Zweifelhafte Vorsorge

Weltweit lagert Nabelschnurblut für mehrere Milliarden Franken, welches Eltern für ihre Kinder haben tiefgefrieren lassen. Fachleute raten davon ab.

Umstrittenes Milliardengeschäft: Blut aus der Nabelschnur liefert oft zu wenig brauchbare Stammzellen. Foto: Pixelistanbul (iStock)

Umstrittenes Milliardengeschäft: Blut aus der Nabelschnur liefert oft zu wenig brauchbare Stammzellen. Foto: Pixelistanbul (iStock)

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Donnerstagvormittag, Pressetermin in der Privatklinik Bethanien am Zürichberg. Der Empfangsbereich wirkt eher wie bei einem Hotel gehobener Klasse als in einem Spital: gediegene Polstersitzgruppen, ein Konzertflügel, dahinter der Konferenzraum. Eingeladen hat ­Nescens, ein Unternehmen, das sich mit Check-ups, Schönheitschirurgie und Antiaging irgendwo zwischen Gesundheit und Kosmetik spezialisiert hat.

Heute will Nescens ihr neues Angebot der «Stammzellvorsorge» unter die Leute bringen. Tamara Sedmak, ehemalige Miss-Schweiz-Kandidatin und Moderatorin, soll dabei helfen. Sie ist vor drei Wochen zum zweiten Mal Mutter ­geworden und hat das Nabelschnurblut für ihr Kind tiefgefrieren lassen. Die Stammzellen darin sollen als eine Art Rückversicherung dienen, denn vielleicht könnten sie dereinst neue Behandlungen ermöglichen. «Wir glauben an die Therapiemöglichkeiten der Zukunft», sagen Sedmak und ihr Ehemann.

Ihr Bekenntnis «zu dieser Art der Gesundheitsvorsorge» gaben sie nicht am Presseanlass für Nescens ab, sondern auf der Website des deutschen Konkurrenzanbieters Eticur. Doch das muss man nicht so eng sehen. Für die Schweizer Journalisten schmückt Sedmak denn auch noch etwas aus: «Für mich war völlig klar, dass ich das mache», und es sei für sie unverständlich, wenn Mütter das anders sähen. «Ich schaue ja auch sonst auf meine Gesundheit und die meines Kindes», sagt die 39-Jährige.

Zur grossen Freude des anwesenden Fernsehteams zeigt Gynäkologe Felix Hammer in einem der Gebärräume gleich, wie die Blutentnahme funktioniert. Als Demonstrationsobjekt dient eine noch blutige Plazenta mit Nabelschnur von einer Geburt, die am gleichen Morgen in einem der Räume nebenan stattgefunden hat. Mit routinierten Griffen desinfiziert Hammer die Nabelschnur, sticht mit einer Kanüle hinein und lässt das Blut in einen Beutel fliessen. «Je mehr Blut, desto besser», sagt er. Die Kosten: 3400 Franken für Entnahme, Aufbereitung und Lagerung, bis das Kind 20 Jahre alt ist. «Man kann das Geld auch dümmer ausgeben», sagt Tamara Sedmak. Was allerdings nach den 20 Jahren passiert, will am Presseanlass niemand sagen. Falls Nescens dann noch existiert, könne der Vertrag wohl verlängert werden. Grosse Preisaufschläge seien nicht zu erwarten, das wäre unseriös, heisst es.

Heute herrscht Ernüchterung

Das Tiefgefrieren von Nabelschnurblut ist längst etabliert. Anfang der 2000er-Jahre stiegen in unseren Breitengraden die ersten Firmen in das Geschäft ein. Heute haben laut Bundesamt für Gesundheit in der Schweiz sieben Institutionen die Einlagerung von Nabelschnurblut für das eigene Kind gemeldet. Hinzu kommen ein paar wenige Anbieter, die solche Proben im Ausland tiefgefrieren. Mit dem Aufbewahren der Blutproben verbunden ist stets eine Hoffnung, die oft wie ein Versprechen daherkommt. Nämlich, dass dank den Blutstammzellen aus der Nabelschnur einmal gefürchtete Krankheiten behandelt oder gar geheilt werden könnten. Immer wieder genannt: Herzinfarkt, Diabetes, Alzheimer, Parkinson und Arthrose. «Ich bin überzeugt, dass die Krankheiten in Zukunft behandelt werden können», sagt Nes­cens-CEO Pierre-Olivier Haenni.

Doch während vor zehn Jahren noch Optimismus herrschte, hat sich heute ­Ernüchterung breitgemacht. Der Nutzen von Nabelschnurblut-Einlagerungen für das eigene Kind ist «umstritten, da die Wahrscheinlichkeit der Verwendung im Verlaufe des Lebens bisher als klein eingeschätzt wird», schreibt zum Beispiel die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Deutlicher wird die Arzneibuch-Kommission des Europarats: «Der Europarat, die meisten Berufsorganisationen und Mediziner raten von privaten Nabelschnurblutbanken ab.» Viele Eltern würden falsch oder missverständlich informiert. Zu Unrecht würden sie glauben, dass sie mit der Einlagerung eine einmalige Chance für die Zukunft ihres Kindes hätten, heisst es in einer Informationsbroschüre für Eltern.

Infografik: Nabelschnurbanken im Vergleich

«Blutstammzellen aus der Nabelschnur für den Eigengebrauch werden heute praktisch nie verwendet», sagt Jakob Passweg, Chefarzt der Klinik für Hämatologie am Universitätsspital Basel. Er leitet dort eine der beiden Schweizer Nabelschnurblutbanken, die von öffentlicher Seite finanziert werden. Die andere befindet sich in Genf. Die Proben in diesen öffentlichen Banken sind nicht für den Eigengebrauch (autologe Transplantationen) eingelagert, sondern als Spende (allogene Transplantationen). Am häufigsten kommen solche Spenden für die Behandlung von verschiedenen Blutkrebsarten (Leukämie) zum Einsatz.

Vier Millionen Proben weltweit

Passweg hat soeben als Erstautor eine Studie im Fachblatt «Bone Marrow Transplant» veröffentlicht. Demnach kam es in Europa im Jahr 2014 zu 40'000 Transplantationen von Blutstammzellen. Rund die Hälfte der Behandlungen verwenden Fremdspenden. Bei gerade mal drei Transplantationen handelte es sich um Eigenübertragungen aus Nabelschnurblut.

In über 98 Prozent der Fälle stammen die Blutstammzellen direkt oder indirekt aus dem Knochenmark. Meist werden die Zellen dabei dem Blut entnommen. Dorthin gelangen sie mithilfe von Medikamenten, welche beim Spender die Produktion der Stammzellen im Knochenmark anregen. Auch künftige Anwendungen der Regenerationsmedizin dürften mit Stammzellen aus Knochenmark oder anderen Geweben auskommen. Dass dereinst Therapien entwickelt würden, bei denen das eigene Nabelschnurblut einen bedeutsamen Vorteil bringen könnte, sei «Science- ­Fiction» und unwahrscheinlich, sagt Passweg.

Das Problem von Stammzellen von Nabelschnurblut: Ihre Zahl ist zu klein, um sie für eine Behandlung bei grossen Kindern und Erwachsenen zu verwenden. Die oft mangelhafte Qualität der Proben führt zudem dazu, dass öffentliche Nabelschnurbanken rund 80 Prozent der Spenden vernichten müssen. Bei privaten Banken werden diese meist trotzdem tiefgefroren.

Weltweit sind inzwischen rund vier Millionen Nabelschnurblutproben eingelagert. Multipliziert mit ein paar Tausend Franken pro Einlagerung, sind das mehrere Milliarden Franken, um nutzlose Blutproben in Tanks bei minus 180 °C aufzubewahren. «Das ist reine Geschäftemacherei», sagt Passweg. «Bei reichen Eltern spielt dies keine Rolle.» Für alle anderen sei es jedoch viel sinnvoller, das Geld in Musikunterricht, Sport oder Schulförderung zu investieren.

Mediziner setzen schon seit vielen Jahren grosse Hoffnungen in die Stammzellen. Doch Therapien gibt es bis heute nur wenige. In letzter Zeit haben vor allem dubiose Angebote und verbotene Therapien mit Stammzellen für Schlagzeilen gesorgt. Die «SonntagsZeitung» machte gleich zwei gravierende Fälle publik. So führte in Luzern ein Arzt für 9000 Franken bei einem schwerbehinderten Mädchen eine wirkungslose Behandlung mit eigenen Stammzellen durch. Davor intervenierte die Heilmittelbehörde Swissmedic bei einer Firma in Goldach SG, die Stammzellen aus dem eigenen Fettgewebe gegen Krankheiten wie Autismus, Alzheimer oder Diabetes für 50'000 Franken anbietet. Im Herbst 2015 sorgte Swissmedic zudem mit einer ihrer grössten Aktionen für Aufsehen, als sie unter anderem in einer Privatklinik in Kilchberg ZH Hausdurchsuchungen durchführte. Auch hier ging es um Therapien mit Stammzellen aus Fett­gewebe.

Ob eine bestimmte Stammzell-­therapie durchgeführt werden darf oder eine Bewilligung nötig wäre, hängt vom Einzelfall ab. Misstrauisch sollten Patienten werden, wenn Anbieter unter anderem keine klinischen Studien vorweisen können oder behaupten, dass ihre Behandlung risikofrei sei. Seit ­Jahrzehnten etabliert sind Stammzell-therapien bei verschiedenen Blut-, Knochenmark- und Lymphdrüsen-Krebs­arten. Auch Behandlungen gewisser Knochen-, Haut- und Hornhauterkrankungen basieren auf Stammzellmedizin. ­Andere Anwendungen sollten in der ­Regel nur im Rahmen von zugelassenen Studien geschehen.

Erstellt: 06.07.2016, 21:55 Uhr

Stammzelltherapien

Verbotene und dubiose Angebote

Mediziner setzen schon seit vielen Jahren grosse Hoffnungen in die Stammzellen. Doch Therapien gibt es bis heute nur wenige. In letzter Zeit haben vor allem dubiose Angebote und verbotene Therapien mit Stammzellen für Schlagzeilen gesorgt. Die «SonntagsZeitung» machte gleich zwei gravierende Fälle publik. So führte in Luzern ein Arzt für 9000 Franken bei einem schwerbehinderten Mädchen eine wirkungslose Behandlung mit eigenen Stammzellen durch. Davor intervenierte die Heilmittelbehörde Swissmedic bei einer Firma in Goldach SG, die Stammzellen aus dem eigenen Fettgewebe gegen Krankheiten wie Autismus, Alzheimer oder Diabetes für 50'000 Franken anbietet. Im Herbst 2015 sorgte Swissmedic zudem mit einer ihrer grössten Aktionen für Aufsehen, als sie unter anderem in einer Privatklinik in Kilchberg ZH Hausdurchsuchungen durchführte. Auch hier ging es um Therapien mit Stammzellen aus Fettgewebe.

Ob eine bestimmte Stammzell-therapie durchgeführt werden darf oder eine Bewilligung nötig wäre, hängt vom Einzelfall ab. Misstrauisch sollten Patienten werden, wenn Anbieter unter anderem keine klinischen Studien vorweisen können oder behaupten, dass ihre Behandlung risikofrei sei. Seit Jahrzehnten etabliert sind Stammzell-therapien bei verschiedenen Blut-, Knochenmark- und Lymphdrüsen-Krebsarten. Auch Behandlungen gewisser Knochen-, Haut- und Hornhauterkrankungen basieren auf Stammzellmedizin. Andere Anwendungen sollten in der Regel nur im Rahmen von zugelassenen Studien geschehen. (fes)

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