Wenn die Hände nicht mehr gehorchen

Unwillkürliches Zittern kann den Alltag von Betroffenen stark einschränken. Eine neue Behandlung verspricht Abhilfe.

Trinken, ohne die Hälfte zu verschütten: Für viele von Zitteranfällen Betroffene unmöglich. Foto: Peter Nitsch (Plainpicture)

Trinken, ohne die Hälfte zu verschütten: Für viele von Zitteranfällen Betroffene unmöglich. Foto: Peter Nitsch (Plainpicture)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bruno Roth* hatte schon immer ein wenig gezittert. Wie bereits sein Bruder und sein Vater. Denn der sogenannte essenzielle Tremor, der ohne eine andere zugrunde liegende Krankheit auftritt, wird meist vererbt.

Vor etwa drei Jahren verschlechterte sich Roths Zustand zusehends. Ein Dokument unterschreiben, am Bancomaten einen Code eintippen, eine Zwiebel hacken oder in einer Pfanne rühren wurde mit der Zeit beinahe unmöglich. «Ich zog mich immer mehr zurück und ging beispielsweise kaum noch in ein Restaurant», sagt der heute 67-Jährige aus dem Zürcher Oberland. «Denn ich konnte nicht mehr mit anderen anstossen, ohne zu zittern. Und mit Messer und Gabel zu essen, ohne dass etwas neben dem Teller landete, fiel mir ebenfalls immer schwerer.»

Er gewöhnte sich diverse Tricks an, um im Alltag mit dem Zittern besser zurechtzukommen. Alkohol half.

Über die Jahre gewöhnte sich der Rentner diverse Tricks an, um im Alltag mit dem Zittern besser zurechtzukommen. Er stützte beim Schneiden den Arm auf dem Tisch ab und benutzte beim Trinken beide Hände. Übernachtete er mal in einem Hotel, wartete er am Frühstücksbuffet, bis er allein war. Dann griff er von Hand in die Fleisch- oder die ­Käseplatte, statt die Gabel zu benutzen.

Eingriff ins Gehirn

Als er noch in seinem Beruf als technischer Hausmeister arbeitete, erledigte er handwerkliche Tätigkeiten meist erst nach dem Mittag, wenn er ein Bier getrunken hatte. Denn was zuverlässig gegen das Zittern half, war Alkohol. Bevor Bruno Roth mit anderen Leuten ass und trank, genehmigte er sich deshalb regelmässig drei bis vier Gläser Wein oder Bier. Doch ihm war bewusst, dass dies längerfristig keine gute ­Lösung war – besonders im Zusammenhang mit dem Auto­fahren. Zudem war sein Zittern am nächsten Tag stets noch schlimmer.

Verschiedene medikamentöse Behandlungen vermochten die Symptome jeweils nur vorübergehend etwas zu lindern. Weil er stark litt, liess sich Roth schliesslich im Universitätsspital Zürich (USZ) eingehend untersuchen und beraten. Im August 2019 unterzog er sich dort einer relativ neuen Behandlungsmethode: Mit dem sogenannten fokussierten Ultraschall wird eine 2 bis 5 Millimeter grosse Hirnregion, die für den Tremor verantwortlich ist, auf 60 Grad erhitzt und dabei dauerhaft zerstört. Den Patienten wird ein Gestell mit über 1000 Schallquellen am Kopf befestigt. Während der Behandlung liegen sie in einem Kernspintomografen, der unmittelbar sehr gute Bilder liefert und auch die Temperatur im Inneren des Gehirns überwacht.

Seit das USZ im vergangenen Sommer eines dieser modernen Geräte angeschafft hat, sind rund 20 Patientinnen und Patienten damit behandelt worden. Bei allen habe man eine deutliche Verbesserung der Symptomatik erreicht, sagt Lennart Stieglitz, leitender Arzt der Klinik für Neurochirurgie am USZ. Zuvor war während vierzehn Jahren bereits ein älteres entsprechendes Gerät am Kinderspital Zürich stationiert, wo es bei rund 50 weiteren Personen zum Einsatz kam, jedoch nie bei Kindern. Es war weltweit das erste seiner Art. Der damals zuständige Professor leitet heute die Praxis Sonimodul in Solothurn und führt die fokussierte Ultraschallbehandlung ebenfalls durch. Weitere Anbieter gibt es in der Schweiz bis anhin nicht.

«Die meisten Patienten sind bereits sehr zufrieden, wenn sie wieder gut schreiben können und ihre dominante Hand ruhig ist.»Lennart Stieglitz, Neurochirurg am Unispital Zürich

Es handelt sich dabei im Prinzip um die Weiterentwicklung einer Methode, die bereits seit den 1950er-Jahren praktiziert wird. Früher wurde das entsprechende Gewebe durch ein Loch in der Schädeldecke mit einer heissen Sonde verödet. Verlief die Behandlung erfolgreich, ging es den Patienten auch nach vielen Jahren noch gut. Deshalb rechnen die Spezialisten bei der modernen Methode ebenfalls mit langfristiger Besserung, obwohl es noch kaum Langzeitdaten gibt. «Heute können wir dank der fantastischen Bildgebung viel präziser arbeiten und wissen deutlich mehr über die Funktionen des Gehirns», erklärt Stieglitz. Komplikationen seien deshalb sehr selten.

Der eigentliche Eingriff dauert lediglich rund zwei Stunden und wird von einem interdisziplinären Team von Spezialisten gemeinsam vorgenommen. Die beiden Nächte vor und nach der Behandlung bleiben die Patienten jedoch im Spital, weil vorher umfassende Tests und Vorbereitungen anstehen und danach selten auch für einige Tage Sprach- und Gleichgewichtsstörungen auftreten können. Das Ergebnis zeigt sich unmittelbar nach der Behandlung.

In der Regel wird das Gewebe nur auf einer Seite des Gehirns verödet – bei Rechtshändern typischerweise auf der linken Seite. Denn meist ist der Tremor in der dominanten Körperhälfte stärker. «Die meisten Patienten sind bereits sehr zufrieden, wenn sie wieder gut schreiben können und ihre dominante Hand ruhig ist», hat Lennart Stieglitz die Erfahrung gemacht. Weil der Eingriff belastend sei, würden viele es bei der einen Behandlung bewenden lassen.

Kosten: rund 25'000 Franken

Vereinzelt wird der fokussierte Ultraschall auch bei Parkinsonpatienten angewandt. Doch weil diese Gruppe neben dem Tremor auch noch andere Symptome zeigt – etwa Muskelsteife, Bewegungsstörungen und starre Mimik –, ist hier nach wie vor die tiefe Hirnstimulation das Mittel erster Wahl. Dabei werden zwei Elektroden im Gehirn angebracht, welche die Region stimulieren. Sie sind mit einem Steuergerät verbunden, das im Brustbereich implantiert wird. Im Gegensatz zur Ultraschalltherapie kann die Hirnstimulation rückgängig gemacht werden. Oft nimmt ihre Wirkung mit fortschreitendem Krankheitsprozess ab. Allein die Implantation kostet rund 75'000 Franken, dazu kommen Nachkontrollen und das Auswechseln des Steuergeräts. Trotzdem lohne sich die Massnahme meist auch finanziell, betont Stieglitz: «Weil die Patienten wieder selbstständiger sind, spart man hohe Pflegekosten.» Das Bundesamt für Gesundheit überwache das Kosten-Nutzen-Verhältnis sehr genau, so der Neurochirurg weiter. Im Vergleich zur Hirnstimulation mittels Implantat ist die fokussierte Ultraschalltherapie mit Kosten von etwa 25 000 Franken vergleichsweise günstig.

«Ich hatte grosse Angst vor dem Eingriff», sagt Bruno Roth. Tatsächlich sei dann das Anziehen der Schrauben für die Kopffixierung ziemlich unangenehm gewesen, und trotz Sedierung habe er die Hitze im Hirn gespürt. Nach etwa einer Sekunde sei dieser Schmerz jedoch wieder verschwunden. «Ich bin mittlerweile zu 85 Prozent geheilt», freut sich der Rentner, der gerne kocht und mit seiner Partnerin auf Reisen geht. Beim Einschenken von Getränken zittert er immer noch ein wenig, deshalb trinkt er direkt aus einer Büchse oder einer Flasche.

«Doch ich kann wieder Zähne putzen, ohne mit der Bürste im Gesicht herumzufuchteln, und ich schneide mich nicht mehr mit dem Rüstmesser in den Finger.» Zudem liege sein Alkoholkonsum, der für einige Zeit bedenkliche Ausmasse angenommen hatte, heute wieder im «normalen Bereich», sagt Bruno Roth. «Mein Leben ist wieder deutlich lebenswerter geworden.»

*Name geändert

Erstellt: 12.01.2020, 17:21 Uhr

Artikel zum Thema

Frank Elstner: «Dann zittere ich halt»

Fernsehzuschauer kennen den 77-Jährigen aus «Wetten, dass...?» und «Verstehen Sie Spass?». Nun macht er eine schwere Erkrankung öffentlich. Mehr...

Wie ich gelernt habe, mit Parkinson zu leben

Wie Anita Sauter das Nervenleiden akzeptieren konnte. Und welche Behandlungen die zerstörerische Krankheit mildern. Mehr...

Zittern: Diese Krankheiten können dahinterstecken

Ein Tremor, ein unwillkürliches Zittern, kann jeden treffen. Und eigentlich ist ein winziges Zittern so normal wie Luft zu holen. Bei Schüttelfrost etwa zittern wir, um durch Muskelaktion die Körpertemperatur zu erhöhen. Und wer nervös ist, dem schlottern vor einem Auftritt schon mal die Knie.Ein leichtes Zittern in fortgeschrittenem Alter ist meist ebenfalls kein Grund zur Sorge. Oft handelt es sich um ein einfaches Alterszittern oder um den sogenannten essentiellen Tremor, der vererblich ist, aber mit keiner anderen Krankheit einhergeht. Betroffene beginnen erst zu zittern, wenn sie willentliche Bewegungen ausführen. Eine Behandlung ist nur nötig, wenn die betroffene Person im Alltag stark eingeschränkt ist. Bei leichteren Formen stehen beruhigende oder antiepileptische Medikamente zur Verfügung, bei stärkerem Leiden kommen eine fokussierte Ultraschalltherapie oder eine tiefe Hirnstimulation infrage.

Weniger verbreitet, aber ebenfalls harmlos ist der orthostatische Tremor, der sich durch Zittern im Stehen zeigt. Gemäss Neurologen könnte zum Beispiel die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, deren Zitter­attacken im letzten Sommer für Aufsehen gesorgt haben, unter dieser Tremor-Form leiden.

Häufig ist Tremor jedoch auch ein Begleitsymptom einer anderen Erkrankung, vor allem der gefürchteten Parkinsonkrankheit. Sie geht weiter mit Muskelsteife, genereller Verlangsamung und starrer Mimik einher. Hier tritt das Zittern insbesondere im Ruhezustand auf. Bei Parkinson ist die tiefe Hirnstimulation die Methode der Wahl. Weiter kann ein Tremor bei der seltenen Wilson-Krankheit – einer Stoffwechselstörung der Leber – auftreten, bei multipler Sklerose, einem Hirntumor oder anderen neurologischen Schädigungen.

Auch eine Schilddrüsenüberfunktion, Fieberschübe oder etwa ein Alkoholentzug können ein Zittern nach sich ziehen. Grundsätzlich gilt: Ein länger anhaltender Tremor sollte beim Arzt abgeklärt werden. (as/wü)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...