Wie gefährlich ist unser Wasser wirklich?

Pestizide in jeder zweiten Trinkwasserprobe: Was das für unseren Körper bedeutet, erklärt Humantoxikologe Lothar Aicher.

Sauber genug: Eine Sennerin stillt ihren Durst an einer Viehtränke. Foto: Andreas Hub

Sauber genug: Eine Sennerin stillt ihren Durst an einer Viehtränke. Foto: Andreas Hub

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Wie eine Studie der Kantonschemiker gestern gezeigt hat, tranken rund 170'000 Menschen während mindestens mehreren Wochen Hahnenwasser, das die gesetzlich festgelegten Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel und deren Abbauprodukte überschritten hat. Was bedeutet das für die Gesundheit der Betroffenen?
Die meisten Resultate der Studie bewegen sich in einem sehr tiefen Konzentrationsbereich und stellen keine Gefahr für die Gesundheit dar. Die Giftigkeit von Pflanzenschutzmitteln wird in Tierstudien ermittelt. Daraus werden toxikologisch begründete Grenzwerte abgeleitet, die für den Menschen sicher sind. Erst bei einer Überschreitung dieser Grenzwerte, ist ein Gesundheitsrisiko möglich.

Zudem stammt der gesetzliche Grenzwert von 0,1 Mikrogramm (0,1 Millionstel Gramm) pro Liter aus einer Zeit, als die chemische Analytik Konzentrationen unter 0,1 Mikrogramm pro Liter nicht erfassen konnte. Heute können wesentlich tiefere Konzentrationen gemessen werden, weshalb in der Öffentlichkeit fälschlicherweise der Eindruck entsteht, die Trinkwasserqualität sei schlechter geworden.

Welche Massnahmen gilt es nun umzusetzen?
Das BLV hat am 8. August die Kantone angewiesen, Grenzwertüberschreitungen mit folgenden Massnahmen zu verhindern: Einfach umsetzbare Massnahmen wie das Mischen von belastetem mit unbelastetem Wasser oder das Nutzen einer unbelasteten Quelle müssen innerhalb eines Monats umgesetzt werden. Weiterreichende bauliche Massnahmen, wie der Einbau zusätzlicher Filter, müssen die Wasserversorger innerhalb von zwei Jahren umsetzen.

Besteht zwischen dem Grenzwert und einer unmittelbar toxischen Wirkung ein genügend grosser Sicherheitsabstand?
Von Chlorothalonil-Sulfonsäure geht nur eine geringe unmittelbare Toxizität aus. Die tödliche Menge lag im Tierversuch bei 2000 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Ein Mensch mit einem Gewicht von 60 Kilogramm müsste also 120 Gramm aufnehmen. Wenn wir davon ausgehen, dass dieser Mensch einen Liter Wasser pro Tag trinkt, bräuchte es eine Konzentration, die eine Milliarde Mal höher liegt als der Grenzwert von 0,1 Mikrogramm.

Standardmässig beträgt der Sicherheitsabstand zwischen den ersten toxischen Befunden im Tierversuch und dem daraus abgeleiteten Grenzwert für den Menschen mindestens den Faktor 100. Dabei wird berücksichtigt, dass der Mensch empfindlicher als das Tier sein könnte und verschiedene Menschen unterschiedlich auf Chemikalien reagieren.

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Neben Chlorothalonil-Sulfonsäure wurden zahlreiche weitere chemische Stoffe im Schweizer Trinkwasser gefunden. In einer Probe wurden 19 unterschiedliche Pflanzenschutzmittel – respektive Abbaustoffe davon – gefunden. Welche Wirkung hat dieser Chemiecocktail auf den menschlichen Organismus?
Die Erforschung von sogenannten Cocktaileffekten steht noch am Anfang und stellt eine Herausforderung für uns Toxikologen dar. Es besteht die Besorgnis, dass die Kombination von kleinen Mengen mehrerer Chemikalien, die jede für sich alleine betrachtet unschädlich für den Menschen sind, am Ende doch zu Gesundheitsschäden führt. Insbesondere gibt es die Befürchtungen, dass sich die Einzelstoffe gegenseitig so beeinflussen, dass sie sich in ihrer Wirkung enorm verstärken. Für Letzteres gibt es bisher aber kaum Hinweise.

Wir gehen heute davon aus, dass sich die Wirkungen von Substanzen addieren können, wenn sie auf die gleiche Art und Weise wirken, deshalb sollte man zum Beispiel Alkohol, der eine beruhigende Wirkung hat, nicht gleichzeitig mit Beruhigungsmitteln einnehmen. Wenn Substanzen aber auf unterschiedliche Art wirken, entstehen keine zusätzlichen Effekte. Wenn Sie also rauchen und gleichzeitig Alkohol trinken, wird der Alkohol das Risiko für Lungenkrebs nicht beeinflussen.

Wie wird es um die Gesundheit der Bevölkerung in 30 Jahren stehen, wenn wir wie bis anhin weiter Pestizide spritzen?
Eine sehr spekulative Frage. In einer grossen amerikanischen Studie hat man untersucht, ob Farmer und ihre Angehörigen, die grösseren Mengen an Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind als die Allgemeinbevölkerung, eine geringere Lebenserwartung haben oder häufiger krank sind. Die Forscher fanden heraus, dass es den Landwirten und ihre Familien sogar besser ging. Man hat versucht, diesen überraschenden Befund mit den positiven Auswirkungen ausreichender körperlicher Bewegung an der frischen Luft zu erklären. Grundsätzlich sollten wir davon ausgehen, dass die Grenzwerte einen hinreichenden Schutz bieten.

Wie stehen Sie zur Trinkwasserinitiative?
Jede Initiative, die das Bewusstsein der Industrie und der Bevölkerung für einen nachhaltigen Umgang mit Chemikalien schärft und die Suche nach Alternativen anregt, um unsere Gesundheit und Umwelt zu schützen, ist mir willkommen. Wir sollten dabei aber nicht vergessen, dass es ein Leben ohne Risiko nicht gibt. Wir leben in einem Land, dessen Annehmlichkeiten wir auch der chemischen Industrie zu verdanken haben. Zudem hat sich die Schweiz entschlossen, viel Geld für eine weitere Aufrüstung der Kläranlagen auszugeben, um die Wasserqualität zusätzlich zu sichern. Es wurden auch Massnahmen eingeleitet, um den Umgang mit Pflanzenschutzmitteln oder Antibiotika nachhaltiger zu gestalten. Wir sollten also etwas optimistischer in die Zukunft sehen.

Erstellt: 13.09.2019, 16:54 Uhr

Zur Person

Seit seiner Gründung 2009, ist Aicher als Regulatorischer Toxikologe beim Schweizerischen Zentrum für Angewandte Humantoxikologie (SCAHT) tätig. Zu seinen Hauptaufgaben gehören die unabhängige Risikobewertung von Chemikalien für die menschliche Gesundheit, die Ausgestaltung von neuen Testrichtlinien zur Gefahrenbewertung von Chemikalien auf OECD-Ebene sowie die Aus- und Weiterbildung von Toxikologen.

Lothar Aicher hat in Chemie promoviert, Business Management studiert und eine Weiterbildung zum Fachtoxikologen absolviert. Er forschte in der pharmazeutischen Industrie an alternativen Methoden zu Tierversuchen und arbeitete in verschiedenen Positionen in der agrochemischen Industrie, unter anderem in der Risikobewertung.

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