Affen führen eine scharfe Klinge

Brasilianische Kapuzineräffchen hauen zwei Steine so aufeinander, dass Splitter mit spitzigen Kanten entstehen. Diese können wie frühmenschliche Werkzeuge aussehen.

Hämmern, um Nüsse zu knacken: Ein Rückenstreifen-Kapuzineräffchen  in Brasilien. Foto: Dorit Bar-Zakay (Getty Images)

Hämmern, um Nüsse zu knacken: Ein Rückenstreifen-Kapuzineräffchen in Brasilien. Foto: Dorit Bar-Zakay (Getty Images)

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Finden Frühmenschenforscher bei einer Ausgrabung etliche Steine mit messerscharfen Kanten, die nahe beieinander liegen, schiesst ihnen sofort ein Gedanke durch den Kopf: Diese Gegenstände haben Steinzeitmenschen oder deren nahe Verwandtschaft einst hergestellt und als Blatt oder Klinge für eine Axt oder ein Messer verwendet, mit denen man eine Beute erlegen und aufschneiden konnte. Doch eine neue Studie zeigt nun, dass als Werkzeugmacher auch Kapuzineräffchen infrage kommen könnten.

Forscher der englischen Universität Oxford haben nämlich in Brasilien entdeckt, wie diese Neuweltaffen scharfe, werkzeugähnliche Steine durch Anei­nan­derschlagen herstellten. Die Entdeckung wirft ein neues Licht auf die Geschichte der Werkzeugherstellung, die als ein entscheidender Faktor der Menschheitsentwicklung gilt.

Die Rückenstreifen-Kapuziner leben im Serra-da-Capivara-Nationalpark im Osten Brasiliens. Ähnlich wie die Schimpansen in einigen Regionen Westafrikas verwenden auch Tiere dieser Art Werkzeuge: «Sie hämmern mit Steinen auf Nüsse, um an den nahrhaften Kern heranzukommen», erklärt Ammie Kalan vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die selbst das Verhalten von Schimpansen untersucht. Bei diesen nächsten lebenden Verwandten des Menschen hat man schon beobachtet, wie sie mit Steinen auf Bäume schlagen und sich mit dieser «Trommel» womöglich verständigen.

Mit Wucht aufeinanderschlagen

Auch die Rückenstreifen-Kapuziner in Brasilien nehmen rundliche Quarzsteine in die Hände. Damit graben sie Knollen aus dem Boden oder nutzen den Stein als Hammer, mit dem sie Nüsse öffnen. Manchmal aber schlagen sie damit auch mit ziemlicher Wucht auf andere Quarzstücke, die noch fest im Untergrund stecken. Das ist zwar ebenfalls recht laut, dient aber anders als die Trommeln der Schimpansen wohl kaum der Verständigung. Vielmehr wollen die Kapuzineräffchen wohl die Steine beschädigen.

Das gelingt ihnen gut: Immer wieder springen Splitter vom «Hammer» ab, den sie in den Händen halten, oder vom Stein, der noch im Boden steckt. Die so erzeugten Abbruchkanten sind im Quarz oft messerscharf. Mit ihrer Hilfe könnte man die Pflanzennahrung der Kapuzineraffen gut zerlegen – die Tiere haben Klingen hergestellt. Nur scheint ihnen das gar nicht klar zu sein. Jedenfalls konnten die Forscher kein einziges Mal beobachten, dass die Äffchen ihre Klingen auch als solche benutzt hätten. Sie begnügen sich vielmehr damit, etliche der frisch erzeugten Bruchstücke abzulutschen.

«Dieses Verhalten könnte ein erster Schritt zur Werkzeugherstellung von Frühmenschen gewesen sein.»Ammie Kalan, Verhaltensbiologin

Die Wissenschaftler in Oxford vermuten daher, dass die Rückenstreifen-Kapuziner versuchen, durch ihr Hämmern an Spurenelemente wie zum Beispiel Silizium heranzukommen, die im entstandenen Quarzstaub enthalten sind. Konkrete Hinweise auf diese Theorie nennen sie allerdings nicht.

Verhaltensbiologen wie Ammie Kalan fasziniert die Beobachtung aus einem anderen Grund: «Solche scharfen Bruchkanten herzustellen, traute man bisher nur dem Menschen zu», sagt Kalan. Splitter entstehen zwar manchmal auch, wenn Schimpansen mit Steinen hämmern. Solche «schlechten Werkzeuge» tauschen die Tiere meist aus – die Kapuzineräffchen tun das nicht.

Die Entdeckung bei den Kapuziner­affen erlaubt einen neuen Blick auf die Entwicklung. «Dieses Verhalten könnte ein erster Schritt zur Werkzeugherstellung von Frühmenschen gewesen sein», vermutet Ammie Kalan. Irgendeiner unserer Vorfahren könnte vor wenigen Millionen Jahren ähnlich wie die Affen in Brasilien Steine aufeinandergeschlagen und dabei Bruchstücke mit scharfen Kanten erzeugt haben. Als einzelne Individuen erkannten, dass man mit diesen Splittern zähe Pflanzenfasern oder Tierhäute durchschneiden konnte, war die erste Klinge erfunden. Die grosse Leistung war deshalb nicht die eigentliche Herstellung der scharfen Klingen, sondern die Erkenntnis, wie man sie nutzen kann.

Die Entdeckung bei den Kapuzineräffchen stellt Frühmenschenforscher allerdings vor eine neue Herausforderung: Weil der Körper eines Menschen nach seinem Tod meist relativ rasch zerfällt und auch die Knochen bis auf sehr wenige Ausnahmen nach einiger Zeit verschwunden sind, ist wenig von unseren Urahnen übrig geblieben, die vor ein paar Hunderttausend oder sogar vor wenigen Millionen Jahren lebten.

Uralte Schimpansenwerkzeuge

Steine und daraus hergestellte Werkzeuge sind dagegen haltbarer und sollten die Jahrmillionen häufiger unbeschadet überstehen. Oft genug wurden deshalb Funde von Steinen mit scharfen Kanten als Hinweis auf einen geschickten Werkzeugmacher interpretiert. Die Beobachtung in Brasilien aber widerlegt dieses Alleinstellungsmerkmal: Steine mit scharfen Kanten könnten demnach auch von Tieren wie den Kapuzineräffchen hergestellt und auch nicht unbedingt als Werkzeug konzipiert worden sein.

«Deshalb müssen wir aber noch lange nicht alle Funde von Steinen mit scharfen Kanten aus der frühen Steinzeit misstrauisch betrachten», erklärt Hélène Roche vom französischen Grundlagenforschungszentrum CNRS in Paris-Nanterre in einem Artikel in«Nature». Die ältesten dieser Relikte sind 3,3 Millionen Jahre alt, bei etlichen Funden gibt es zusätzliche Hinweise auf Frühmenschen als Werkzeugmacher. Das können zum Beispiel Überreste von in seltenen Fällen erhaltenen Tierknochen sein, auf denen noch Kratzspuren von den Steinklingen erhalten sind, die nur beim Zerlegen eines toten Tiers entstehen. Aber auch der geologische Kontext kann wichtige Hinweise auf den Ursprung der Steine geben.

In Westafrika haben die Leipziger Max-Planck-Forscher bereits völlig andere Steinwerkzeuge beschrieben, die Schimpansen vor über 4000 Jahren zum Knacken von Nüssen nutzten. Solche Funde lassen sich oft gut von den Werkzeugen der Menschen unterscheiden: «Die Klingen von Äxten schlagen Menschen zum Beispiel normalerweise gezielt und symmetrisch auf beiden Seiten scharf», erklärt Ammie Kalan.

Erstellt: 27.10.2016, 18:08 Uhr

Kapuzineraffen

Gewiefte Allesfresser

Die Kapuzineraffen gehören zu den Neuweltaffen. Dieser Begriff umfasst alle auf dem amerikanischen Kontinent heimischen Primaten. Es gibt mehr als 20 Arten, die alle in Lateinamerika zwischen Honduras und dem nördlichen Argentinien zu Hause sind. Die Allesfresser klettern durch das Geäst von Regen-, Trocken-, Mangroven- und Gebirgswäldern. Meist wiegen die Tiere zwischen 2 und 4 Kilogramm, die Männchen sind deutlich schwerer als die Weibchen.

Rückenstreifen-Kapuziner sind vor allem in den trockenen Laubwäldern im Nordosten Brasiliens heimisch. Bis zu 20 Tiere leben in einer Gruppe aus beiden Geschlechtern, die normalerweise von einem Männchen geführt wird. Werkzeuggebrauch wiesen Forscher bei dieser Art bereits im 20. Jahrhundert nach: Die Tiere graben mit Steinen Wurzeln aus oder knacken damit Nüsse. Besonders gern fressen sie aber auch Früchte, die sie ohne Werkzeuge direkt von den Bäumen ernten können. (RHK)

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