So können Tiere Kranken helfen

Ob in Sonderschulen oder Haftanstalten: Vielerorts werden Tiere in der Therapie eingesetzt. Was der Einsatz bewirkt, haben Studien am Rehab Basel untersucht.

Tiere können innere Blockaden lösen: Patientin mit Pferd im Rehab Basel. Foto: Samuel Schalch

Tiere können innere Blockaden lösen: Patientin mit Pferd im Rehab Basel. Foto: Samuel Schalch

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Melina Freyherr erinnert sich noch an das Gackern von Hühnern und das Blöken von Schafen, das vergangenen Sommer von draussen in ihr Zimmer drang. Die 21-jährige, die auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, kennt die Geräuschkulisse gut. Nur, dass sie sich damals nicht zu Hause befand, sondern auf der Wachkomastation des Rehab in Basel, einer Spezialklinik für Neurorehabilitation und Paraplegiologie, einer der besten der Schweiz. Es ist ein flach gebautes, lichtdurchflutetes Gebäude mit viel Holz. Auf dem 2300 Quadratmeter grossen Gelände sind Spazierwege, Teiche und Grünflächen angelegt.

Melina Freyherr haben die Folgen eines Autounfalls hierhergebracht. Auf dem Heimweg von einer Geburtstagsfeier im Frühjahr 2017 kam es zu einer Frontalkollision, das Fahrzeug überschlug sich mehrmals. Während der Fahrer mit einem Schock davonkam, erlitt Freyherr ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und erlag beinahe den inneren Blutungen. Nachdem sie einige Monate in einem Spital in Frankreich im Koma gelegen hatte, wurde sie am 14. Juni in die Rehab-Klinik Basel verlegt. Die Geräusche, an die sie sich noch heute erinnert, kamen vom Tiergarten im Hof. Dort spazieren Meerschweinchen, Schafe, Ziegen oder Minipigs in der fein säuberlich gepflegten Anlage herum. Seit 2013 gehören sie zum Therapiekonzept der Klinik und sollen nicht nur den Patienten, sondern auch der Forschung dienen.

Immer gut gelaunt, niemals hässig: Minipigs sind beliebt in der Therapie. Foto: Samuel Schalch

«Aus der Praxis weiss man schon lange, dass Patienten gut auf Tiere ansprechen», sagt Karin Hediger, Therapeutin und Psychologin am Rehab Basel. Um auch für die Wissenschaft Belege zu liefern, hat die 33-Jährige vor zwei Jahren eine Studie zur Wirkung von tiergestützter Therapie auf Patienten mit einer Hirnverletzung begonnen. Die Betroffenen verbringen meist viele Monate in stationärer Behandlung und sind mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert.

«Oft sind es die Tiere, die überhaupt erst einen Zugang zu den Patienten finden können», sagt Hediger. Rund ein Viertel der Patienten am Rehab nimmt im Durchschnitt die tiergestützte Therapie in Anspruch. Im Tiergarten ist eigens dafür ein Raum mit grosser Glasfront errichtet worden, in den die Patienten teils noch im Bett geschoben werden, um den Tieren zu begegnen.

Vorurteile abbauen

Anfangs finanzierten vor allem Stiftungen das Pionierprojekt. Die Eckenstein-Geigy-Stiftung sprach 1,7 Millionen Franken, auch Pro Rehab Basel und der Forschungsfonds der Universität Basel zählen zu den wichtigen Unterstützern der Studien. Nun hat vor wenigen Monaten der Schweizerische Nationalfonds für die nächsten vier Jahre 700'000 Franken gesprochen. «Das ist ein kleines Wunder, in diesem Forschungsgebiet überhaupt öffentliche Gelder zu bekommen», sagt Hediger, die bereits zu dem Thema promovierte. Die Therapiemethode werde in Kollegenkreisen oft nicht als seriös angesehen und als kleine Nettigkeit abgetan. Auch um dieses Image zu verändern, brauche es fundierte Ergebnisse.

Seit November liegen nun die ersten öffentlich vor. Eine der Studien untersuchte die Aufmerksamkeit und Konzentration der Betroffenen. Dabei durchliefen 19 Patienten mit einer Hirnverletzung über sechs Wochen jeweils zwölf Therapiestunden mit und ohne Tier, wobei sich die Inhalte ähneln mussten: etwa spazieren gehen, putzen, Essen zubereiten oder Sprechübungen. Geprüft wurde: Wie lange können sie sich mit einer Sache beschäftigen? Wie den Augenkontakt halten? Die Auswertung der Videoaufzeichnungen ergab, dass die Patienten durch die Anwesenheit des Tieres zwar mehr abgelenkt sind, die Aufmerksamkeitsspanne dabei jedoch unverändert bleibt. Die grössten Effekte der durchgeführten Studien liegen laut Karin Hediger im sozialen und emotionalen Verhalten. Dafür wurden die Patienten durch Videokodierung etwa auf ihre Mimik und Stimme getestet. «Die Patienten sind viel gesprächiger, interagieren und lachen mehr, wenn ein Tier dabei ist.»

Steigerung des Selbstwertes

Diese Erfahrung bestätigt auch Melina Freyherr. «Frederik wurde nie hässig und hat mich immer zum Lachen gebracht», erzählt die zierliche Frau und meint damit eines der zwei Minipigs des Tiergartens. Mit Frederik ging sie schon spazieren, als sie noch auf den Rollator angewiesen war. «Die Therapie mit den Tieren hat mir wieder Selbstvertrauen zurückgegeben», sagt die Patientin überzeugt. Das rührt laut Hediger einerseits daher, dass Freyherr die Arbeit mit den Tieren vom Bauernhof bereits sehr gut kannte. Entscheidend sei jedoch ein anderer Faktor: «Tiere akzeptieren einen so, wie man ist. Das steigert den Selbstwert enorm.» So belegten andere Studien, dass Patienten bei Tests schlechter abschneiden, wenn etwa der Partner anwesend ist.

Frederik wurde nicht zufällig für Freyherr ausgewählt. «Schweine sind für die Stabilisierung der Psyche besonders geeignet», erklärt Hediger. Speziell bei Patientinnen wie Melina Freyherr, die stets alles richtig machen wollte. Minipigs seien feinfühlig, bewegen sich langsam und reagieren negativ auf äusseren Druck. Die grosse Auswahl der Tiere am Rehab erklärt Hediger daher auch mit ihren unterschiedlichen Verhaltensweisen. «Schweine sind sehr zurückhaltend, eine Geiss hingegen fordert viel mehr Kontakt ein.»

Das erste Wort war «Fou»

Doch auch die klassische Therapie mit Pferden gehört seit 30 Jahren zum Standardangebot der Klinik, von der Freyherr ebenfalls profitierte. «Zu Hause haben wir 18 Pferde, ich bin immer geritten.» Als die Patientin aus dem Koma erwachte, war das erste Wort, das sie sagte, der Namen ihres Pferdes «Fou». So sass sie mit gebrochener Hüfte bereits auf dem Rücken eines schwarzen Therapiepferdes der Rasse Tinker, die robust und gutmütig ist. Heute sieht man Freyherr kaum mehr Einschränkungen an. Seit November ist sie in der Tagesklinik des Rehab untergebracht und wohnt wieder bei ihren Eltern auf dem Bauernhof, fast täglich reitet sie mit Fou aus.

Noch mindestens vier Jahre plant Karin Hediger die Wirkung der tiergestützten Therapie am Rehab weiter zu erforschen. Aktuell ist sie besonders an den Wachkomapatienten interessiert. Bei ihnen sind die Interventionsmöglichkeiten menschlicher Therapeuten sehr beschränkt. Erste Pilotstudien haben bei der Interaktion mit Tieren eine erhöhte Herzrate bei den Betroffenen angezeigt, was heisst: Der Patient wird durch das Tier aktiviert, eines der Hauptziele der Rehabilitation. Besonders geeignet seien dafür etwa Meerschweinchen, die man in einem Tischgehege nahe zu den Patienten bringen könne. «Es sendet Reize aus, aber überfordert den Patienten nicht.»

Ist ein Patient in der Lage, dem Tier einen Grashalm hinzuhalten, könne das mitunter Wunder bewirken. «Etwas vom Ersten und Letzten, was bei schwer kranken Menschen wieder geht, ist Füttern», sagt Hediger. Das gründe auf einem Instinkt, der von jeher sehr stark im Menschen verankert sei: für andere zu sorgen.

Erstellt: 03.01.2018, 07:18 Uhr

Karin Hediger ist Therapeutin und Psychologin am Rehab in Basel.

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