«Die gesunden Dicken sind ein Mythos»

Jeder dritte Schweizer ist übergewichtig. Die überflüssigen Kilos machen auf Dauer krank. In schweren Fällen hilft oft nur noch ein chirurgischer Eingriff.

Nach der Magenverkleinerung kann Markus Klein wieder mühelos Treppen steigen. Foto: Nicole Philipp

Nach der Magenverkleinerung kann Markus Klein wieder mühelos Treppen steigen. Foto: Nicole Philipp

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Als der Zeiger der Waage oben bei 200 Kilogramm anstiess, war seine rote Linie überschritten: «Jetzt muss ich wirklich bremsen», redet sich Markus Klein vor 15 Jahren ins Gewissen. Zwar ist er respektable 1,87 Meter gross, doch die vielen Kilos lasteten schwer auf ihm. Der Hausarzt schickte den damals 35-jährigen Wahlberner um­gehend zu einem Adipositas-­Spezialisten am Inselspital.

Der Begriff Adipositas bedeutet «Fettsucht». Dabei wird übermässig Fett im Körper eingelagert, vorab am Bauch, an Gesäss und Oberschenkeln. Rund jeder Dritte in der Schweiz leidet an Übergewicht, mehr Männer als Frauen. Ab einem Body-Mass-­Index (BMI) von mehr als 30 spricht man von Adipositas, krankhaftem Übergewicht.

Wie kommt es zur Fettleibigkeit? Der heutige Lebensstil begünstigt Adipositas: das ständige und billige Überangebot an zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln, motorisierte Mobilität, Stress am Arbeitsplatz. Bewegungsmangel und ein gestörtes Essverhalten sind die Hauptgründe. Wenn jemand ständig mehr Energie (Kalorien) aufnimmt, als er verbraucht, schnellt das Körpergewicht schnell in die Höhe – zumal wenn auch noch eine genetische Veranlagung zur Korpulenz vorliegt.

Oft ein jahrelanger Kampf

Lange wurden die Folgen von Übergewicht unterschätzt. Früher hiess es zuweilen sogar, wer zu viel auf den Rippen habe, ­stärke damit seine Widerstandskräfte. Ein Irrglaube, wie Studien längst mehrfach nachgewiesen haben. «Die gesunden Dicken sind ein Mythos», sagt auch Heinrich von Grünigen (78), Geschäftsstellenleiter der Schweizerischen Adipositas-Stiftung und bekannt als Radiolegende. «Es gibt sie nicht.»

Fettleibige spüren tatsächlich lange nicht viel. Erst mit der Zeit treten Begleiterkrankungen auf wie hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte, Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Asthma, Gelenkschäden oder auch eine erhöhte Krebsgefahr. All diese Risiken führen schliesslich zu einer geringeren Lebenserwartung im Vergleich mit Normalgewichtigen.

Damit nicht genug: Dicke haben häufig auch soziale Probleme. «Massive Beeinträchtigungen im Alltag gehören dazu», weiss Heinrich von Grünigen, der schon sein ganzes Leben lang mit Übergewicht kämpft. «Etwa bei der Lehrstellen-, Job- oder auch Partnersuche.» Der Aufwand für Aktivitäten steige, jede Treppe werde zum Hindernis, Fahren im Bus, Tram oder Zug zur Qual. «Man verzichtet deshalb lieber darauf», so von Grünigen. Die Folge: sozialer Rückzug.

Man wisse aus der Forschung, dass Bauchfett in der Lage sei, das Verhalten des Menschen zu steuern – eine alte Überlebensstrategie aus der Urzeit.

Übergewichtige kämpfen oft über Jahre mit ihren Kilos. Das heimtückische Bauchfett macht das Abnehmen jedoch schwierig. «Es funktioniert wie ein eigenes Organ», sagt Heinrich von Grünigen. Dieses wehre sich gegen den Verlust jedes Gramms. Man wisse aus der Forschung, dass Bauchfett in der Lage sei, das unbewusste Verhalten des Menschen zu steuern – eine alte Überlebensstrategie aus der ­Urzeit. «Es ist also nicht nur eine Frage des Willens, wie viele Nichtbetroffene glauben», betont von Grünigen.

Kein Wunder, sind Übergewichtige im Alltag oft mit Vorurteilen konfrontiert. Studien belegen, dass selbst Ärzte mit korpulenten Patienten harscher umgehen. Um solchen Vorurteilen entgegenzuwirken, wurde im vergangenen Jahr an der Universität Zürich erstmals ein interdisziplinärer Grundlagenkurs unter dem Titel «Adipositas – Warum dick sein krank macht» ins Leben gerufen. Mit Erfolg. «Die ersten beiden Kurse waren ausgebucht», sagt Chirurg und Übergewichtsmediziner Renward Hauser aus Zürich, der den Kurs mitorganisiert hat.

Wer an starkem Übergewicht leidet, sollte sich ärztliche Hilfe holen. Weil die Vorgeschichten verschieden sind, gibt es auch unterschiedliche Behandlungsformen. Die ultimative «Schlankheitspille» gibt es noch nicht. Im Vordergrund steht deshalb eine Veränderung des Lebensstils, vorab der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten. Hilfreich sind interdisziplinäre ­Programme mit Ernährungs­beratung, Physiotherapie und psychologischer Beratung. Und, so weiss von Grünigen: «Gewichtskontrolle ist eine lebenslange Aufgabe.»

Eingriffe mit strikten Regeln

Gelingt es nicht, den Bauchumfang auch mit Fachhilfe zu reduzieren, kommt ein chirurgischer Eingriff in Betracht. Seit 25 Jahren führt die sogenannte bariatrische Chirurgie in der Schweiz solche Eingriffe an Bauch und Darm durch. Diese Operationen gehören mittlerweile zu den häufigsten. Sie unterliegen jedoch strikten Regelungen und werden nur an akkreditierten Kliniken durch­geführt – eine Voraussetzung, damit die Krankenkassen die Kosten von rund 25000 Franken übernehmen.

Nach zahllosen Therapieversuchen entschied sich auch Markus Klein damals zu einer nicht risikolosen Magenoperation, zu einem sogenannten Schlauchmagen: Der stark verkleinerte Magen bewirkt eine rasche Sättigung und weniger Hunger­gefühl. Nach fünf Jahren hat die Mehrheit der Operierten rund 60 Prozent des Übergewichts verloren. Eine noch öfter durchgeführte Operation ist der Magenbypass, der den Magen fast komplett «ausschaltet», ähnlich wie das frühere «Magenband».

«Die chronische Krankheit Adipositas können wir zwar nicht heilen, aber eine lang wirkende Behandlung erst möglich machen», sagt der Chirurg Renward Hauser. Aus diesem Grund geht einer bariatrischen Operation eine sechs- bis neunmonatige Abklärung voraus. Neben einem hohen Leidensdruck und einem BMI von über 35 muss der Patient auch bereit sein, sich auf eine lebenslange Nachsorge einzulassen.

«Stete Herausforderung»

Der heute 50-jährige Markus Klein würde die Operation wieder machen lassen – trotz einiger Komplikationen. Sein Gewicht vermochte er inzwischen auf 133 Kilogramm zu stabilisieren. Dadurch fallen ihm viele Dinge leichter, die vorher kaum noch zu bewältigen waren. Er bewegt sich wieder mehr, auch dank seinen beiden Hunden. Beim Essen hält er sich eisern an kleinere Portionen, wenn es auch «stets eine Herausforderung» ist. Mittlerweile ist er Vizepräsident des Vereins Stomachus Bern: Der bietet vor und nach einer bariatrischen Operation Hilfe an und kreiert mit Restaurants Menüs für magenoperierte Menschen. «Heute», sagt Markus Klein und lächelt dazu, «heute ist für mich beim Essen Qualität wichtiger als Quantität.»

Erstellt: 16.06.2019, 18:36 Uhr

So bringen Sie Ihr Gewicht unter Kontrolle

Ist mein Übergewicht nur lästig oder schon ein Risiko? Um das herauszufinden, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation den Body-Mass-Index (BMI). Berechnet wird er so: Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergrösse. Beispiel eines 1,75 Meter grossen und 70 Kilo schweren Menschen: 70 geteilt durch 1,75×1,75, ergibt einen BMI von 22,9. Als normal gilt ein BMI von 18,5 bis 24. Ab 30 spricht man von Adipositas. Ein Onlinerechner findet sich auf der Website der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (www.saps.ch). Doch Vorsicht: Der BMI ist eine nur ungefähre und deshalb bedingt aus­sagekräftige Orientierungshilfe.

Ich will nun abnehmen, aber wie? Fachleute raten von Diäten ab: Es droht der Jo-Jo-Effekt, man ist schwerer als zuvor. Erfolgversprechender ist eine Ernährungsumstellung. Dafür braucht es einen starken Willen und viel Lernvermögen. Die bewährtesten Tipps für eine nachhaltige Gewichtsreduktion und -kontrolle:

– Sparen Sie beim Essen bei den Kalorien, nicht aber beim Volumen. Das erreichen Sie mit Nahrung, die eine geringe Energiedichte hat, also viel Wasser und Nahrungs­fasern (Ballaststoffe).

– Setzen Sie auf hochwertige, unverarbeitete Nahrung. Mit Ausnahme der Vergärung (Fermentation) verringert die Verar­beitung eines Lebensmittels seine Fähigkeit, uns schlank zu halten. Verarbeitung bedeutet maschinelles «Vorverdauen», was unserem Verdauungssystem energieverbrauchende Arbeit abnimmt und die Sättigungseigenschaften verschlechtert.

– Vermeiden Sie Kalorien in flüssiger Form wie Fruchtsäfte, gezuckerte Süssgetränke oder Alkohol.
Machen Sie Pausen zwischen den Mahlzeiten. Die helfen dem Körper, die Kalorien zu verstoffwechseln, und verhindern, dass er Reserven anhäuft. Versuchen Sie auch einmal, die Pause auf 16 Stunden auszudehnen.

– Bauen Sie Bewegung in Ihren Alltag ein.
Versuchen Sie, beim Abnehmen möglichst viel von Ihrer Muskelmasse zu behalten, indem Sie sich genügend bewegen. Muskeln sind die beste Anti-
Jo-­Jo-Garantie! (mü/sae)

Quellen: David Fäh, «Stressfrei abnehmen. Ohne Diät zum gesunden Wohlfühlgewicht»; Schweizerische Adipositas-Stiftung

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