Wenn das Baby ohne Vorwarnung stirbt

Was Peter Spuhlers Baby widerfahren ist, gilt für die Medizin als Rätsel und steht stellvertretend für die Angst vieler Eltern: Der plötzliche Kindstod. Doch es gibt Präventionsmassnahmen.

Und dann bleibt das Kinderbett leer: Der plötzliche Kindstod lässt Familien traumatisiert zurück. Foto: Getty Images

Und dann bleibt das Kinderbett leer: Der plötzliche Kindstod lässt Familien traumatisiert zurück. Foto: Getty Images

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Der plötzliche Kindstod gehört zu den entsetzlichsten Dingen, die einer Familie geschehen können. Viele Eltern fürchten sich nach der Geburt davor, dass ihr geliebtes Baby unerwartet und ohne erkennbare Ursache sterben könnte. Eine Angst, die sich bei manchen durch den tragischen Unglücksfall in der Familie des prominenten Politikers und Stadler-Rail-Chefs Peter Spuhler wohl verstärkt hat. Kinderarzt Ulrich Lips kennt solche Ängste. Der ehemalige stellvertretende Direktor des Kinderspitals Zürich findet es wichtig, dass die Gefahr relativiert wird. «Der plötzliche Kindstod ist heute zum Glück extrem selten», sagt er. In der Schweiz kam es 2013 bei rund 80'000 Geburten zu 9 Fällen von Sudden Infant Death (SID), wie Fachleute den plötzlichen Kindstod auch nennen.

Für die betroffenen Familien haben solche Zahlen allerdings keine Bedeutung. Das Schicksal hat sie getroffen. Sie sind traumatisiert, suchen nach einer Erklärung. Doch nicht genug. In der schwierigen Situation müssen sie medizinische und polizeiliche Abklärungen über sich ergehen lassen, die sie zusätzlich belasten. SID ist eine Ausschlussdiagnose für Todesfälle im ersten Lebensjahr. Das heisst, sie wird gestellt, wenn Ärzte keinerlei andere Ursache finden können. Doch die Abklärungen dienen nicht nur dazu, eine medizinische Ursache zu finden. «Es muss auch ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden», sagt Lips. So könne verhindert werden, dass es später zu ungerechtfertigten Anschuldigungen komme.

Belastende Abklärungen

Der Pädiater hat während seiner Zeit am Zürcher Kinderspital einige SID-Fälle als Arzt miterlebt. «Der Leichnam des Kindes muss immer in die Rechtsmedizin zur Autopsie, da es sich bei einem vermuteten SID um einen sogenannt aussergewöhnlichen Todesfall handelt», sagt er. Auch die Polizei wird aktiv. Sie schaut sich den Ort an, wo das Kind gestorben ist, dokumentiert allfällige Hinweise auf Verwahrlosung oder Gewalt. Für die betroffenen Eltern eine unerträgliche Situation, die von den Zuständigen enormes Fingerspitzengefühl verlangt. «Im Kanton Zürich läuft dies sehr professionell ab», sagt Lips. Die Beamten würden in Zivil kommen und agierten der Situation angemessen. Den betroffenen Familien vermittle man psychologische Unterstützung und Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe.

Doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen in der Schweiz können beträchtlich sein. Es gibt Berichte, dass Beamte mancherorts in Uniform anrücken und sich wenig sensibel im Umgang mit den betroffenen Eltern zeigen. Lips gibt zu bedenken, dass viele Behörden kaum Erfahrung mit dem plötzlichen Kindstod haben, weil dieser so selten ist. «Auch wenn Polizisten gut ausgebildet sind, kann es in solch schwierigen Situationen zu Überforderung kommen.»

Früher kamen die Behörden viel öfter in Kontakt mit SID-Fällen. Denn der plötzliche Kindstod war lange Zeit deutlich häufiger als heute. Noch im Jahr 1989 starben hierzulande 100 Säuglinge an SID. Seit 2002 ist die Zahl stabil tief bei rund einem Dutzend Fälle pro Jahr. Der Wert gehört im internationalen Vergleich zu den tiefsten, zusammen mit Schweden, den Niederlanden und Japan. In Nordamerika und Deutschland sind die Zahlen hingegen doppelt so hoch.

Der Grund für den starken Rückgang in der Schweiz liegt in der Prävention. «Bei den Ursache für den plötzlichen Kindstod tappt man zwar immer noch im Dunkeln, bei den Risikofaktoren sind die wichtigsten jedoch identifiziert», sagt Oskar Jenni, Leiter der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Er war federführend bei den jüngsten Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) von 2013. Den verbreiteten Eindruck, dass beim plötzlichen Kindstod die Empfehlungen ständig ändern würden, kann Jenni nicht bestätigen. «Das stimmt nicht, seit Anfang der 90er-Jahre wurden nur noch leichte Anpassungen vorgenommen.»

Konkret raten die Fachleute, den Säugling immer auf dem Rücken schlafen zu lassen, ihn keinem Zigarettenrauch auszusetzen, ihn nicht zu überwärmen und das Kind anfangs zu stillen. Die SGP empfiehlt zudem, als Schlafort des Säuglings das eigene Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Vom Bauch auf den Rücken

Andere Risikofaktoren können nicht beeinflusst werden, etwa ein tiefes Alter der Mutter (unter 20), eine Frühgeburt oder Mehrlinge. Auch ist Stillen oft nicht möglich oder aus verschiedenen Gründen schwierig. Oder das Kind schläft nur in Bauchlage. In solchen Fällen sollen sich die Eltern keinesfalls verrückt machen lassen. «Das Risiko ist im Einzelfall auch dann noch immer sehr tief», sagt Jenni. Er sieht es als Aufgabe der Kinderärzte, Eltern individuell zu beraten und sie so auch von Schuldgefühlen zu entlasten. «Es handelt sich um Risikofaktoren, nicht Ursachen», betont Jenni.

Kinderärzte geben sich heute grosse Mühe, ihre SID-Empfehlungen auf wissenschaftliche Studien zu stützen. Dies auch vor dem Hintergrund früherer Fehler. Ab den 60er-Jahren rieten Fachleute, Säuglinge in Bauchlage schlafen zu lassen. Sie waren unter anderem der Ansicht, dass dadurch der Rücken gestärkt und die Hüftentwicklung begünstigt werde und den Babys weniger Erstickungsgefahr durch aufgestossene Nahrung drohe. «Es war eine seltsame Idee, die aber weltweit von den Kinderärzten übernommen wurde», sagt Ulrich Lips. Dies, obwohl es kaum wissenschaftliche Fakten dazu gab und Säuglinge früher wahrscheinlich immer schon meist auf dem Rücken schliefen. «Auf alten Fotos und Gemälden sieht man schlafende Kinder immer auf dem Rücken liegen», sagt Lips. Fachleute sind sich sicher, dass die Bauchlage zu einem guten Teil dazu beitrug, dass die Häufigkeit des plötzlichen Kindstods bis Ende der 80er-Jahre deutlich zunahm. Die Wende kam erst, als sich die fatalen Empfehlungen aufgrund von Studien Anfang der 90er-Jahre änderten.

Erstellt: 04.11.2015, 20:12 Uhr

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