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«35'000 Walrosse in Alaska»

Die Meeresbiologin Lara Horstmann sagt, dass Inuit im Radio für einen gejagten Wal beten und danken.

Eine ganze Menge Walross: 35'000 Tiere wurden in Alaska entdeckt. Archivfoto: Keystone

Eine ganze Menge Walross: 35'000 Tiere wurden in Alaska entdeckt. Archivfoto: Keystone

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Anfang Oktober wurden bei Alaska Tausende Pazifische Walrosse an der Küste zur Tschuktschensee entdeckt. Ist dies ungewöhnlich?
Zum ersten Mal haben wir dieses Phänomen 2007 beobachtet, seither in sechs von acht Jahren. Schätzungen aufgrund von Satellitenaufnahmen gehen in diesem Jahr von 35'000 Individuen aus. Früher wurde über eine solche Ansammlung auf einer Landzunge nur 1938 einmal berichtet. An den gegenüberliegenden russischen Küstengebieten sind solche Ereignisse dagegen seit dem 19. Jahrhundert bekannt.

Spielt der Klimawandel eine Rolle?
Dies wollen wir mit unseren Untersuchungen derzeit herausfinden. 2007 hatten wir einen katastrophalen Eisverlust in den arktischen Gebieten. Es war der niedrigste Stand seit den ersten Aufzeichnungen von 1979. Doch 2012 gab es nochmals weniger Eis. Man vermutet, dass die Walrosse im Jahr 2007 auf Eisschollen immer weiter Richtung Nord­polarmeer drifteten und von der Beringsee über die Tschuktschensee bis ins tiefe Arktische Bassin kamen. Als sie dort keinen Zugang zum Futter mehr hatten, schwammen sie zurück nach Alaska.

Sind die Walrosse dort gestrandet?
Nein, sie ruhen sich auch jetzt auf der Sandbank lediglich aus — eine Art Zwischenstopp. Sie gehen immer wieder ins Wasser, um mit ihren Stosszähnen am Grund Mollusken im Sediment aufzustöbern und zu fressen. Dies war in den Tiefen des Arktischen Bassins nicht mehr möglich, weil Walrosse nur 200 bis 300 Meter tief tauchen können.

Sind viele Jungtiere in der Kolonie?
Es befinden sich vor allem Weibchen und Kälber dort. Weil dort so viele Tiere auf engem Raum sind, werden in dem Getümmel Kälber nicht nur gesäugt, sondern zum Teil auch erdrückt. Erwachsene Männchen gibt es nur wenige unter ihnen, weil sie sich einen anderen Ort für den Sommer suchen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Weibchen dank dieses Verhaltens letztlich mehr Nahrung für ihren Nachwuchs finden.

Haben Sie Kontakt zu den Inuit?
Ich kenne viele sehr gut, da ich seit Jahren in die Dörfer gehe und den Frauen helfe, die gejagten Meeressäuger zu verarbeiten. Auf diese Weise bekomme ich Proben von Knochen, Fett, Blut und Muskelgewebe für meine Forschung, um etwa den Gehalt an Stresshormonen oder die Nahrungsökologie zu untersuchen.

Ist die Jagd ein Problem für Sie?
Überhaupt nicht. Denn die Inuit tun dies mit grossem Respekt. Wenn sie einen Grönlandwal erlegt haben, beten sie im UKW-Radio dafür und danken, dass sie dadurch ihr Dorf ernähren können. Es geht hier wirklich um Selbstversorgung, obwohl es mittlerweile sogar einen Supermarkt gibt. Doch die Gallone Milch, also 3,8 Liter, kostet etwa 15 Dollar. Und manchmal kommt in dieser abgelegenen Gegend aufgrund des schlechten Wetters auch das Flugzeug mit frischen Lebensmitteln gar nicht erst an. Die Inuit können sich hier somit nicht – wie irgendwo in Europa – mit grösster Selbstverständlichkeit ein Beefsteak aus dem Regal holen. Hinzu kommt, dass sie fast alles vom Tier verwerten. So benutzen sie vom Walross die Haut für Boote für die Frühjahrsjagd und aus den Gedärmen fertigen sie Fäden zum Nähen der Boote an.

Erstellt: 10.10.2014, 18:55 Uhr

Die Meeresbiologin Lara Hartmann ist Assistenzprofessorin an der University of Alaska Fairbanks. Seit 1997 erforscht sie Pazifische Walrosse in Alaska.

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