Wie wir durch Farben unterbewusst beeinflusst werden

Grüne Bio-Etiketten, pinke Ausnüchterungszellen: Warum sich unsere Psyche der Wirkung von Farben nicht entziehen kann.

Hellblau steht für Leichtigkeit und Transparenz: Eine Frau studiert, welche Farbe ihre Wand erhalten soll. Foto: iStock

Hellblau steht für Leichtigkeit und Transparenz: Eine Frau studiert, welche Farbe ihre Wand erhalten soll. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kaum blicken wir hoch zum Winterhimmel, schon verlangsamt sich unsere Atmung, der Körper entspannt sich – und während wir dasitzen, tanken Körper und Geist neue Kraft. Denn das Blau wirkt auf uns beruhigend, die Farbe verströmt Harmonie, Zufriedenheit und Ruhe, wie Farbpsychologen unisono wissen. Und das Gelb der Sonne, die das Blau mit Licht durchflutet, vitalisiert die Sinne. Manche sagen Gelb sogar stärkende Kräfte für Leber, Bauchspeicheldrüse und das Gedärme zu. Womit wir mitten im Minenfeld der Farbpsychologie stehen: Denn manchmal mischt sich darin Wissen mit kühnen und seltsamen Versprechungen.

Violett etwa soll bei Hitzekrankheiten und Sonnenbrand kühlen. Orange soll die Verdauung und Fortpflanzungsorgane anregen, Türkis wiederum Infektionen abwehren. Vor allem Therapien mit farbigen Steinen und farbigem Licht lotsen die Grenzen der Wissenschaft empfindlich aus. Die Grundwerte der Farbpsychologie aber sind unbestritten, werden mittlerweile gar an Universitäten gelehrt. Sie kommen in komplett unterschiedlichen Gebieten zum Einsatz, in der Medizin genauso wie in der Architektur oder im Marketing.

Denn Studien haben längst bewiesen, wie sehr uns Farben beeinflussen, auch körperlich. Daran sollten wir denken, wenn wir zu Hause eine Wand farbig anstreichen. Helle Farben lassen kleine, enge Räume zwar grösser und dunkle Farben hohe Räume niedriger erscheinen: Der gewählte Ton beeinflusst aber immer auch Körper und Geist. Hobbymaler sollten sich also erst bei Experten oder im Internet kundig machen, bevor sie zum Pinsel greifen.

Wir sehen zwei Millionen Farbtöne

Menschen können etwa zwei Millionen Farbnuancen unterscheiden: rund 200 Farben in bis zu 500 Variationen und mit rund 20 Weissabstufungen. Diese Fähigkeit hat uns in der Evolution wichtige Vorteile verschafft. Denn mit der Fähigkeit, Farben zu erkennen, konnte der Mensch Essbares und Feinde besser erkennen als Konkurrenten. Die Erfahrungen aus der Natur wirken bis heute nach. Zartes Grün verbinden wir noch immer mit Wachstum und damit mit Nahrung, die Farbe des Feuers, Rot, wärmt, und Blau kühlt.

«Die Wahl der Farbe kann über Erfolg oder Misserfolg eines Betriebs entscheiden.»Daniela Späth, Farbdesignerin

Farbpsychologen, Esoteriker, Inneneinrichter und Marketingprofis nehmen sich ein Beispiel daran und setzen Farben wie die Natur als Kommunikationsmittel ein, ohne dass wir manchmal davon Kenntnis nehmen. Wie diverse Erhebungen zeigen, orientieren wir uns bei 90 Prozent aller Spontankäufe allein an der Farbe der Verpackung. Überdies ist es kein Zufall, dass Bio-Produkte in grüner Verpackung angeboten werden – Grün steht stellvertretend für Frische, Natur, Umwelt und Gesundheit – oder dass Light-Produkte hellblau verpackt sind, wir verbinden damit Leichtigkeit und Transparenz.

Auch Daniela Späth, 54, lehrt Erkenntnisse aus der Farbpsychologie seit über 20 Jahren erfolgreich. Sie hat in Salzburg Farbdesign studiert, ist Dipl. Farbdesignerin, entwickelt für die Industrie Farbkollektionen und berät Architekten und Bauherren, in welchen Tönen sie ihre Bauwerke halten sollen. «Die Wahl der Farbe beeinflusst nicht nur die Psyche und den Körper, sie kann auch über Erfolg oder Misserfolg eines Betriebs entscheiden», sagt sie. Dabei denkt Daniela Späth etwa an Restaurants: «Wird dieses rot gestrichen, fangen die Gäste auf ihren Stühlen an rumzurutschen und wollen es schnell wieder verlassen. Denn kräftiges Rot regt an. Gedämpfte Töne hingegen beruhigen und halten Menschen länger am Tisch.»

Die Expertin aus Zug hat das sogenannte Cool Down Pink entwickelt, dieses hat sie weltweit in die Schlagzeilen gebracht. Denn ihr strahlendes Pink beruhigt nachweisbar aggressive Menschen, senkt deren Blutdruck, entschleunigt den Puls. Deshalb wurden Ausnüchterungszellen der Polizei in Cool Down Pink gestrichen, auch kommt es in mehreren Schweizer Gefängnissen zum Einsatz: Anfangs mit erstaunlichem Erfolg, die Langzeitwirkung aber blieb aus. Was weniger am Pink liegt, sondern am menschlichen Hirn. Denn ist dieses über längere Zeit und ohne Unterbruch der gleichen Farbe ausgesetzt, justiert es die Wahrnehmung neu und filtert die Wirkung auf die Psyche weg: Wer dauernd eine rosa Brille trägt, wird es früher oder später gar nicht mehr merken. Damit schwindet auch der psychosomatische Effekt.

Gut fürs Gemüt: Das ausgeklügelte Farbkonzept im Kantonsspital Schwyz unterstützt Patienten beim Heilungsprozess. Foto: Seraina Wirz/Vexer-Verlag

Noch immer liegen die Details im Dunkeln, wie Farben auf uns wirken. Die genauen anatomischen Faktoren sind unklar. Erwiesen ist: Der vom Auge ausgehende Sehnerv ist nicht nur mit dem Sehzentrum verbunden, ein Teil davon geht direkt zum Hypothalamus, zur Hirnanhangdrüse. Farbimpulse regeln dort den Hormonhaushalt und wandeln optische Botschaften vereinfacht formuliert in Gefühle um. Dieser Mechanismus entzieht sich unserem Willen. «Umso wichtiger ist es, die Wirkung der Farben zu kennen», sagt Daniela Späth, «so können wir besser einschätzen, was sie mit uns machen.» Ein Beispiel: Gelborange Räume wirken auf Menschen wärmer. Die Raumtemperatur wurde von Probanden einer Studie durchschnittlich um sechs Grad Celsius wärmer empfunden als in dunkelfarbigen, und selbst fünfzehn Grad erschienen ihnen noch als angenehm.

Kulturell gefärbte Bedeutungen

Andere Erhebungen zeigen, dass Rot unsere Puls- und Atemfrequenz erhöht und Männern sogar den Kopf verdreht. Diese empfinden Frauen in roter Kleidung anziehender und begehrlicher, weil sie mit der Farbe Erotik und Weiblichkeit verbinden. Forscher vermuten den Grund dafür in der Natur: Die Haut von Frauen errötet bei Erregung im oberen Brustbereich, im Nacken und im Gesicht sichtbar und signalisiert damit ihre Empfänglichkeit. Das ist während ihrer fruchtbaren Tage besonders gut sichtbar. Dieses Urbild wirke nach, so die Studienführer.

Manche Experten sagen gar, Weiss mache dumm – weil es dem Hirn keine Anreize liefere.

Wie vorausgeschickt, hat uns die Natur die Ursymbolik der Farben tief eingeprägt. Für deren Wahrnehmung und Einordnung sind aber auch kulturelle Werte wichtig, denn jede Kultur schreibt Farben mitunter andere Werte zu.» Grau gilt in Europa beispielsweise als trist, indianische Kulturen sehen sie als Glücksfarbe – vermutlich, weil ihnen ein grau verhangener Himmel in der Ödnis Regen verspricht. Und auch persönliche Empfindungen, Erfahrungen und Erlebnisse sind Treiber der Farbpsychologie. Ist jemand als Kind fast ertrunken, wird dieses später Blau wohl kaum zu seiner Lieblingsfarbe küren.

Richtig eingesetzt, können Farben Erstaunliches bewirken. Das Spital Schwyz etwa liess in den vergangenen sechzehn Jahren vom Luzerner Künstler Benno K. Zehnder ein ausgeklügeltes, raffiniertes Farbkonzept entwickeln, das schweizweit einmalig ist. Der Künstler lag nach einer Hüftoperation selber lange in einem Spitalbett und hatte so die Tristesse weisser Wände kennengelernt, die jegliche Freude hemmt, unterbewusst Stress bewirken und damit den Heilungsprozess verlangsamen kann. Manche Experten sagen gar, Weiss mache dumm – weil es dem Hirn keine Anreize liefere. Das wollte Benno K. Zehnder nicht riskieren. Also strich er die Gänge, die Aufenthalts- und Behandlungsräume des Spitals Schwyz nach genauen Plänen farbig: Ja sogar die Lichtschächte liess er streichen, das einfallende Licht füllt die Räume nun mit zarten Tönen.

Der Zentralschweizer stellte sich dabei in den «Dienst der Schönheit als Heilsamkeit», wie er im eben erschienenen, 192 Seiten starken Bildband «Architektur Farbe Licht» (Vexer, 58 Franken) betont. Darin schreibt er, dass er von Patienten immer wieder positive Reaktionen auf sein farbiges Puzzle erhalte, wie gut das Konzept «Körper und Geist tue».

Auch die zwölf Standorte der Güxi-Kinderkrippen, die rund tausend Kinder betreuen, folgen seit der Gründung vor vierzehn Jahren einem strikten Farbkonzept. Die beiden Gründerväter, Michael Hadad und Yannick Gubler, vertrauen darin auf erprobte Erkenntnisse der Farbenlehre: Orange, rosarote oder gelbe Wände in jenen Räumen, in denen die Kinder spielen und herumtollen. Blautöne dort, wo sich die Kleinen konzentrieren und sammeln sollen – und Dunkelblau respektive dunkles Violett sind alle Ruhezonen. «Wir verfeinern das Konzept ständig, treiben dieses voran», sagt Michael Hadad. Auf den Farbflächen an den Wänden liess er von ausgewählten Künstlern verspielte Bilderwelten malen, auch deren Farben sind auf die Funktion des jeweiligen Raumes abgestimmt. «Die Resonanz darauf ist durchwegs positiv», sagt Michael Hadad, «von Gross und Klein gleichermassen.»

Rosa Rappelkiste: Im Spielzimmer einer Güxi-Kinderkrippe wirkt die Farbgebung aggressionshemmend auf die Kinder. Foto: Seraina Wirz / Vexer Verlag

Moderner Hokuspokus? Von wegen! Die Farbpsychologie hatte schon vor Jahrhunderten namhafte Fürsprecher. Bereits die grossen Kulturen des Altertums glaubten an die Heilkraft des gelben Sonnenlichts, zelebrierten auch aus diesem Grund ihren Sonnenkult. Die Ägypter sollen Räume gebaut haben, in denen sie Kranke mit farbigem Licht behandelten.

Hippokrates, der berühmteste Arzt des Altertums, und andere Gelehrte waren ebenfalls von der Magie der Farben überzeugt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe war Fan dieses Faches und erforschte dieses ausgiebig. Er selber bezeichnete seine Farbenlehre gar als weit grössere Errungenschaft als seine literarischen Werke. Goethe empfahl, dass ein jeder täglich durch ein farbiges Glas guckt und sich den Stimmungen hingibt, die dabei entstehen, im Interesse unserer Gemütslage. Damals sahen viele Zweifler rot – mittlerweile haben sie ihr blaues Wunder erlebt.

Das Buch
Architektur Farbe Licht
Die Kunst von Benno K. Zehnder im Spital Schwyz
Vexer Verlag, CHF 58.-

Erstellt: 07.01.2019, 14:34 Uhr

Farben und ihre Wirkung



Rot ist die Farbe der Leidenschaft, aber auch des Zorns. Weil sie wärmt und zum Bewegen motiviert, wird ihr eine anregende Wirkung auf den Stoffwechsel nachgesagt. Rote Kleidung signalisiert Selbstbewusstsein und Sexyness, doch in Räumen sorgt allzu viel Rot für Unruhe.

Grün ist die Farbe des Lebens, der Hoffnung und des Wachstums. In grünen Räumen fühlt sich der Mensch geborgen und kann sich – wie beispielsweise im Wald – körperlich regenerieren. In Büros sorgen grüne Farbtupfer für etwas Entspannung.

Gelb lässt uns an die Sonne denken und weckt unsere Lebensgeister. Die aufmunternde Farbe soll Ängste und depressive Stimmungen lindern. Sie steht für Optimismus und Lebensfreude. Und sie stimuliert auch unser Gehirn und ist daher ideal für Kinderzimmer, Schulen und Konferenzräume. Gelb lässt Räume optisch grösser wirken.

Blau steht für Ruhe und Gelassenheit. Wegen ihrer beruhigenden Wirkung auf den Geist eignet sich die Farbe gut fürs Schlafzimmer. Als Farbe des Intellekts und der Konzentration wird sie auch gerne in Lernumgebungen verwendet. Ausserdem soll Blau den Appetit drosseln.

Orange symbolisiert Optimismus und Lebensfreude pur. Es sorgt für gute Laune und fördert die Geselligkeit. Die ideale Farbe für Orte, wo Menschen aufeinandertreffen. Orange gestrichene Räume wirken selbst dann warm, wenn darin tiefe Temperaturen herrschen.

Rosa Die romantische Klein-Mädchen-Farbe, hat nachweislich einen Effekt auf das Herz-Kreislauf-System. Sie beruhigt hyperaktive Menschen und wirkt besänftigend bei Aggressionen. Rosafarbene Räume kommen in Gefängnissen, aber auch in sozialen und medizinischen Institutionen zum Einsatz.

Braun vermittelt Sicherheit. Braun gestaltete Räume mit viel Holz verströmen Behaglichkeit und helfen Menschen, sich zu «erden». Farbtherapeuten verwenden Braun mitunter bei Zerstreutheit und Gleichgewichtsstörungen.

Artikel zum Thema

Die Erwartung isst mit

Weshalb unser Gehirn den Gaumen überlistet – und schlechter Wein besser schmeckt, wenn er teuer ist. Mehr...

Hitze setzt der Psyche mehr zu als Dunkelheit

Der Psychiater Thomas Müller hat die Eintritte in eine Berner Klinik von 1973 bis 2017 mit dem Klima abgeglichen und kam zu einem verblüffenden Ergebnis. Mehr...

«Informationen fliessen vom Darm zum Gehirn – und nicht umgekehrt»

Interview Warum fühlen wir, was wir fühlen? Neuro-Forscher Damásio beantwortet eine der ältesten Fragen der Menschheit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...