Lebermoos – wirkungsvoller als Cannabis

Die Pflanze produziert ein THC-Derivat und könnte medizinisch wertvoller sein als Cannabis, sagt Biochemiker Jürg Gertsch.

Weltweit gibt es rund 1000 Lebermoosarten, die meisten enthalten jedoch kein Perrottetinen. Foto: Ernst Haeckel

Weltweit gibt es rund 1000 Lebermoosarten, die meisten enthalten jedoch kein Perrottetinen. Foto: Ernst Haeckel

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Sie haben zusammen mit Mitarbeitern der Uni Bern und der ETH Zürich erstmals den THC-ähnlichen Naturstoff Perrottetinen genauer untersucht. Warum hört man erst jetzt von dieser Substanz?
Bislang glaubte man, dass Cannabis die einzige Pflanze ist, die THC produziert. Aber eigentlich hat der japanische Pflanzenchemiker Yoshinori Asakawa bereits 1994 eine dem THC verwandte Substanz im Lebermoos Radula perrottetii gefunden und diesem Naturstoff den Namen Perrottetinen gegeben. Er hat aber gerade einmal die Struktur beschrieben und keine weiteren Analysen angestellt. Irgendjemand muss auf Asakawas Publikation gestossen sein und sich gedacht haben: wieso das Lebermoos nicht einmal rauchen? Jedenfalls ist es in einschlägigen Foren als «Legal High»-Droge zu finden.

Und dort sind Sie daraufaufmerksam geworden?
Ja, meine Forschungsgruppe interessiert sich für psychoaktive Substanzen, insbesondere Cannabinoide. Als wir die widersprüchlichen und anekdotischen Beschreibungen der Wirkung von Perrottetinen lasen, beschlossen wir, die Substanz wissenschaftlich zu untersuchen und mit dem THC zu vergleichen.

Wie lautet das Resultat?
Im Perrottetinen sind die Atome ähnlich wie im THC verknüpft, unterscheiden sich aber in ihrer dreidimensionalen Anordnung an einem Atom und haben zusätzlich einen aromatischen Ring. In Versuchen mit Mäusen äusserte sich das in einer ähnlichen Wirkung wie bei THC: Perrottetinen gelangt einfach ins Hirn und aktiviert dort Cannabinoid-Rezeptoren. Doch die Nebenwirkungen, das «High» des THC, sind wesentlich geringer, nicht nur weil die Substanz weniger potent ist, sondern auch, weil die entzündlichen Prostaglandine im Gehirn gehemmt werden. Bei THC ist das nicht der Fall. Eine Erhöhung der Prostaglandine wird als Hauptursache für gewisse Nebenwirkungen von THC postuliert. Perrottetinen ähnelt somit in der Wirkung den körpereigenen Cannabinoiden, den sogenannten Endocannabinoiden.

Welche Krankheiten könnte Perrottetinen heilen oder lindern?
Man kann aufgrund unserer Daten davon ausgehen, dass es dieselben Indikationen sind wie beim THC, etwa als Schmerzmittel bei Tumorerkrankungen. Bei chronischen oder entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems könnte es gar noch wirkungsvoller sein. Insbesondere therapeutische Effekte auf chronische entzündliche Erkrankungen des Nervensystems, zum Beispiel multiple Sklerose, müssen nun in Tiermodellen besser untersucht werden.

Auch das Cannabidiol CBD, das derzeit an Kiosken erhältlich ist und viel zu reden gibt, hat wenig Nebenwirkungen. Inwiefern ähnelt Perrottetinen dieser Substanz?
Überhaupt nicht. CBD hat keinen klaren Mechanismus, man weiss nicht genau, wie es wirkt. Es ist eigentlich eine Vorstufe zum THC, und man braucht ausserdem grosse Mengen davon, um klinisch relevante Effekte zu erzielen.

Perrottetinen sei weniger psychoaktiv, sagen Sie. Wieso wird es dann auf «Legal High»- Foren angepriesen?
Gewiss, Perrottetinen ist psychoaktiv, es wirkt aufs Gehirn. Weil es schwierig ist, von Mäusen auf Menschen zu schliessen, lässt es sich zwar noch nicht eindeutig sagen, aber: Unsere Resultate weisen darauf hin, dass die Nebenwirkungen auch beim Menschen deutlich geringer sein könnten als beim THC. Als Rauschdroge ist Perrottetinen nicht besonders attraktiv, das lässt sich auch aus den Berichten auf den Foren lesen. Der geneigte Konsument ist mit THC wohl besser bedient.

Das betreffende Lebermoos kommt nur in Neuseeland, Costa Rica und Japan vor. Wieso?
Es gibt in der Schweiz eine Art Lebermoos der Gattung Radula, die haben wir angeschaut. Aber darin ist Perrottetinen nicht enthalten. Es braucht wohl einen ökologischen Faktor, dass es dazu kommt, zum Beispiel eine spezielle Bodenbeschaffenheit. Oder aber es gibt hier einen Stressfaktor wie etwa einen Frassfeind. Die Genetik könnte auch beim Schweizer Lebermoos der Gattung Radula vorhanden sein, aber das Perrottetinen wird nicht produziert.

Könnte man das Perrottetinen-haltige Moos auch in der Schweiz züchten?
Das ist nicht einfach. Vielleicht könnte man es biotechnologisch in einem anderen Moos herstellen. Wir haben es synthetisch hergestellt. Auch weil man das Moos nicht einfach exportieren kann, da gibt es Regulierungen. Die Mengen an benötigtem Moos wären sowieso viel zu gross gewesen.

THC ist in der Schweiz immer noch nur mit ärztlicherAusnahmebewilligungerhältlich. Auch das wenig psychoaktive CBD gibt es offiziell nur in wenigenApotheken. Droht auchPerrottetinen ein kompliziertes Bewilligungsverfahren?
Die Grundlagenforschung mit diesen Substanzen war nie ein Problem. Und auch im medizinischen Einsatz sind die Dinge im Umbruch. CBD als Vorstufe des Cannabis ist zwar theoretisch problematisch, aber es ist derzeit frei erhältlich. Und das Bundesamt für Gesundheit erlaubt die Verschreibung zu medizinischen Zwecken von Cannabis unter gewissen Umständen. Beim Perrottetinen haben wir sowieso eine andere Fragestellung, da wird es in den nächsten Jahren kaum um Fragen der Illegalität und den Rauscheffekt gehen, sondern um die medizinische Forschung.

Ist es nicht denkbar, dass nun im Internet oder in Läden der Handel mit Perrottetinen zu blühen beginnt – gerade als medizinische Substanz?
Tatsächlich haben wir beim CBD und THC das Problem, dass die Leute es ausprobieren, obwohl die Forschung nach wie vor nicht weiss, wie es genau wirkt. Mit dem Perrottetinen stellt sich dieses Problem kaum, da es zu selten und zu exotisch ist, um es im grossen Stil zu vermarkten.

Wenn Perrottetinen tatsächlich das bessere THC ist: Wird die Pharmaindustrie aufspringen?
Bevor man in eine klinische Studie geht, muss man viel Geld investieren, um die Toxikologie vollständig abzuklären. Das kostet mehrere Millionen, das geht nicht ohne die Privatindustrie – aber es ist ein Risiko, weil eine entsprechende Studie auch negativ ausfallen kann. Das ist der Unterschied zum CBD: Da kann jeder alles behaupten, es gibt wenige seriöse klinischen Studien. Unser Ziel ist es deshalb, abschliessend zu sagen, ob Perrottetinen besser wirkt als THC. Schnell und einfach wird das allerdings nicht zu bewerkstelligen sein.

Von welchem Zeithorizont sprechen wir?
Das kann sich je nach Investition zwischen zwei und fünf Jahren bewegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2018, 08:40 Uhr

Jürg Gertsch ist Professor am Institut für Biochemie und
Molekulare Medizin der Universität Bern. Foto: PD

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