Achtung, Schutzhund!

Jeder fünfte Wanderer hat Angst, von einem Herdenhund gebissen zu werden. Das zeigt eine Zürcher Studie.

Wanderer sind gewarnt: Ein Herdenschutzhund bewacht auf einer Walliser Alp eine Schafherde. Foto: Jean-Christoph Bott/Keystone

Wanderer sind gewarnt: Ein Herdenschutzhund bewacht auf einer Walliser Alp eine Schafherde. Foto: Jean-Christoph Bott/Keystone

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Seit der Rückkehr des Wolfs sind Herdenschutzhunde immer häufiger auf Schweizer Alpen anzutreffen. Derzeit sind etwa 200 Hunde auf 100 Alpen im Einsatz. Ihre Aufgabe ist anspruchsvoll. Sie leben mit den Weidetieren, meistens Schafen, die sie vor Grossraubtieren schützen sollen. Dabei sind die Hunde nicht an der Leine. Nähern sich Wanderer und Biker, so müssen die Hunde erkennen, dass diese keine Gefahr für die Herde bedeuten. Dafür werden Herdenschutzhunde ausgebildet und vor dem Einsatz geprüft.

Trotzdem ist es in den letzten Jahren vereinzelt zu Zwischenfällen gekommen. «Pro Jahr ereignen sich rund zehn Beissvorfälle», sagt Felix Hahn, Leiter der Fachstelle Herdenschutzhunde des Bundes. Bei zwei Dritteln der gemeldeten Vorfälle bissen oder schnappten die Hunde nach Personen; bei den restlichen Vorfällen attackierten sie Begleithunde. Schwere Verletzungen bei Menschen gab es nicht. Begleithunde wurden hingegen von Herdenschutzhunden schon getötet oder so stark verletzt, dass sie eingeschläfert werden mussten.

So etwa im August 2012, als eine Frau mit ihrem Hund von Schwarzsee FR über den Kaisereggpass in Richtung Boltigen BE im Simmental wanderte. Nachdem im Gebiet Schwarzsee–Gantrisch 2009 zum ersten Mal ein Wolf aufgetaucht war, mussten die Schafherden geschützt werden. Durch Informationstafeln auf dem Pass vorgewarnt, konnte die Frau trotzdem nicht verhindern, dass Herdenhunde ihren Hund bedrängten. Die Hündin wies zwar keine äusseren Verletzungen auf, musste zwei Tage später aufgrund von Lähmungserscheinung aber eingeschläfert werden.

Keine Hunde mitnehmen

Wie reagieren Wanderer und Biker, wenn sie auf einen bellenden Herdenschutzhund treffen? Dieser Frage gingen Wissenschaftler der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil nach, zusammen mit der Fachstelle Herdenschutzhunde des Bundes (Agridea), dem Verband Schweizer Wanderwege, der Fachstelle Langsamverkehr Graubünden sowie weiteren Partnern aus Tourismus und Landwirtschaft. Eine breit gestreute Onlineumfrage mit 1335 Teilnehmern ergab, dass 97 Prozent der Personen wissen, weshalb Herdenschutzhunde zum Einsatz kommen. 89 Prozent respektieren auch, dass die Hunde die Herde schützen wollen. «Ein Viertel der Befragten fühlt sich aber gestört, wenn Herdenschutzhunde in der Nähe von Wander- und Bikewegen auftauchen», sagt Projektleiter Matthias Riesen von der ZHAW. «Ein Fünftel der Befragten hält das Risiko für gross, von einem solchen Hund gebissen zu werden.»

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Onlineumfrage konnten auch eine Serie von Bildern bewerten. Daraus ergab sich, dass es eine Rolle spielt, ob Herdenschutzhunde präsent sind und ob sie liegen oder stehen. Ein Zaun, der Weidetiere und den Herdenschutzhund vom Wanderweg trennt, wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden der Befragten aus. Somit kann die Auszäunung eines Wanderwegs an kritischen Stellen helfen, Konflikte zu vermeiden.

Bezeichnend sind die Ergebnisse in Bezug auf Begleithunde. 13 Prozent gaben an, ihren Hund immer oder häufig auf die Wanderung mitzunehmen – auch in Herdenschutzgebiete. 11 Prozent haben ihr Haustier gelegentlich bis selten dabei. Für Felix Hahn ist das problematisch. «Seit zwei Jahren raten wir davon ab, den eigenen Hund auf Wanderungen in Herdenschutzgebiete mitzunehmen», sagt er. Als naher Verwandter des Wolfs löse ein Hund bei Herdenschutzhunden Verteidigungsreflexe aus.

Die Auswertung der Onlineumfrage ergab, dass 41 Prozent den Herdenschutzhunden wie auch Grossraubtieren gegenüber wohlgesinnt sind. 17 Prozent sind kritisch eingestellt und haben auch Angst vor den Hunden. Der Rest ist ambivalent. Ein Viertel der ablehnenden Gruppe würde die Tour nach einer kritischen Begegnung mit Herdenschutzhunden abbrechen. Die Hälfte dieser Gruppe würde die Tour nicht mehr machen, und etwas mehr als 40 Prozent würden künftig gar die Destination ganz meiden. «Auch wenn vielleicht nur 5 Prozent der Gäste den Gebieten mit Herdenschutzhunden den Rücken kehren, so ist das angesichts der wirtschaftlichen Probleme der Tourismusorte nicht zu vernachlässigen», findet ZHAW-Forscher Matthias Riesen.

Interviews auf der Weide

Aufschlussreich sind die Studienresultate allerdings auch, was andere heikle Begegnungen auf Wanderungen betrifft. So werden Mutterkühe mit Kälbern, Hofhunde oder nicht angeleinte Begleithunde als deutlich grössere Gefahr eingeschätzt. Mit gutem Grund: Bei Unfällen mit Mutterkühen waren schon Todesopfer zu beklagen.

Die Wissenschaftler führten im Sommer 2016 an acht Standorten im Schweizer Berggebiet auch Befragungen vor Ort durch. Die Ergebnisse stimmen mit denjenigen der Onlinebefragung recht gut überein. Auch auf der besagten Kaisereggalp oberhalb des Schwarzsees wurden Wanderer befragt. Lediglich 3 Prozent berichteten, dass Herdenschutzhunde ihnen den Weg versperrten. 62 Prozent gaben an, die Herdenschutzhunde hätten sich relativ schnell wieder beruhigt. Und es wurden Massnahmen ergriffen: So willigte etwa der verantwortliche Hirte ein, die Schafe an den meistbegangenen Stellen nur wenige Tage im Sommer weiden zu lassen und die Herdenschutzhunde während des Tages abzuziehen.

Zudem verzichtet er auf eine Beweidung der Kaiseregg an den Wochenenden. Die Informationstafeln sind aktualisiert worden und zeigen stets aktuell auf, wo sich die Herden gerade befinden. Der Hirte informiert dazu das Tourismusbüro in Schwarzsee, wenn er den Ort wechselt. «Die Zusammenarbeit funktioniert gut», sagt Adolf Kaeser, Direktor von Schwarzsee Tourismus. Die Gäste wüssten Bescheid und riefen an, um sich zu erkundigen, wo sich die Herden gerade befänden.

Für Pietro Cattaneo vom Verband Schweizer Wanderwege ist es zentral, dass die Informationen für die Gäste immer auf dem aktuellen Stand sind. Seit diesem Jahr ist eine schweizweite Karte mit den Einsatzgebieten von Herdenschutzhunden auf dem Geoportal des Bundes verfügbar.

www.protectiondestroupeaux.ch www.wandern.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2017, 17:51 Uhr

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Seit 2014 haben Herdenschutzhunde in der Bundesgesetzgebung eine spezielle Stellung. Laut eidgenössischer Jagdverordnung ist ihr Einsatzzweck, weitgehend selbstständig Nutztiere zu bewachen und fremde Tiere abzuwehren (Art. 10quater). Der Artikel in der Tierschutzverordnung wurde nun dementsprechend ergänzt: Neu ist, dass bei der Verantwortlichkeit für Herdenschutzhunde deren Einsatzzweck zur Abwehr fremder Tiere mitberücksichtigt werden muss (Art. 77). Dies ergänzt die ältere Bestimmung, wonach die Hundehalter und -ausbildner geeignete Vorkehrungen zu treffen haben, damit der Hund weder Menschen noch Tiere gefährdet. (TA)

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