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Wenn wir nur mehr Selbstdisziplin hätten

Ist Selbstkontrolle tatsächlich eine endliche Ressource? Wissenschaftler haben eine überraschende Antwort darauf gefunden.

Irgendwann verlässt uns die Selbstdisziplin. Oder kann man sie trainieren? Foto: fizkes, iStock
Irgendwann verlässt uns die Selbstdisziplin. Oder kann man sie trainieren? Foto: fizkes, iStock

Im Büro haben Aufgaben und Kollegen die Nerven blank gescheuert und die Kinder dann zu Hause mit Übellaunigkeit das Abendessen torpediert. Nun schlafen die kleinen Terroristen zwar, aber das schlechte Gewissen versperrt den Weg zum Feier­abend. Irgendeine lästige ­Aufgabe wartet immer, Papierkram, Mails oder Aufräumen. Doch vieles ­davon bleibt liegen. Mangelnde Selbstkontrolle. Der Tag war anstrengend genug: Der Weg vom Sofa führt zum Kühlschrank und mit Bier in der Hand zurück.

Das regelmässige Scheitern am schnellen Erledigen lästiger Aufgaben hat einem Konzept aus der Psychologie zu einer steilen ­öffentlichen Karriere verholfen. «Ego Depletion», vielleicht als Selbsterschöpfung halbwegs treffend übersetzt, postuliert, dass Selbstkontrolle eine endliche Ressource des Menschen sei, gleichsam befeuert von einer mysteriösen Kraft.

Irgendwann ist der Tank leer. Intuitiv erscheint das schlüssig. «Viele Laien finden das gleich einleuchtend», sagt Malte Friese von der Universität Saarbrücken, «und dann werden wir häufig gefragt, ob man wirklich Wissenschaft braucht, um etwas so Offensichtliches zu un­tersuchen.»

Einem Totalschaden nahe

Zusammen mit Kollegen hat der Psychologe soeben in zwei Fachpublikationen den Stand der Diskussion zusammen­gefasst. Man könnte auch sagen: den Stand der Verzweiflung notiert. Die Psychologie hat sich nämlich in den vergangenen 20 Jahren intensiv mit dem Thema Ego Depletion auseinandergesetzt. ­Alles schien klar zu sein, das Konzept klar belegt. Doch dann tauchten auf einmal Risse im Fundament der Idee auf: Neue Meta-Analysen kamen zu dem Schluss, dass da vielleicht doch nichts ist.

«Es kommt schon einem Totalschaden nahe, dass wir nach so viel Forschung fast mit leeren Händen dastehen.»

Malte Friese, Universität Saarbrücken

Grosse Replikationsversuche scheiterten.«Gibt es Ego Depletion?» fragt nun also der Titel der ­aktuellen Übersichtsarbeit, die Malte Friese und sein Team veröffentlicht haben. Die Antwort lautet in etwa: Man weiss es nicht genau, aber die ursprüngliche Idee von der mysteriösen Ressource ist ziemlich sicher falsch.

«Es kommt schon einem Totalschaden nahe, dass wir nach so viel Forschung fast mit leeren Händen dastehen», sagt Friese. Auf welche Ergebnisse aus der Sozialpsychologie könne man dann überhaupt vertrauen, fragt er. «Was immerhin für unsere Disziplin spricht, ist, dass wir uns intensiv mit den Problemen auseinandersetzen», sagt Friese.

Die ursprüngliche Idee von der Selbstkontrolle als endlicher Ressource hatte Roy Baumeister in den 1990er-Jahren formuliert, ein Schwergewicht der Disziplin. 1998 publizierte er die erste experimentelle Studie, die Belege für das Konzept zu liefern schien. Mussten sich die Probanden des Psychologen zuvor am Riemen reissen und dem Verzehr von Keksen widerstehen, gaben sie anschliessend bei einer ­kniffligen Aufgabe schneller auf.

«Ego Depletion ist auch deshalb so populär geworden, weil sie intuitiv für so viele alltäg­­liche Lebensbereiche plausibel erscheint.»

Malte Friese, Universität Saarbrücken

Wer sich zuvor nicht hatte beherrschen müssen, probierte hingegen im Schnitt fast doppelt so lange, das anschliessende Problem zu ­lösen. Sich selbst zu kontrollieren, habe also Ressourcen verbraucht, das Selbst sei zu erschöpft, um sich abermals aufzuraffen, folgerte Baumeister.

«Ego Depletion ist auch deshalb so populär geworden, weil sie intuitiv für so viele alltäg­­liche Lebensbereiche plausibel erscheint», sagt Friese. Diäten, gesunde Ernährung, Alkohol, Rauchen, Aggressionen, Prüfungen, Training für Athleten, eheliche Untreue, Empathie, Rassismus und vieles mehr – all das liess sich in Studien nun scheinbar mit der Hilfe von Selbsterschöpfung erklären.

Und besser noch: Roy Baumeister verglich die Selbstkontrolle mit einem Muskel. Dieser sei nach schwerer Arbeit zwar erschöpft, aber er lasse sich trainieren. In einem Bereich zu widerstehen, heisse, auch in anderen Angelegenheiten stark zu werden: Wer mittags Broccoli statt Süsskram isst, packt abends auch unerschrocken die Steuererklärung an. Oder doch nicht? Eine Meta-Analyse, die Friese 2017 publizierte, dämpfte die Hoffnung.

Muskel für Selbstkontrolle

Die ursprünglichen Ergebnisse zur Ego Depletion inspirierten unzählige Wissenschaftler. Einige begaben sich auf die Suche nach dem Kraftstoff, der die Fähigkeit zur Selbstkontrolle befeuern könnte. 2007 tippten Forscher auf Glukose, sei sie aufgebraucht, erschlaffe der Willen.

Auch das bestätigte sich nicht, wie überhaupt die Idee vom erschöpften, aber trainierbaren Selbstkontrolleur. 2015 erschien eine Meta-Analyse, die möglichst viele, die Evidenz verzerrende Faktoren berücksichtigte – unter anderem die Tatsache, dass Studien ohne eindeutiges Ergebnis (oder mit unerwünschtem Ergebnis) oft nicht publiziert werden. Verblüffende Studienergebnisse sind interessanter.

Selbsterschöpfung gelte als eines der Hauptopfer der Replikationskrise der Psychologie.

Auch diese Meta-Analyse bekam Kritik. Als dann aber grosse Replikationsbemühungen scheiterten, schmissen viele Psychologen Ego Depletion entsetzt über Bord: 23 Labore weltweit wiederholten mit über 2000 Teilnehmern und grossem Aufwand die einschlägigen Studien und fanden: nichts. Selbsterschöpfung gelte als eines der Hauptopfer der Replikationskrise der Psychologie, schreiben Friese und Inzlicht in «Social ­Psychology». Und jetzt?

Die Alltagsbeobachtung bleibt ja zutreffend: Wer sich erschöpft fühlt, kann sich nur schwer aufraffen. Und umgekehrt rennt niemand morgens direkt nach dem Aufstehen an den Kühlschrank, um seine Ernährungsvorsätze zu brechen. «Wir müssen klare, besser überprüfbare Hypothesen formulieren, und wir müssen sie auch im Alltag von Menschen untersuchen, nicht nur in kontrollierten Laborstudien», sagt Friese. Vielleicht geht es um die Motivation. Oder es könnte sein, dass es um Wahrnehmung gehe, die sich mit jeder erledigten Aufgabe verändere, weg vom Nötigen hin zum Gewünschten.

«Das können wir besser»

Die Idee vom Muskel und der mysteriösen Ressource sollte wohl zu den Akten gelegt werden. «Das können wir besser», schreiben Friese und Inzlicht in ihrem Fazit in «Social Psychology» und plädieren für ­methodisch rigorose Wissenschaft: grosse Stichproben, vorregistrierte Studien, offene Rohdaten, Publikation aller Ergebnisse.

Vieles davon setzt die Sozialpsychologie seit einigen Jahren zunehmend um. Das ist für die Disziplin unausweichlich. Aber es lässt sich sagen: Aller Erschöpfung über zerplatzte Evidenz zum Trotz, übt die Sozialpsychologie ­gerade starke Selbstkontrolle aus.

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