Wem eine Psychotherapie hilft – und wem eher nicht

Forscher haben Daten von 14'000 Patienten ausgewertet: Diese Persönlichkeitsmerkmale fördern den Behandlungserfolg.

Wie gut wirkt eine Therapie auf wen? Psychologen haben 99 Studien ausgewertet. Foto: iStock

Wie gut wirkt eine Therapie auf wen? Psychologen haben 99 Studien ausgewertet. Foto: iStock

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Wie gut wirkt eine psychotherapeutische Behandlung? Das hängt nicht nur von der Krankheit, der Behandlung oder dem Therapeuten ab. Das hängt auch vom Patienten ab. Genauer: von seiner Persönlichkeit.

Wissenschaftler um Meredith Bucher von der US-amerikanischen Purdue University haben in einer grossen Übersichtsarbeit alle Studien ausgewertet, die sie zu diesem Thema finden konnten. 99 Arbeiten waren das insgesamt, in denen die Daten von insgesamt 14'000 Patienten steckten. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Fachmagazin Clinical Psychology Review.

Die Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale

Um den Charakter der Patienten einzustufen, orientierten sich die Wissenschaftler an den sogenannten Big-Five-Persönlichkeitsmerkmalen. Das sind Neurotizismus, Verträglichkeit, Extraversion, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Neues. Verschiedene Erkrankungen und Behandlungsformen differenzierten sie nicht weiter.

Wie die Forscher beobachteten, waren Behandlungen erfolgreicher und die Symptome psychisch Kranker gingen stärker zurück, wenn Patienten zu Beginn einen niedrigeren Neurotizismus-Wert besassen, also etwa weniger ängstlich waren. Wer umgekehrt emotional stabiler ist, der sei vermutlich eher dazu bereit, sich und sein Verhalten zu ändern, um den eigenen Lebensstil zu verbessern, schlussfolgern die Autoren.

Doch auch für die anderen Persönlichkeitseigenschaften sahen die Forscher Zusammenhänge mit dem Therapie-Erfolg. Wer auf den Facetten Verträglichkeit, Extraversion und Gewissenhaftigkeit hohe Ausprägungen besitzt, bei dem schlägt ebenfalls eine Behandlung mit grösserer Wahrscheinlichkeit positiv an.

Allianz zwischen Therapeut und Patient ist wichtig

Je verträglicher ein Patient ist, desto eher baut er mit dem Therapeuten eine sogenannte «Allianz» auf. Bei einer intakten Allianz haben beide eine gute Verbindung zueinander und sind sich über die Aufgaben und die Ziele der Psychotherapie einig.

Vergangene Forschung hat immer wieder gezeigt, dass eine solche Allianz wichtig für den Erfolg einer Behandlung ist. Ursprünglich hatten die Forscher angenommen, dass auch die Extraversion die Allianz stärke, doch diesen Zusammenhang sahen sie nicht. Jedoch beeinflusste ein hoher Extraversions-Wert die Therapie dennoch positiv, denn stark extrovertierte Patienten scheinen sich schneller Hilfe zu suchen und tragen mit ihrem Verhalten auch innerhalb der Therapie eher zum Gelingen bei, da sie ihre Emotionen und Gedanken bereitwilliger äussern.

Die Forscher fanden keinen starken Zusammenhang zwischen der Offenheit für Neues und dem Therapieerfolg.

Für die Gewissenhaftigkeit beobachteten die Forscher zwar nur einen geringen Einfluss. Der stieg jedoch an, je grösser die Abstände zwischen einzelnen Therapiesitzungen lagen. Das lasse sich, so die Forscher, damit erklären, dass gewissenhaftere Patienten etwa ihre Hausaufgaben mit grösserer Sorgfalt erledigen und seltener eine Sitzung schwänzen. Bei einer täglichen Therapie ist das vielleicht nicht ganz so schlimm, wenn die Termine aber etwa alle zwei Wochen stattfinden, wird die Eigenleistung umso wichtiger.

Entgegen ihrer Annahme fanden die Forscher jedoch keinen starken Zusammenhang zwischen der Offenheit für Neues und dem Therapieerfolg. Das könne daran liegen, mutmassen sie nun, dass die Offenheit viele verschiedene Unterfacetten besitzt. Einerseits zählen die Fähigkeit zur Introspektion und die Reflektion des eigenen Verhaltens dazu, was sich positiv auf eine Behandlung auswirken sollte. Der Hang zum Fantasieren und Träumen andererseits, der mit Psychotizismus zusammenhänge, könne sich jedoch negativ auswirken.

Aus diesen Erkenntnissen leiten die Forscher um Bucher ein paar Tipps für praktizierende Therapeuten ab. «Erstens könnten Therapeuten mit Schwierigkeiten rechnen, bei wenig verträglichen Patienten eine Allianz aufzubauen», schreiben sie. Hier sei es besonders wichtig, schon früh in der Therapie einigen Fokus darauf zu legen, eine Verbindung herzustellen. Darüber hinaus sei es besonders bei Substanzabhängigkeiten hilfreich, sich die Persönlichkeit der Patienten genauer anzuschauen. Denn, so die Forscher, «wie die Ergebnisse zeigen, können Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus der Patienten zu Beginn der Behandlung Aufschluss über die Fähigkeit der Patienten geben, nach der Behandlung abstinent zu bleiben.

Erstellt: 01.05.2019, 13:32 Uhr

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