Wenn Pharmafirmen Ärzte bezahlen

Was ist dran am Vorwurf, die Pharmabranche versuche sich mit Geschenken bei Medizinern mehr Einfluss zu verschaffen?

Der Kommissionierautomat im Lager der Spitalpharmazie im Berner Inselspital holt Medikamente aus den Regalen. (2. Mai 2013) Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Der Kommissionierautomat im Lager der Spitalpharmazie im Berner Inselspital holt Medikamente aus den Regalen. (2. Mai 2013) Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Ende Juni sind die Pharmafirmen der lange geäusserten Forderung nach mehr Transparenz nachgekommen. Sie deklarieren, an welche Ärzte, Spitäler und Universitäten sie Geld zahlen. Der Blick auf die Zahlungslisten von Novartis, ­Roche und Pfizer zeigt: Oft handelt es sich um Beträge von wenigen Hundert bis Tausend Franken – allerdings nehmen viele Ärzte Geld von mehreren Firmen gleichzeitig an. Zudem ist die Deklaration für die Ärzte freiwillig.

Einzelne Mediziner haben 2015 mehrere Zehntausend Franken von einer einzigen Firma kassiert. Der Tessiner Onkologe und Pharmakritiker Franco Cavalli schätzt, dass einige Spitzenärzte Nebeneinkünfte zwischen 100'000 und 150'000 Franken pro Jahr haben. Doch, sagt er, «darüber spricht man nicht».

Expertise oder Marketing?

Eine deutsche Studie hat gezeigt, dass Mediziner, die häufig Pharmavertreter empfangen, mehr Medikamente verschreiben. Darauf weist die deutsche Ärztin Christiane Fischer hin. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins «Mein Essen zahl ich selbst» (Mezis), in dem sich in Deutschland rund 800 Ärzte gegen die Beeinflussung durch die Pharmabranche engagieren. Ebenfalls problematisch seien die verbreiteten Einladungen an Weiterbildungen und Kongresse, sagt Fischer: «Da werden teure neue Medikamente besprochen, die der Arzt später öfter verschreibt.»

Auch Martin Fey, Chefarzt der Onkologie-Klinik am Berner Inselspital, ist überzeugt, dass häufige Kontakte mit der Pharmaindustrie das Verschreibeverhalten beeinflussen. «Weshalb sonst würde eine Pharmafirma Ärzte an Kongressen zum Abendessen einladen?» Viele seiner Berufskollegen nähmen solche Angebote an, in der Überzeugung, sie seien unabhängig. «Doch das ist eine Illusion.» Er akzeptiere deshalb persönlich keine Pharmagelder.

10'200 Franken für Beratungen

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat nachgefragt, wofür Ärzte Geld annehmen. Mehrere wollten keine Stellung nehmen, andere antworteten erst auf mehrmaliges Nachfragen. Einer der hinsteht, ist Rolf Stahel, Leitender Arzt an der Klinik für Onkologie am Universitätsspital Zürich (USZ). Er geht regelmässig Engagements mit Pharmafirmen ein, im letzten Jahr erhielt er unter anderem von Roche 10'200 Franken für Beratungen. Das heisst: Er sass in internationalen Expertengremien (sogenannten Advisory Boards), die Pharmakonzerne beraten; in Komitees, die im Auftrag der Pharmakonzerne klinische Studien zu Medikamenten überprüfen, und er erstellte Gutachten für die Zulassung von Medikamenten. Daran sei nichts Anrüchiges, sagt er: «Jede dieser Interaktionen ist vertraglich geregelt. Es ist immer Leistung gegen Gegenleistung.»

Kritiker – so auch Martin Fey – bezeichnen insbesondere die regionalen Advisory Boards als Marketinginstrumente, die den Pharmafirmen dazu dienten, ihre neuen Medikamente zu bewerben. Auf internationaler Ebene gelte diese Kritik nicht, sagt Franco Cavalli, der selber in einem Advisory Board sitzt. Dort dienten die Fachgruppen dem Austausch unter weltweiten Topmedizinern.

Mehrseitige Verträge

Ein weiterer Arzt, der bereitwillig Auskunft über seine Nebeneinkünfte gibt, ist Peter Schmid, Leitender Arzt an der Klinik für Dermatologie am Universitätsspital Zürich (USZ). Auch er lässt sich dafür entlöhnen, dass er sein Expertenwissen mit Ausbildungen, Studien und Beratungen der Pharmabranche zur Verfügung stellt. 2015 bezahlte ihm etwa Novartis 22'000 Franken, die er teilweise für die Organisation von Weiterbildungen am Institut einsetzte. Er nimmt ein Umdenken wahr: «Die Pharmabranche wird sich bewusst, wie sensibel das Thema ist.» Für einen Betrag von 1000 Franken müsse er zuweilen einen mehrseitigen Vertrag unterschreiben, der auch das Einverständnis des Vorgesetzten festhalte. Ausdruck des veränderten Selbstverständnisses ist auch der überarbeitete Pharmakodex, der ein Geschenkverbot vorschreibt – allerdings mit grosszügigen Ausnahmen.

Einladungen der Pharmabranche für Weiterbildungen lehnt Schmid nach eigenen Angaben – wie sein USZ-Berufskollege Rolf Stahel – ab. Beide begründen dies damit, dass sie als führende Ärzte nicht Position für ein Unternehmen beziehen wollen, indem sie dessen Veranstaltung besuchen.

Ohne Pharma geht nichts

Die Pharmaindustrie bestimmt durch ihre Milliarden, wohin die Forschung geht – gleichzeitig kämen viele Medikamente ohne sie gar nie auf den Markt. Mittlerweile sei es praktisch unmöglich, ein Medikament ohne Pharmagelder zu entwickeln, sagt Peter Schmid, weil der Aufwand durch die Auflagen so gross sei. «Ohne Kooperation mit der Industrie bewegt sich die Forschung im Arzneimittel­bereich nicht.»

Franco Cavalli erklärt, worum es bei den Beratungsmandaten und Kongressen eben auch noch geht: den persönlichen Kontakt. Denn jedes Institut will berücksichtigt werden, wenn Pharmafirmen klinische Studien in Auftrag geben, um etwa Verträglichkeit und Wirksamkeit von neuen Medikamenten in der Praxis zu testen. «Kontakte sind da entscheidend», sagt Cavalli. Wer an Forschung interessiert sei, könne sich diesem Spiel nicht entziehen. Das gilt auch für ihn, der die Pharmabranche seit langem für ihre hohen Gewinne kritisiert: Er nimmt Beratungsmandate in der Höhe von «jährlich etwa 10'000 bis 20'000 Franken» an. Sowohl Cavalli als auch Schmid geben an, dass die Honorare nicht ihnen persönlich, sondern ihren jeweiligen Instituten zufliessen.

In einem sind sich die Befragten einig: Es wäre wünschenswert, würde die Forschung weniger von der gewinnorientierten Pharmaindustrie dominiert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2016, 20:26 Uhr

«Profesioneller Austausch»

Der Pharmaverband gibt Entwarnung

Über 37 Millionen Franken zahlten Roche und Novartis 2015 in der Schweiz an Ärzte und Spitäler sowie für Forschung und Entwicklung im Arzneimittelbereich. Davon gingen bei Roche 754'000 Franken an einzelne Ärzte, bei Novartis rund 1,3 Millionen Franken. Beobachter gehen davon aus, dass die Firmen zurückhaltender geworden seien mit den Zahlungen – im Hinblick auf die nun realisierten Transparenzlisten. Interpharma, der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz, teilt mit: Der Vorwurf, dass die Pharmabranche mittels finanzieller Zuwendungen Einfluss auf die Mediziner zu nehmen versuche, möge «in der Vergangenheit eine gewisse Berechtigung gehabt haben. Doch heute liegt der Fokus klar beim professionellen Austausch». Der Verein «Mein Essen zahl ich selbst» (Mezis) zählt in Deutschland 770 Ärzte als Mitglieder – in der Schweiz rund ein Dutzend. Sie verzichten auf Geschenke, Essenseinladungen, die Bezahlung von Reisespesen und andere Zuwendungen aus der Industrie. (thu)

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