Weckruf für die Spitalpolitik

In kaum einem anderen Land, nicht einmal in den USA, hängt die Sterblichkeit von Kindern mit Hirntumoren so sehr von der Bildung der Eltern ab wie bei uns.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, die der Schweiz nicht würdig ist. Kinder aus weniger gebildeten ­Familien sterben häufiger an Hirntumoren als Kinder aus gebildeten Familien. Das zeigt eine Studie von Schweizer Forschern.

Eine überraschende Erkenntnis für die Schweiz mit ihrem gut ausgebauten und teuren Gesundheitswesen. Zumal diese soziale Schere in Ländern mit vergleichbarem Entwicklungsstand nicht festgestellt werden konnte. Ein ähnlicher Befund sei bisher nur aus Südkorea bekannt, heisst es in der Studie. Selbst in den USA mit ihrer Zweiklassenmedizin sei die Ungleichheit bei der Sterblichkeit von Kindern mit Hirnkrebs bedeutend kleiner.

Hirntumore sind seltene Erkrankungen, die erst noch in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten. Darum sind die Therapien nicht derart standardisiert wie bei anderen Krebsarten. Die Forscher vermuten, dass gebildetere Eltern eher eine Zweit- oder Dritt­meinung einholen und so indirekt mehr Druck auf eine State-of-the-Art-Therapie machen. Das wäre allerdings ein tragisches Systemversagen. Es kann doch nicht sein, dass in einem so hoch spezialisierten ­Bereich die Qualität der Behandlung vom Einsatz der ohnehin schwer geprüften Eltern abhängt.

Die Aufsplitterung des Schweizer Gesundheits­wesens akzentuiert gemäss den Studienautoren diese Ungerechtigkeit. Hierzulande bieten neun Zentren die Behandlung von Hirntumoren an, mit zum Teil sehr tiefen jährlichen Fallzahlen. Es ist jedoch erwiesen, dass die Qualität der Behandlung von der Anzahl ­behandelter Fälle abhängt.

Das ist das alte Lied der Zentralisierung der ­Spitzenmedizin. Doch die Anstrengungen scheitern immer wieder an den Partikularinteressen der einzelnen Regionen. Zwar gibt es gerade bei Kindern verständliche Argumente für eine Pflege und Behandlung in der Nähe; die kleinen Patienten sind besonders ­verletzlich, und eine Therapie weit weg von zu Hause ist gerade für sie psychisch belastender. An oberster Stelle sollte jedoch in jedem Fall sein, den Kindern die bestmögliche Behandlung zu bieten. Selbst wenn das auf Kosten einer föderalistischen Spitalpolitik geht.

Erstellt: 11.05.2016, 23:48 Uhr

Artikel zum Thema

Hirntumor: Benachteiligte Kinder sterben eher

Eine neue Studie zeigt, dass in der Schweiz die Überlebenschance bei Kindern mit Hirnkrebs geringer ist, wenn die Eltern ein tiefes Bildungsniveau aufweisen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...