Wenn der Geist hungert

Langeweile ist ein höchst alltägliches Gefühl, das Psychologen neuerdings besonders interessiert. Der Zustand treibt Menschen auf positive Weise an – kann jedoch auch Dämonen wecken.

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Alle kennen das Gefühl, auch die deutsche Bundeskanzlerin ist davor nicht gefeit: Angela Merkel langweilt sich im Bundestag (17. Juli 2015). Fotos: Sean Gallup (Getty Images)

Die Hauptrolle in diesem Film spielt eine Wand. Die zweite Protagonistin heisst Wandfarbe. Ein kongeniales Duo! Zehneinhalb Stunden dauert das Kammerspiel der beiden tragenden Rollen dieses Werkes, das zweifellos ernsthafter Anwärter auf den Titel «Langweiligster Film aller Zeiten» ist. Das British Board of Film Classification (BBFC) erteilte «Paint Drying» Anfang 2016 die Freigabe ohne Altersbeschränkung. Jung und Alt, sie alle dürften nun theoretisch Kinovorführungen dieses Films besuchen, der nur aus einer einzigen Einstellung besteht. Regisseur Charlie Lyne hielt mit der Kamera auf eine frisch gestrichene Wand und fing ein, wie die Farbe trocknete.

«Paint Drying» war eine Provokation, Lyne versuchte damit, das BBFC anzugreifen. Wenn diese Organisation nämlich die Altersklassifikation verweigert oder ein Film gar nicht zur Prüfung eingereicht wird, darf das Werk nicht ohne weiteres in Kinos gezeigt werden. Lyne begreift das als ungebührliche Zensur und reichte deshalb seinen Monumental-Langweiler zur Begutachtung ein, um die BBFC-Mitarbeiter zu quälen und PR-Wirbel in eigener Sache zu veranstalten.

Langeweile radikalisiert

Eine nette Aktion von heiterer Absurdität, die einige Aufmerksamkeit erzielte. Wenn das Ziel aber darin bestand, die BBFC-Mitarbeiter ins Zweifeln an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu bringen, ist die Filmvorführung eher nach hinten losgegangen. Psychologen haben nämlich kürzlich festgestellt, dass akute Langeweile bestehende Ansichten verhärtet.

Eric Iglou von der irischen Universität Limerick und Wijnand van Tilburg vom King’s College London langweilten ihre Probanden, indem sie diese immer wieder Betonrezepturen abschreiben liessen. Vor und nach dieser öden Aufgabe fragten die Forscher politische Einstellungen ab und bemerkten: Langeweile radikalisiert, wie sie im «European Journal of Social Psychology» berichten. Übertragen auf den Wandfilm hiesse das: Die davon angeödeten BBFC-Mitarbeiter waren durch ihren Zustand wohl erst recht überzeugt, dass kein Film ohne ihre Prüfinstanz in Kinos dürfe.

Nein, es wird auch mit der Zeit nicht besser.

«Die meisten Menschen unterschätzen die Effekte, die Langeweile haben kann», sagt Wijnand van Tilburg. Das klingt überzeugend, Langeweile ist für die meisten Menschen einfach nur, nun ja, langweilig. Mehr nicht und auch nicht weniger. Es handelt sich um ein Gefühl wie eine weisse Wand, monochrom und ohne Geheimnis. Da denkt niemand darüber nach, welche Auswirkungen der Gemütszustand haben kann. Den angeödeten Menschen interessiert höchstens, wie er die Zone der geistigen Windstille verlassen kann.

In der Psychologie ist das Thema Langeweile gerade angesagt: Allein zwischen 2010 und 2015 haben Wissenschaftler dieser Disziplin beinahe 1500 Studien publiziert, die sich mit gelangweilten Menschen beschäftigen. Langeweile sei, so beteuern die Forscher, doch ziemlich spannend, sobald man sich näher damit beschäftige. «Allein deshalb, weil dieser Zustand für viele Menschen eine so starke Triebfeder darstellt», sagt George Loewenstein, Psychologe an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh. Langeweile nämlich markiert einen Startpunkt, einen Motivationsschub, um aufzubrechen und etwas zu ändern. Dabei kann Grosses entstehen oder — wie immer, wenn der Mensch am Status quo rüttelt — sich Unsinn ergeben.

Platz 4 der negativen Gefühle

Zunächst ist Langeweile einfach ein höchst alltägliches Gefühl. Psychologen um Loewenstein publizierten kürzlich im Fachjournal Emotion eine Studie mit dem Titel «Bored in the USA», die bisher umfassendste Bestandesaufnahme des Ausmasses alltäglich erlebter Langeweile. Die Forscher statteten knapp 4000 US-Amerikaner mit einer Smartphone-App aus, die Probanden über einen Zeitraum von mehreren Tagen alle 30 Minuten aufforderte, über den Gemütszustand sowie die gegenwärtige Aktivität Auskunft zu geben. 63 Prozent der Teilnehmer teilten während des Untersuchungszeitraums mindestens einmal mit, dass ihnen fad sei. Unter den negativen Empfindungen wurden nur Frustration, Erschöpfung oder Gleichgültigkeit öfter genannt. Insgesamt stand ­Langeweile auf Platz 7 der emotionalen Hitparade. Wie die Studie zeigt, fühlen sich gelangweilte Personen oft zugleich einsam, wütend, traurig oder besorgt.

Doch welchen Zweck erfüllt die Langeweile? Schliesslich dienen sämtliche Empfindungen einem «selbstregulatorischen Zweck», wie van Tilburg sagt. Schmerz etwa signalisiert nachdrücklich, dass die Hand auf der heissen Herdplatte nichts verloren hat; Freude, dass die damit verknüpfte Tätigkeit bald wiederholt werden sollte, und Hunger teilt mit, dass es Zeit fürs Essen ist. Vielleicht lässt sich Langeweile als Hunger des Geistes bezeichnen: «Langeweile ist das Alarmsignal, dass es dringend an der Zeit ist, die gegenwärtige Situation zu ändern», sagt Loewenstein.

«Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig!», wie schon Homer Simpson sagte.

Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm bezeichnete das Gefühl der Langeweile einmal als Folter und führte weiter aus, dass er sich die Hölle als einen Ort imaginiere, an dem geistige Stille und Ödnis herrschten. Führt der Teufel seinen Opfern Filme trocknender Wandfarbe vor und lässt sie bis in alle Ewigkeit Betonrezepturen abschreiben?

Chronische Langeweile bringt Menschen jedoch oft auf blöde Ideen. Wissenschaftler haben beobachtet, dass dauerhaft angeödete Menschen mit ­höherer Wahrscheinlichkeit dem Glücksspiel verfallen, Drogen konsumieren, ungeschützten Sex haben, für Depressionen anfällig werden und in der Schule unterdurchschnittlich abschliessen.

Langeweile sei die Wurzel allen Übels, schrieb der dänische Philosoph Søren Kierkegaard einmal. Gebiert dieses Gefühl tatsächlich vor allem negative Handlungen? «Ach was, die Nettobilanz ist bestimmt positiv», sagt Loewenstein. Chronische Langeweile mag meist negativ wirken, die gelegentliche, akute ­Version des Gefühls hingegen positiv. Gelangweilte Kinder würden dadurch lernen, ihre Antriebskraft zu verbessern und ihre Energie auf neue Ziele und Beschäftigungen zu richten. Auch Erwachsene treibt der geistige Hunger zu kreativen Leistungen. Langeweile ist eine Kraft für Veränderung, die Windstille vor einer frischen Bö.

Eine mächtige Kraft

Langeweile bekämpfen Menschen, indem sie nach für sie bedeutsamen und sinnstiftenden Erfahrungen suchen. Und damit kommt die eingangs erwähnte radikalisierende Wirkung der Langeweile ins Spiel. «Politische Ideo­logien geben ihren Anhängern ein sehr starkes Gefühl von Bedeutsamkeit», sagt van Tilburg. Als die Probanden des Psychologen sich akut langweilten, weckte dies das Bedürfnis, sich ihrer selbst zu vergewissern, indem sie ihre sinnstiftende politische Orientierung besonders betonten. Führen chronisch gelangweilte Bevölkerungen demnach zu ­gesellschaftlicher Radikalisierung? Lebt Populismus von angeödeten Wählern? «Dazu fehlen Daten», sagt van Tilburg.

Einleuchtend klingt die These jedoch, insbesondere im Licht einer ­weiteren Studie des Psychologen vom Londoner King’s College. In diesem Fall erhöhte Langeweile den sogenannten In-Group-Out-Group-Bias. Menschen neigen dazu, die Mitglieder ihrer eigenen Gruppe — ihrer Nation, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Vereins — gegenüber den anderen zu bevorzugen. Alle Milde gilt dem «Wir», alle Ungnade richtet sich auf das «Sie». Künstlich induzierte Langeweile verstärkte dieses Wir-gegen-Sie-Gefühl. Auch das begründen die Psychologen mit dem Bedürfnis nach Bedeutsamkeit und Sinn. Auf der Suche danach identifiziert sich der ­gelangweilte Mensch besonders mit seinem eigenen Rudel.

Egal, welche Wirkung sie zeigt, Langeweile ist eine mächtige Kraft, die über ­erstaunlich spannende Facetten verfügt. Die Philosophie betrachtete Langeweile einst als Ausdruck der Sinnlosigkeit allen Lebens. Im Lichte der Studien der empirischen Psychologie sollte es eher heissen: Langeweile ist die Antriebskraft allen Lebens, im Guten wie im Schlechten.

Erstellt: 09.02.2017, 20:13 Uhr

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