Wie viel Vergesslichkeit ist normal?

Nicht hinter jeder Schussligkeit steckt eine beginnende Demenz. Wann man zum Arzt gehen sollte.

Sinnvolle Helfer im Alltag: Post-Its mit Stichworten helfen dem Gehirn auf die Sprünge. Foto: iStock

Sinnvolle Helfer im Alltag: Post-Its mit Stichworten helfen dem Gehirn auf die Sprünge. Foto: iStock

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Die Kehrichtsäcke sind ausgegangen. Schnell noch in den Supermarkt. Wo ist mein Handy? Endlich in der Garage angekommen. Doch der Autoschlüssel liegt noch auf der Kommode, also wieder zurück. Im Treppenhaus grüsst ein Nachbarsjunge. Wie heisst er nochmals? Nach dem Einkauf wieder daheim. Blick auf den vollen Abfalleimer. Die Kehrichtsäcke! Schon wieder vergessen, an der Kasse danach zu fragen.

Wem diese Schilderung bekannt vorkommt, kann beruhigt sein: Dinge zu verlegen oder zu vergessen, ist ein häufiges Phänomen. Und in der Regel kein Grund zur Sorge.

«Unser Gehirn schützt sich vor Überlastung, indem es vergisst.»Sebastian Markett, Gedächtnisforscher

«Vergessen ist ein wichtiger Vorgang unseres Gehirns», sagt der deutsche Psychologe und Gedächtnisforscher Sebastian Markett von der Humboldt-Universität in Berlin. «Unser Hirn ist keine Festplatte, es speichert nicht jedes Detail ab.» Dazu komme, dass laufend ältere Informationen durch neue, wichtigere Eindrücke überschrieben werden. «Damit schützt sich unser Gehirn vor Überlastung.»

Doch warum sind manche Menschen schusseliger als andere? «Dabei handelt es sich eher um ein Aufmerksamkeits- als um ein Gedächtnisproblem», sagt Sebastian Markett und macht dazu ein Beispiel: «Jemand legt seinen Schlüsselbund auf den Küchentisch, während er mit den Gedanken ganz woanders ist.» Diese Unaufmerksamkeit könne sich nicht nur auf die Merkfähigkeit, sondern auch auf die Motorik auswirken. «Konkret bedeutet das: Schusselige Menschen sind nicht nur vergesslicher, sondern oft auch etwas tollpatschiger.»

Schusseligkeit ist erbbar

Schusseligkeit kann genetisch bedingt sein, wie Sebastian Markett und seine Kollegen an der Universität Bonn im Jahr 2014 nachwiesen. Im Rahmen einer Studie entnahmen sie 500 Probanden eine Speichelprobe, um das Erbgut zu analysieren. Danach mussten die Teilnehmer angeben, wie oft sie bestimmte Dinge vergessen und wie leicht sie sich ablenken lassen.

Es zeigte sich, dass diejenigen Probanden, die über eine bestimmte Variante des sogenannten DRD2-Gens verfügten, häufiger an Vergesslichkeit und Aufmerksamkeitsproblemen litten. Insgesamt wiesen drei von vier Probanden diese Genvariante auf. «Schusseligkeit ist also weitverbreitet», sagt der Psychologe.

Chronischer Stress oder depressive Verstimmungen tragen zu Vergesslichkeit bei.

Aber nicht immer ist an der Schusseligkeit eine familiäre Veranlagung schuld. So können chronischer Stress oder depressive Verstimmungen zu Vergesslichkeit beitragen. «In einer akuten Stresssituation sind wir leistungsfähiger, die Konzentration ist geschärft, wir merken uns Dinge sogar besser», erklärt Sebastian Markett. «Chronischer Stress hingegen bewirkt das Gegenteil.»

Die Stresshormone im Körper schädigen auf Dauer den Hippocampus. Das ist der Teil des Gehirns, der für das Gedächtnis und die Konzentration zuständig ist. «Dabei kann es sogar zum Absterben von Nervenzellen kommen, sodass der Hippocampus schrumpft.» Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2015 zeigte, wie schwere, wiederkehrende Depressionen zu einer Verkleinerung des Hippocampus führten – chronischer Stress kann eine Ursache von Depressionen sein.

Übermässige Nutzung von sozialen Medien kann die Konzentration beeinträchtigen.

Unser ständiger Begleiter, das Smartphone, kann ebenfalls Vergesslichkeit fördern. Sebastian Markett forscht darüber, wie Smartphones unsere Gehirnfunktionen beeinflussen. Er hat herausgefunden, dass eine übermässige Nutzung von sozialen Medien wie Whatsapp oder Facebook Konzentrationsschwierigkeiten erzeugen kann. «Ständig aufs Smartphone zu schauen, lenkt ab und macht eher noch schusseliger», sagt Sebastian Markett. Er rät dazu, den Ton abzustellen, sodass man nicht ständig durch eingehende Nachrichten aufgeschreckt wird.

Manchmal können hinter Schusseligkeit auch körperliche Ursachen stecken, wie zum Beispiel Flüssigkeits- oder Vitamin- B12-Mangel, Schilddrüsenerkrankungen oder Störungen im Kalziumstoffwechsel. Auch Müdigkeit aufgrund einer Schlafapnoe kann vergesslich machen.

Hirnleistung sinkt mit dem Alter

Vor allem ältere Menschen machen sich schnell Sorgen um ihre Gesundheit, wenn sie im Alltag Dinge vergessen. Sie befürchten hinter dem Symptom eine beginnende Demenz – oft zu Unrecht.

«Es ist normal, wenn das Kurzzeitgedächtnis und die Aufmerksamkeit im Alter etwas schlechter werden», sagt Irene Bopp-Kistler, leitende Ärztin der Memory Clinic im Zürcher Stadtspital Waid. «Mit zunehmendem Alter nimmt die Leistungsfähigkeit des Gehirns ab.» Bereits zwischen zwanzig und dreissig sei theoretisch der Höhepunkt erreicht.

Ein Warnzeichen ist, wenn Alltägliches plötzlich Probleme bereitet.

Ob es sich nur um eine stress- oder altersbedingte Vergesslichkeit handelt oder ob eine ernste Krankheit wie eine Demenz dahintersteckt, ist für den Laien meist schwer zu erkennen.

Ein Warnzeichen sei, wenn Dinge im Alltag plötzlich Probleme bereiten, die früher mit links erledigt worden sind, sagt die Altersmedizinerin Irene Bopp-Kistler. «Also wenn zum Beispiel die ältere Frau plötzlich Mühe hat, ihre Buchhaltung zu erledigen, obwohl sie diese Aufgabe jahrelang mühelos gemeistert hat. Oder wenn der Mann nicht mehr weiss, wie man das Telefon oder den Computer bedient, den er schon lange benutzt.» In solchen Fällen ist eine ärztliche Abklärung ratsam.

Auch wenn altbekannte Gesichter nicht mehr zugeordnet werden können oder man ständig Termine vergisst, obwohl das früher nie ein Problem war, sollten Betroffene ihren Hausarzt aufsuchen. Das Gleiche gilt, wenn man ständig Dinge verlegt und überhaupt keinen Anhaltspunkt mehr hat, wo sie sein könnten.

«Ich verlege auch Sachen, wie zum Beispiel meinen Hausschlüssel», sagt die Ärztin Irene Bopp- Kistler. «Aber in der Regel kann ich mich noch daran erinnern, wo ich den Schlüssel zuletzt hatte oder was ich in den Stunden davor gemacht habe.» So würden sich Anhaltspunkte ergeben, wo man suchen muss. «Ich habe zum Beispiel letzte Woche meinen Schlüssel im Velohelm auf der Hutablage wiedergefunden, weil ich mich daran erinnert habe, dass ich beim Reinkommen meinen Velohelm abgezogen habe.»

«Versagt jemand beim Frühtest, ist er nicht zwingend dement.»Irene Bopp-Kistler, Altersmedizinerin

Wer sich Sorgen macht, ein zerstreut wirkender Angehöriger könnte an einer Demenz erkrankt sein, sollte ihn behutsam auf die Vergesslichkeit ansprechen. «Handelt es sich um den Partner oder die Partnerin, die das Problem nicht wahrnehmen, kann man auch vorschlagen, sich gemeinsam beim Hausarzt durchchecken zu lassen.»

Um herauszufinden, was hinter der Vergesslichkeit steckt, wird der Hausarzt als Erstes ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten führen, idealerweise auch mit den Angehörigen. Er wird zudem eine Blutprobe nehmen, um körperliche Ursachen wie etwa einen Vitamin-B12-Mangel aufzuspüren, und allenfalls Tests zur Früherkennung von Demenz durchführen.

Einer davon ist zum Beispiel der Uhrentest, bei dem auf einem Zifferblatt eine Uhrzeit eingetragen werden muss. «Versagt jemand beim Frühtest, bedeutet das nicht automatisch, dass eine Demenz vorliegt», sagt Irene Bopp-Kistler. Es zeige jedoch auf, dass weitere Abklärungen nötig sind, wie Untersuchungen in einer Memory-Klinik oder bildgebende Verfahren.

Bestimmte Funktionen von Smartphones sind nützlich bei Vergesslichkeit.

Eine Demenz ist bislang nicht heilbar. Trotzdem ist es wichtig, früh eine Diagnose zu stellen. «Durch eine Früherkennung kann man viele Probleme umgehen, indem man den Alltag für den Betroffenen optimal gestaltet und wenn nötig Hilfsangebote organisiert», sagt die Altersmedizinerin Irene Bopp-Kistler.

Für diejenigen Menschen, die nicht krankhaft vergesslich, sondern nur schusselig sind, gibt es Strategien, um das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit zu stärken. Praktisch sind kleine Helfer im Alltag: Schlüsselanhänger, die auf Klatschen reagieren. Und mit den guten alten Haftnotizen am Spiegel oder an der Türe fällt es leichter, sich an etwas zu erinnern.

Die moderne Variante ist die Alarmfunktion des Handys. Auch der Gedächtnisforscher Sebastian Markett, der sich selbst als schusselig bezeichnet, findet bestimmte Funktionen von Smartphones nützlich, um im Alltag besser über die Runden zu kommen. «Mein Telefon erinnert mich an meine Termine und zeigt mir jeden Abend, wo ich morgens mein Auto parkiert habe.»

(Schweizer Familie)

Erstellt: 07.09.2019, 18:33 Uhr

So hält man das Gehirn fit


  • Haben Sie den Mut, auch
    im Alter Neues zu entdecken
    und zu lernen.
    Zum Beispiel eine Fremdsprache
    oder ein neues
    Hobby.



  • Lassen Sie sich von dem
    leiten, was Spass macht:
    Gelerntes bleibt besser
    haften, wenn es mit
    einem Gefühl der Freude
    verknüpft wird.



  • Ungewohnte Alltagsaufgaben
    fordern unser
    Hirn: Putzen Sie als
    Rechtshänder ab und zu
    mit der linken Hand die
    Zähne, ziehen Sie die
    Schuhe in umgekehrter
    Reihenfolge an, oder
    drehen Sie die Zeitung
    zum Lesen auf den Kopf.
    Solche ungewohnten
    Situationen
    zwingen Ihr
    Gehirn, neue Nervenbahnen
    zu stimulieren.



  • Spielbegeisterte können
    ihr Gedächtnis mit Rätseln
    wie Sudoku auf Trab
    halten. Wer das klassische
    Kreuzworträtsel
    bevorzugt,
    sollte es unbedingt
    bis zu Ende
    lösen.
    Denn wer nur das
    ausfüllt, was er sowieso
    schon weiss, ruft lediglich
    altes Wissen ab.



  • Sorgen Sie für regelmässige
    körperliche Bewegung.
    Sie führt im
    Gehirn
    dazu, dass neue
    Nervenzellen gebildet
    werden. Vor allem Ausdauersportarten
    wie
    Schwimmen oder Joggen
    stärken Hirnfunktionen
    wie Gedächtnis und
    Konzentration.



  • Unser Hirn braucht eine
    ausgewogene, vitaminreiche
    Kost mit viel Gemüse,
    Hülsenfrüchten
    und Obst, insbesondere
    Beeren. Und ausreichend
    Flüssigkeit, am besten in
    Form von Wasser.



  • Pflegen Sie soziale Kontakte,
    und führen Sie angeregte
    Gespräche mit
    Freunden und Bekannten.
    Denn wer argumentiert,
    leistet Denkarbeit,
    die das Hirn anregt.



  • Auch Bücherlesen hält
    das Hirn fit. Noch besser
    ist es jedoch, ein Buch
    zu lesen und danach mit
    jemandem darüber zu
    diskutieren.



  • Schlafen Sie genügend.
    In der Nacht verschiebt
    unser Gehirn Daten aus
    dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis
    und verknüpft
    neue mit alten
    Informationen.
    Schlafen
    wir zu wenig, leidet das
    Erinnerungsvermögen
    und die Aufmerksamkeit.



  • Üben Sie sich in Achtsamkeitsmeditation.
    Sie lenkt die Aufmerksamkeit
    auf den gegenwärtigen
    Augenblick.
    Forscher konnten zeigen,
    dass durch regelmässige
    Meditation der Hippocampus
    wächst. Er ist für
    Gedächtnisfunktionen
    zuständig.


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