberseite, worauf minderwertige Nägel – sogenannte Tüpfelnägel – gebildet werden. Geholfen hat Horvàth dann eine Röntgenbestrahlung, die sie sechsmal innert dreier Wochen durchführen musste.

Teil der Haut

Verformungen an den Fingernägeln sind häufig. Die meisten seien harmlos, sagt Müller. «Es handelt sich in der Regel lediglich um ein ästhetisches Problem. Doch viele Betroffene stören sich enorm daran.» Die Hände seien eben ein sichtbarer Körperteil. Viele Frauen überdecken Auffälligkeiten mit Nagellack. Manche Verformungen sind aber bei feinmotorischen Tätigkeiten hinderlich – etwa beim Öffnen von Knöpfen.

Einige der Abnormitäten gehen mit ernsthaften körperlichen Krankheiten einher.

Hautarzt Müller nimmt ein medizinisches Lehrbuch zur Hand, blättert darin und präsentiert Hunderte verschiedener Bilder von verunstalteten Finger- und Fussnägeln. Ein wahres Gruselkabinett: Da sind wüste Verdickungen zu sehen, nach oben oder unten gekrümmte sowie abstehende oder abgebrochene Nägel. Auch solche mit Quer- oder Längsrillen, Dellen, braun-gelben Verfärbungen oder Flecken kommen vor.

Einige der abgebildeten Abnormitäten gehen mit ernsthaften körperlichen Krankheiten einher. Doch entgegen der Volksmeinung komme es selten vor, dass man aufgrund veränderter Nägel auf eine Krankheit aufmerksam werde, erklärt Müller. Meist habe sie sich längst vorher durch andere Symptome bemerkbar gemacht.

Bekannte fragten, ob sie ein Ekzem habe, und scheuten sich, ihr die Hand zu schütteln: Die Autorin Hilde Horvàth litt an Nagelpsoriasis. Foto: Andrea Zahler

Dennoch sieht sich der Hautarzt bei seinen Patienten stets auch die Nägel an. Diese sind nämlich wie die Haare Teil der Haut. Das Hornmaterial wird in der Nagelwurzel unter der Haut gebildet und schiebt sich dann ganz langsam nach vorne. Deshalb werden körperliche Schwächezustände erst viel später auf den Nägeln sichtbar. Bei der Grosszehe kann es bis zu fünfzehn Monaten dauern, während die Fingernägel durchschnittlich einen Millimeter pro Monat wachsen. Die häufigsten Auffälligkeiten an den Nägeln und was sie bedeuten können:

  • Längsrillen: Wer dieses Rillenmuster schon immer auf den ­Nägeln trägt, hat einfach eine Veranlagung dafür. Tritt die Riffelung erst im Laufe des Lebens auf, handelt es sich, wie bei Hautfalten, um eine normale ­Alterserscheinung.
  • Querrillen: Die Nagelproduktion erfolgt unregelmässig. Ursache können Fieberschübe sein, entzündliche Krankheiten, Verletzungen an der Nagelwurzel, Pilze oder Bakterien.
  • Dellen oder Rillen: Sie können entstehen, wenn man sich oft an der Nagelwurzel reibt (dabei handelt es sich meist um einen unbewussten Tick).
  • Braune Verfärbungen der Zehennägel: Sie treten häufig bei Menschen auf, die regelmässig joggen, Fussball spielen oder andere Sportarten treiben, bei denen Druck auf die Nägel entsteht. Auch bei einem Hallux valgus können die Nägel aufgrund der Zehenverschiebungen unter Druck geraten.
  • Schieferartige Splitterungen: Diese sieht man bei Personen, die oft nasse Hände haben und mit Putzmitteln hantieren – oder acetonhaltigen Nagellackentferner benutzen.
  • Weisse Punkte: Sie entstehen meist nach Verletzungen an der Nagelmatrix (Nagelwurzel), die erst Wochen bis Monate später sichtbar werden und langsam herauswachsen. Dass Kalziummangel zu weissen Punkten führt, ist ein Irrtum.
  • Dunkle Punkte: Sind meist auf winzige Blutergüsse zurückzuführen, die entstehen, wenn man sich zum Beispiel den Finger einklemmt. Besorgnis angebracht ist hingegen, wenn es sich um dunkle Streifen handelt, die nicht herauswachsen: Dann könnte ein Melanom (schwarzer Hautkrebs) dahinterstecken.
  • Brüchige Nägel: Schilddrüsenerkrankungen können zu empfindlichen, brüchigen Nägeln führen. Möglicherweise steckt aber auch ein Mangel an Biotin dahinter; das Vitamin ist zum Beispiel enthalten in Eigelb, Weizenkleie, Spinat und Leber.
  • Pincer Nail: Eine Verdickung der Zehennägel, die durch eine ungünstige Form des Nagelbetts zustande kommt. Weil es hinten breiter ist als vorne, wird mehr Nagelmaterial produziert, als im Nagelbett Platz hat. Folge: Die Nägel rollen sich vorne zusehends seitwärts auf. Die Verformung kann zu Druckstellen und Schmerzen in den Schuhen führen. Behandelt werden kann sie mit Klammern (wie bei einer Zahnspange); bei schlimmen Beschwerden können die Nägel operativ verschmälert werden. Einfacher ist es, genügend breite Schuhe zu tragen.
  • Löffelnägel: Die Nägel bilden in der Mitte eine Quergrube und wölben sich gegen vorne aufwärts. Es kann sich um eine angeborene, harmlose Eigenheit handeln oder eine Begleiterscheinung bei Eisenmangel, selten auch bei einer Schilddrüsenerkrankung.
  • Uhrglasnägel: Runde, stark nach oben gewölbte Nägel. Sie treten bei chronischem Sauerstoffmangel auf, zum Beispiel bei einer Lungenerkrankung.
  • Nagelpilz: Unbehandelter Fusspilz kann auf die Nägel übergreifen. Meist macht er sich zuerst durch weissliche Flecken oder Streifen bemerkbar. In fortgeschrittenem Stadium verfärben sich die Nägel weiss-gelblich bis bräunlich, verdicken sich, werden porös oder heben sich gar vom Nagelbett ab. Bei Beschwerden ist eine medikamentöse Behandlung möglich.
  • Nagelpsoriasis Bei manchen Psoriasis-Patienten tritt die Wucherung der Hautzellen hauptsächlich an den Nägeln auf. Sie verfärben sich weiss, werden dick, stehen vom Nagelbett ab und sind druckempfindlich.

Alles Mögliche ausprobiert

Und was hält der Facharzt von den verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln, die bei Nagelproblemen empfohlen werden? «Das ist ein grosses Geschäft», sagt Andreas Müller. Häufig werde zu viel ins Erscheinungsbild der Fingernägel hineininterpretiert.

Auch Hilde Horvàth hat in ihrer Verzweiflung alles Mögliche ausprobiert – ohne Erfolg. «Ich versuchte es mit Lichttherapie und schmierte Salben im Wert von Hunderten von Franken ein.» Unterdessen haben sich ihre Nägel aber langsam erholt. Horvàth hält wieder Lesungen. Und wenn das Publikum um eine Widmung bittet, geniert sie sich nicht mehr, ihre Hände mit den nun gesunden Fingernägeln zu zeigen.

Erstellt: 03.11.2019, 15:45 Uhr

So pflegen Sie Ihre Nägel

Schneiden: Nicht zu kurz schneiden, sodass der Nagelrand noch leicht über das Nagelbett hinausragt. Der Schnitt sollte leicht rund sein und sich der Nagelform anpassen. In den Ecken darf man aber nicht zu tief hinunterschneiden – sonst besteht die Gefahr, dass man das Nagelbett verletzt.

Nagelhäutchen: Es dient dem Schutz der Nagelwurzel und verhindert, dass Keime eintreten. Man sollte es deshalb weder zurückschieben noch wegkratzen.

Kosmetik: Nagellack tut den Nägeln nicht gut; er trocknet sie aus und kann sie spröde machen. Gleiches gilt für die Gelnägel, die mit UV-Licht gehärtet werden. Sie müssen später mit aufweichenden Mitteln wieder entfernt werden – eine Prozedur, die zusätzlich schadet. «Farbige Nägel im Sommer sind okay», sagt Manuela Sauser, Podologin in Bern. «Doch zwischendurch sollte man den Nägeln immer wieder mal eine Verschnaufpause gönnen.» (asö)

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