18'000 Lawinen in wenigen Tagen

Mithilfe von Satellitenbildern des Alpenraums will das SLF in Davos das Lawinenbulletin verbessern.

2018 donnerten in der Schweiz zwischen dem 18. und 
21. Januar enorme Schneemassen ins Tal: Lawine im Vallée de 
la Sionne VS. Foto: Gaetan Bally/Keystone

2018 donnerten in der Schweiz zwischen dem 18. und 21. Januar enorme Schneemassen ins Tal: Lawine im Vallée de la Sionne VS. Foto: Gaetan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das hat selbst erfahrene Lawinenforscher überrascht. 18737 Lawinen sind im Januar 2018 innert weniger Tage in den Schweizer Alpen niedergegangen. Das ist eine ungewöhnlich hohe Zahl. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos weiss es so genau, weil es erstmals den Schweizer Alpenraum per Satellit ­erfassen liess. Die wissenschaftlichen Ergebnisse wurden nun im Fachmagazin «The Cryosphere» publiziert.

Im Januar 2018 herrschte eine extreme Lawinensituation: Mehr als zwei Meter Neuschnee waren damals im Südwesten der Schweiz gefallen. Mitte Januar folgte eine weitere intensive Schneefallperiode. Zudem verfrachtete ein starker Westwind grosse Schneemengen in den Alpen.

Der Lawinenwarndienst prognostizierte die höchste Gefahrenstufe 5, vom Wallis bis ins Engadin. Tatsächlich stieg die Gefahr erstmals seit dem Lawinenwinter 1999 wieder auf die höchste Stufe an. Diese aussergewöhnliche Lage war für das SLF ein Grund, die Lawinensituation aus dem Weltraum beobachten zu lassen.

Am 23. Januar sagen die Meteorologen klares, wolkenloses Wetter voraus. Bereits am folgenden Morgen fliegen die französischen Satelliten SPOT 6 und 7 über die Schweiz, in einer Höhe von 695 Kilometern. Sie fotografieren 12 500 Quadratkilometer – einen grossen Teil der Alpen­fläche. Möglich machte diese Aufnahmen das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Die Behörden können über das Bundesamt für Landestopografie (Swisstopo) in aussergewöhnlichen Situationen rasch Satellitenbilder anfordern.

Noch fehlen Echtzeitanalysen, es braucht viel Handarbeit

Die SPOT-Satelliten können in einem Überflug eine grosse Fläche aufnehmen, mit einer räumlichen Auflösung von 1,5 Metern. Es war das erste Mal, dass Lawinen über eine so grosse Fläche systematisch mithilfe von Satellitenbildern identifiziert wurden. Der Aufwand ist aber gross: SLF-Forscherin Elisabeth Hafner zeichnete von Hand die Umrisse der identifizierten Lawinen ein. «Diese Methode ist zuverlässig und eignet sich für eine grossflächige Kartierung», sagt Hafner. Der grösste Teil der identifizierten natürlichen und künstlich ausgelösten Lawinen ging um den 21. Januar nieder; es waren überwiegend Schneebretter, aber auch Gleitschnee- und Lockerschneelawinen. Mehr als die Hälfte gehörten zur Kategorie «gross». Das heisst, sie waren zwischen 10'000 und 80'000 Quadratmeter gross, was einem bis zehn Fussballfeldern entspricht. Die bei grosser Lawinengefahr zu erwartenden ex­trem grossen Lawinen machten nur etwa knapp ein Prozent aus.

Mithilfe der Satellitentechnik kann man überprüfen, ob Gefahrenzonen angepasst werden müssen oder Schutzbauten und Schutzwälder noch intakt sind. Zudem hilft sie, die Qualität des Lawinenbulletins zu verbessern.

Der Lawinenwarndienst betreibt einen grossen Aufwand. Beobachter, es sind mehr als 200, ­berichten täglich zwischen 6 und 8 Uhr über die aktuelle Lage. Sie melden die Wetterverhältnisse und ihre Messungen auf definierten Messfeldern, auf denen sie unter anderem die Neuschneemenge und die Schneehöhe ermitteln. Sie informieren zudem über Lawinenabgänge, Alarmzeichen und schätzen die Lawinen­gefahr ein. Die Standorte liegen zwischen 1000 und 2700 Meter über Meer im gesamten Schweizer Alpenraum.

Grafik vergrössern

«Die Satellitendaten wären eine gute Ergänzung, zumal sie nicht punktuell, sondern flächendeckend zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Feedback geben», sagt Hafner. Anhand der Dichte sehr grosser und extrem grosser Lawinen kann die Güte der Prognosen im Nachhinein beurteilt werden. Die SPOT-Daten zeigen, dass das Lawinenbulletin in der analysierten Lawinenperiode um den 22. Januar im Winter 2018 die Lage meistens gut eingeschätzt hat.

Der Einbezug solcher Daten ist allerdings noch Zukunftsmusik. Solange Echtzeitanalysen nicht möglich sind, müssen die Aufnahmen von Hand ausgewertet werden. Eine Masterarbeit soll nun zeigen, ob sich die Suche nach Lawinen auf Satellitenbildern mit entsprechender Zuverlässigkeit automatisieren lässt. Zudem prüft das SLF zusammen mit der ETH Zürich Aufnahmen von Radarsatelliten, die auch bei einer Wolkendecke Daten liefern können.

Vorläufig werden Satelliten weiterhin nur zur Dokumentation bei aussergewöhnlichen Lawinensituationen eingesetzt – auch weil die Satellitenaufnahmen teuer sind. Im Jahr 2018 kosteten sie 80'000 Franken.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 15.12.2019, 17:49 Uhr

Artikel zum Thema

Erhebliche Lawinengefahr wegen 40 Zentimetern Neuschnee

Lawinen können spontan ausgelöst werden: In Vorarlberg gilt die Gefahrenstufe drei. Mehr...

Hier rollt eine Lawine ins Dorf

Video In der Gemeinde Martell in Südtirol sind zwei Lawinen niedergegangen, eine davon traf den Ortskern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Was Lavater Köbi Kuhn voraushatte

Mamablog «And the Bobby-Car goes to …»

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...