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«Menschen sind nicht dumm, aber man verdummt sie»

Der mündige Mensch statt des staatlichen Dekrets: Gerd Gigerenzer steht für Werte der Aufklärung ein. Foto: Doris Fanconi

Sie sind nur kurz in Zürich, Sie sind ein sehr gefragter Mann und Ihr Terminkalender ist randvoll. Trotzdem haben Sie sehr schnell zugesagt, dieses Interview zu geben. War das ein Bauchentscheid?

Das erstaunt mich. Immerhin kritisieren Sie regelmässig und hart den fahrlässigen bis falschen Umgang von uns Medien mit Statistiken.

Dennoch: Sie kennen mich ja gar nicht, das Gespräch mit einem Ihnen unbekannten Journalisten könnte riskant sein.

Sie lachen.

Das muss nicht immer so sein.

Können wir Ihre Forschung im Alltag nutzen?

Wie das?

Ob da tatsächlich ein Zusammenhang zwischen dem Absturz und den Strassentoten besteht, wissen wir aber nicht.

«Ich fliege nicht!» – das ist nach einem so schockierenden Ereignis ja eine völlig verständliche, intuitive Reaktion. Sie propagieren sonst die Intuition als bessere Alternative zum rationalen Abwägen – zum Beispiel in Ihrem Bestseller «Bauchentscheide».

Wann ist es nicht gut, sich auf die Daten zu verlassen?

Die Bankenaufsicht schreibt das heute vor.

Was wäre denn die Alternative?

Wir werden aber immer kompetenter darin, dank immer leistungsfähigeren Computern und Software mit grossen Datenmengen und komplexen Fragestellungen umzugehen. «Big Data» ist hier das Stichwort. Man verspricht sich davon bessere Einsichten, gerade auch im Finanzsystem.

Warum?

Zurück zum Risikoverhalten von uns Normalverbrauchern. Die Angst vorm Fliegen ist trotz allem eine natürliche Reaktion nach einem schweren Unfall …

Kann man Menschen nach einem Flugunfall dazu bringen, der Statistik mehr zu trauen als dem Bauchgefühl?

Wenn wir schnell reagieren müssen, irren wir oft. Statistik ist kompliziert, da brauchen wir Zeit, um darüber nachzudenken. Das ist doch einfach die menschliche Natur.

Das hat ja auch etwas für sich. Nehmen wir die Ernährung. Mein Kopf sagt: Salat ist gesund. Mein Bauch sagt: Jetzt ein Doppeldecker-Hamburger! Sofort! Die gesellschaftliche Folge solcher Bauchentscheide ist die Übergewichtsepidemie.

Es ist also nicht so, dass unsere Bauchentscheide falsch sind und wir gescheiter werden müssen.

In der Schweiz treffen wir Entscheide ja in Volksabstimmungen. Alle können mitentscheiden.

Was macht den mündigen Bürger aus?

Risikokompetent?

Meine siebenjährige Tochter, die in der ersten Primarklasse erst gerade mit dem Rechnen begonnen hat, soll Statistik verstehen lernen?

Bei Volksentscheiden werden viele gut informierte Stimmbürger mitentscheiden, aber viele werden aus dem Bauch heraus abstimmen.

Bei Volksabstimmungen sind Bauchentscheide aber manipulierbar. Die Parteien arbeiten mit diffusen Ängsten, die unser Verhalten beeinflussen können, ähnlich wie ein Flugzeugabsturz.

Die Schulen sollen eine Antwort finden auf die digitale Revolution.

Sie sprechen von einer Revolution. Die Schulen in der Schweiz sind ziemlich immun gegen Revolutionen. Kann sich die Schule schnell genug verändern?

Was ist denn der Unterschied zwischen «Nudging» und der Schulung von Risikokompetenzen, also zwischen den zwei Ansätzen, die Bürger zu besseren Entscheiden zu bringen?

Sie lehnen «Nudging» entschieden ab.

Ein paternalistisches Menschenbild.