Wein auf Bier, das rat ich dir – stimmt das überhaupt?

Eine neue Studie über den Genuss von Alkohol hat eine alte Weisheit geprüft. Wissenschaftler haben dabei keinen Aufwand gescheut.

Alkoholgenuss: Der Volksmund muss nicht immer recht haben. (Symbolbild)

Alkoholgenuss: Der Volksmund muss nicht immer recht haben. (Symbolbild) Bild: Martin Rütschi/Keystone

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Wer kennt sie nicht, die Sprüche aus dem Volksmund, die einem das Leben schöner und angenehmer machen sollen. Zu diesem Schatz an Weisheiten gehört auch die viel zitierte Redewendung «Bier auf Wein, das lass sein – Wein auf Bier, das rat ich dir». Sie kommt einem oft am Freitagnachmittag in den Sinn, wenn das Wochenende lockt und man sich gedanklich für die nächste Party rüstet.

Der Deutsche Kai Hensel ist Facharzt für Kinderheilkunde und Notfallmediziner, seit dem letzten Sommer arbeitet er an der berühmten Universität im englischen Cambridge. Er dachte, an dieser Weisheit mit den Genussmitteln Bier und Wein müsse was dran sein. Zusammen mit Wissenschaftlern und Professoren wollte er für einmal «im Leben eine Studie durchführen, die einfach nur Spass macht», erklärt er gegenüber «Spiegel online». Die Studie solle aber auch höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen und wasserdicht sein.

Also machten sich Hensel & Co. an die Arbeit. Wie lässt sich der Kater am besten messen? Wie stark müssen sich die Teilnehmer betrinken, damit die Studie aussagekräftige Resultate liefert? Das waren nur einige Fragen, die im Konzept enthalten waren und beantwortet werden mussten. Ganz wichtig: Die Studie musste so durchgeführt werden, dass niemand zum Alkoholiker wurde oder gesundheitliche Schäden davontrug. Allein die Planung habe zwei Jahre gedauert, erinnert sich Hensel. Das Konzept der Studie widerstand allfälligen Bedenken der Ethikkommission der traditionellen englischen Universität.

In drei Gruppen aufgeteilt

Der Arzt wusste, dass sich «fast alle Studien mit den langfristigen Auswirkungen von Alkoholkonsum beschäftigen». Über kurzfristige Folgen des Alkohols allerdings ist kaum etwas bekannt. Hensel und seine Kollegen fanden knapp hundert (gesunde) Freiwillige, zwischen 19 und 40 Jahren, die sich einem Schluck Bier oder einem Glas Wein nicht abgeneigt zeigten. Dabei achteten die Forscher darauf, dass jeder Teilnehmer zwei Pendants hatte (ungefähr gleiches Alter und Geschlecht, ähnlicher Body-Mass-Index und ähnliches Trinkverhalten).

Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe trank am ersten Versuchsabend zuerst Bier, dann Weisswein, bis sie einen Blutalkoholgehalt von 1,1 Promille erreicht hatte. Beim zweiten Abend wurde die Reihenfolge der Getränke gewechselt. Die zweite Gruppe trank fast das Gleiche, nur, dass sie am ersten Abend mit Wein startete und am zweiten Bier trank. Die sogenannte Kontrollgruppe genoss an einem Abend ausschliesslich Bier und am anderen Wein.

Peinlich genaue Untersuchung

Das Forschungsteam achtete auch auf Punkte, die den Kater beeinflussen können, beispielsweise Nahrung und Schlaf. Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen erhielten ein standardisiertes Essen, nur die Mengen wurden an Alter und Geschlecht angepasst. Hensel würdigt in diesem Zusammenhang die Leistungen der Küche: «Wir haben an manchen Versuchstagen zwölf Kilogramm Nudeln gekocht.» Vor dem Schlafengehen gab es eine bestimmte Menge Wasser, auch der Schlaf war punkto Stunden und Raumtemperatur geregelt.

Eine Tabelle in der Studie zeigt, wie viel Alkohol es bei den Gruppen brauchte, um 1,1 Promille zu erreichen, schreibt Spiegel.de. Im Durchschnitt hätten die Teilnehmer erst 1,3 Liter Bier und anschliessend zwischen 0,6 und 0,7 Liter Wein getrunken. Gab es nur Bier, hätte sich die Menge auf 2,6 Liter pro Person summiert, beim Wein auf 1,2 Liter. Die Probanden seien im Durchschnitt erst 24-jährig gewesen und von stattlicher Statur. Das habe dazu geführt, dass sie doch recht viel Alkohol benötigten, um auf 1,1 Promille zu gelangen. Einige hätten sich übergeben müssen, sagt Hensel. «Aber die Sicherheit der Probanden hatte für uns natürlich oberste Priorität.»

Die Einschätzung des Katers

Nach dem Wecken mussten alle Testpersonen anhand acht verschiedener körperlicher Symptome von Müdigkeit über Schwindel bis zum Schlechtwerden ihren Kater einschätzen, und zwar auf einer Skala von null bis sieben. Schliesslich verglichen die Forscher die Resultate.

Und das Fazit dieser doch recht ungewöhnlichen Studie? Sie räumt mit einer alten Weisheit auf. «Zumindest beim verwendeten Lagerbier und Weisswein machte es keinen Unterschied, in welcher Reihenfolge die Teilnehmer tranken und ob sie nur bei einem Getränk blieben», fasst Spiegel.de das wissenschaftliche Experiment zusammen. Ein weiterer Punkt: Teilnehmer, die sich selbst als betrunken einschätzten oder sich noch am Abend übergeben mussten, fühlten sich tags darauf schlechter als die anderen.

Die Untersuchung kommt beim zweiten Punkt zum Schluss, der von der Allgemeinheit wohl unterschrieben werden würde: Der Körper zeigt an, wann es Zeit ist, mit dem Bechern aufzuhören. Damit käme eine andere Weisheit zum Tragen: Weniger ist manchmal mehr. (fal)

Erstellt: 08.02.2019, 17:55 Uhr

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