Wie aus einem Mann eine Frau wird

Chirurgen sind gefordert, wenn Transmenschen ihr biologisches Geschlecht dem gefühlten anpassen lassen wollen. Das Universitätsspital Zürich setzt bei solchen Operationen auf eine Methode aus Thailand.

Immer mehr Transmenschen outen sich: Zum Beispiel Caitlyn Jenner, vormals Bruce. Foto: Kevin Mazur (Getty Images for «Time»)

Immer mehr Transmenschen outen sich: Zum Beispiel Caitlyn Jenner, vormals Bruce. Foto: Kevin Mazur (Getty Images for «Time»)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine geschlechtsangleichende Operation nach Preecha umfasst Folgendes: Der Penisschwellkörper und die Hoden des Patienten werden amputiert, aus der umgestülpten Penishaut wird eine Vagina geformt. Mit dieser kleidet der Operateur die Vertiefung aus, die er vorher ausgeschabt hat. Aus der Eichel entsteht eine Klitoris, aus der Haut des Hodensacks die äusseren und inneren Schamlippen.

«Vertraut» sei es ihr vorgekommen, «ein neues Gefühl der eigenen Haut». Und Schmerzen habe sie kaum gehabt. Die junge Transfrau, die im voll bepackten Hörsaal ihre ersten Empfindungen nach der geschlechtsangleichenden Operation beschreibt, gibt sich cool. Sie trägt enge Jeans und eine Hipstermütze über den langen Haaren, die Stimme klingt weich und melodiös. Ihre Kollegin, rote Mähne zu fein geschnittenem Gesicht, berichtet auch nur Positives: Am Anfang habe sie sich mit der Wundpflege und dem Aufdehnen etwas schwergetan, «aber nach einer Woche gehörte das zu meinem täglichen Programm». Von Fragen zu ihrem Sexualleben werden die beiden vor versammeltem Publikum zwar verschont; doch dieser Punkt kommt im Lauf des Symposiums über Geschlechtsangleichung, welches die Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie des Universitätsspitals Zürich (USZ) vorige Woche organisiert hat, mehrmals zur Sprache: Ja, auch die Orgasmusfähigkeit ist mit einer «Neo­vagina» durchaus vorhanden.

Das USZ ist nicht das einzige Spital der Schweiz, das der wachsenden Gemeinschaft von Transmenschen geschlechtsangleichende Operationen anbietet – wobei die Angleichung von Mann zu Frau gemeint ist. Auch die Universitätsspitäler Basel und Lausanne und einige Privatkliniken führen solche Eingriffe durch. Aber als einziges Spital hierzulande arbeitet das USZ für die Umformung von männlichen in weibliche Genitalien nach der Preecha-Methode: einer Operationstechnik aus Thailand, mit der die geformten Geschlechtsteile dem biologischen weiblichen Genital erstaunlich nahe kommen. 2015 verbrachte der Zürcher Chirurg Richard Fakin drei Monate in Bangkok, um die Methode zu erlernen. Benannt ist sie nach ihrem Erfinder Preecha Tiewtranon, einem Pionier der Transgender-Chirurgie, der die Technik bei über 3000 Patientinnen eingesetzt und in seiner 40-jährigen Tätigkeit laufend verfeinert hat. In Südostasien seien sämtliche Chirurgen, die seriöse Geschlechts-OPs durchführten, durch Preechas Schule gegangen. Der Thailänder und sein Team sind am USZ-Symposium in Zürich persönlich zu Gast.

Grosse Patientenzufriedenheit

Die ganze Operation dauert viereinhalb bis fünf Stunden. Kommen gleichzeitig ein Brustaufbau und – was zunehmend gefragt sei – feminisierende Gesichtskorrekturen (Nasenkorrektur, Abschleifen der Gesichtsknochen und mehr) hinzu, verlängert sich der Eingriff entsprechend. Während sich Transfrauen früher für eine geschlechtsangleichende Prozedur mehrmals unters Messer legen mussten, geht heute alles in einem Durchgang. «Das spart Zeit und Kosten», erklärt Preecha Tiewtranon pragmatisch.

Davon profitieren die Patienten beträchtlich, auch in Zürich: «Seit wir nach Preecha operieren, sind unsere Resultate deutlich besser geworden, sowohl in funktioneller als auch ästhetischer Hinsicht», sagt Chirurg Richard Fakin. Mit der alten Methode sei beispielsweise die Neovagina bisweilen zu kurz geraten. Und für die definitive Positionierung der Schamlippen hätten sich die Patienten einem zweiten Eingriff unterziehen müssen.

Anstelle der Penishaut kann auch ein Stück des Dickdarms als Neovagina verwendet werden. In diesem Fall werden am USZ die Viszeralchirurgen für die Operation beigezogen. Die Vorteile des Darms: Das Transplantat ist von der Länge her nicht begrenzt, und die Schleimhaut produziert von sich aus genügend Sekret. Eine Studie der Columbia University attestierte der Methode eine grosse Patientenzufriedenheit, insbesondere punkto Sexualleben. Allerdings ist der Eingriff bedeutend komplizierter: «Er birgt alle Risiken einer grossen Darmoperation», sagt Matthias Turina, Leiter Darmchirurgie am USZ.

Eine geschlechtsangleichende Operation kostet im USZ nach allgemeinem Tarif circa 25 000 Franken, unabhängig davon, ob ein Brustaufbau dabei ist oder nicht. Die Kosten richten sich nach dem Katalog von Swiss DRG und werden üblicherweise von den Krankenkassen übernommen.

Für Patienten gelten strenge Hürden: Sie müssen älter als 18 Jahre sein und sich mindestens ein Jahr lang einer Hormontherapie unterzogen haben. Früher gehörte auch ein «Alltagstest» zu den Einschlusskriterien, eine Art öffentliche Bewährungsprobe nach dem Outing. Darauf wird heute verzichtet.

Stimmtraining bei Logopädin

Viel wichtiger ist den Spitalverantwortlichen, Transmenschen multidisziplinär bei ihrem Übergang ins andere Geschlecht zu begleiten. Beispielsweise durch Sitzungen bei der Logopädin, die mit den Patienten die Stimme trainiert: Satzmelodie, Betonung, Modulation und vor allem das Hochziehen des Kehlkopfs, damit sich der Vokaltrakt verkürzt und die Stimme höher wirkt. Stimmerhöhende Operationen werden zwar angeboten, seien aber selten.

Neben Operationen für Transfrauen bietet das USZ auch die Geschlechtsangleichung von Frau zu Mann an. Während die Maskulinisierung der sekundären Geschlechtsorgane mithilfe von Hormonen und Brustverkleinerung gut gelingt, bleibt die genitale Angleichung problematisch. «Die Fallzahlen mit Phallo- oder Metoidioplastik – dem Aufbau der Klitoris zu einem kleinen Penis – sind sehr gering, die Komplikationen zahlreich», resümiert Richard Fakin. Das USZ verzichte auf diese Prozeduren, da es sich um experimentelle Chirurgie handle.

Erstellt: 03.05.2016, 17:57 Uhr

Artikel zum Thema

Wann ist ein Mann ... eine Frau?

Aus Peter wird Petra. Transsexuelle müssen sich nicht operieren lassen, damit ihr neuer Name im Zivilstandsregister eingetragen werden kann. Dies hat das Zürcher Obergericht in einem Grundsatz-Urteil entschieden. Mehr...

WHO entfernt Krankheitsbild

Das Unbehagen zum eigenen biologischen Geschlecht, im Jargon «Gender-Dysphorie», ist gemäss Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine psychische Krankheit. In der gültigen Klassifikation ICD-10 wird Gender-Dysphorie unter «Störungen der Geschlechtsidentität» aufgeführt. Es bestehe der «Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht so weit wie möglich anzugleichen». Nun will die WHO auf die Pathologisierung der Gender-Dysphorie verzichten: Im Entwurf der ICD-11 wurde die Kategorie «Störungen der Geschlechtsidentität» entfernt. Stattdessen schlägt die WHO die neue Kategorie «Geschlechts-Inkongruenz» vor. Eine zwangsläufige Geschlechts­angleichung kommt dabei nicht vor. (ird)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...