Als hätte der Wald sie alle verschluckt

Der Sumatra-Tiger ist die kleinste noch existierende Tiger-Unterart. Einst bevölkerte die Raubkatze fast die ganze Insel, heute leben die letzten Exemplare zurückgezogen in den verbleibenden Regenwäldern.

Ein Sumatra-Tiger, aufgenommen von einer ferngesteuerten Kamera. Foto: Steve Winter (National Geographic Stock)

Ein Sumatra-Tiger, aufgenommen von einer ferngesteuerten Kamera. Foto: Steve Winter (National Geographic Stock)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es geht schon sechs Stunden lang flussaufwärts. Manchmal ist es leicht, über die Steine im flachen, glasklaren Wasser zu hüpfen. Aber oft muss man durch hüfttiefes, strudelndes Wasser waten oder über glitschige Felsen krabbeln. Voran läuft Jenal, ein hagerer, älterer Mann, dem nicht anzusehen ist, wie viel Kraft noch in ihm steckt. Er rutscht nie aus, obgleich er 30 Kilogramm auf dem Rücken trägt: Zeltplanen, Werkzeug, Kochgerät und Essen für mehrere Tage. Ein Gurt um die Stirn hilft ihm, den unförmigen Sack zu schultern. So wandert er voran, den flachen, schnell fliessenden Landak River hinauf. Irgendwo dort oben, zwölf Stunden Marsch von der letzten menschlichen Behausung entfernt, beginnt das Revier des Tigers.

Fischer Jenal ist ein kundiger Begleiter, er kennt die Wälder seit seiner Kindheit. Und auch die Raubkatze ist ihm nicht fremd. Jahrzehntelang ging er nachts mit Lampen in den Flüssen zum Fischen. Als junger Mann hat er öfter ­Tiger gesehen, sie kamen an den Fluss, um zu trinken. «Wir hatten nie Probleme mit ihnen», sagt er.

Und jetzt? Schon lange hat Jenal keinen Tiger mehr gesehen, es ist, als hätte der Wald sie alle verschluckt. Die Chance, eine der scheuen Raubkatzen zu sichten, ist verschwindend gering. Dennoch lohnt der Versuch, weil man auf diesem Weg auch eine Vorstellung von der Welt des Tigers bekommt. Sie ist von wilder Schönheit und manchmal auch ein wenig beängstigend, wenn das Wasser zwischen den Felsen gurgelt, wenn dornige Lianen am Ufer den Weg versperren, wenn sich schleimige Blutegel unter der Hose festsaugen.

Kräftig leuchtendes Fell

Und jetzt hallen auch noch dumpfe Rufe durchs Tal. «Das sind nur die Gibbons», beschwichtigt Jenal. Es dauert nicht lange, bis man sich in diesem Dschungel ganz klein fühlt. Immer wieder beugt sich Jenal über die sandigen Stellen am Ufer und versucht, darin zu lesen. Tritte von Paarhufern entdeckt er bald. Rehe und Wildschweine, die ans Wasser kommen, um zu trinken. Das sind die Beutetiere des Tigers.

Panthera tigris sumatrae ist die kleinste noch existierende Unterart, auf Java und Bali sind die Raubkatzen längst ausgestorben. DNA-Analysen zeigen, dass sich der Sumatra-Tiger genetisch von seinen Verwandten auf dem Festland, etwa in Indien oder Sibirien, deutlich unterscheidet. Man kann das auch sehen: Er trägt ein dunkleres, kräftiger leuchtendes Fell und einen dichteren ­Backenbart. Ausserdem hat er Schwimmhäute zwischen den Zehen ausgebildet. Er durchstreift riesige Sümpfe und kann kilometerweit schwimmen.

Einst bevölkerten Tiger fast die ganze lang gestreckte Insel, doch das ist lange her. Sumatra lockte schon früh die Holzindustrie an, in kolonialen Zeiten boomte der Kautschuk-Anbau, heute ist die Insel ein besonders begehrter Standort für Palmöl-Plantagen. Kaum ein Land hat so viel Wald in so kurzer Zeit verloren wie Indonesien. Zwei Drittel des Tiefland-Regenwaldes auf Sumatra sind bereits abgeholzt. «Der Verlust von Lebensraum ist die grösste Gefahr für den ­Tiger», sagt der indonesische Wildbiologe Sunarto vom World Wildlife Fund.

Wer sich im Jahr 2014 von der lärmenden Metropole Medan ins Inselinnere aufmacht und dieselben Strecken befährt wie zuletzt 1987, erkennt die Landschaft kaum wieder. Oft sieht man nur noch: Palmen, Palmen, Palmen. Sauber aufgereiht stehen sie links und rechts der Strasse, artenreicher Regenwald ist vielerorts lukrativer Monokultur ge­wichen. Erst in den Nationalparks ­ändert sich das Bild, etwa im Mount-Leuser-Gebiet, das zu den wichtigsten verbliebenen Urwäldern Südostasiens gehört. Der Park vereint Sümpfe, Tiefland- und Bergwälder, sie reichen bis über 3000 Meter hinauf. In diesen Landschaften haben Elefanten, Nashörner, Orang-Utans und die Raubkatzen überlebt. Vermutlich die Hälfte aller Sumatra-Tiger ist heute dort heimisch. Wenn die Sumatra-Tiger noch irgendwo eine Chance haben, dann wohl hier, im Dickicht Nordsumatras.

Der indonesische Ökologe Tarmizi, der für die Leuser International Foundation arbeitet, kennt die Bedrohungen. Etwa Drahtschlingen, die von Wilderern ausgelegt werden. Meist stecken gut organisierte Netzwerke hinter dem Handel mit Tigerteilen: Felle fürs Wohnzimmer, Zähne als Fetische, Knochen als vermeintliches Mittel gegen Rheuma und Penisse, um die Potenz zu steigern. Der Glaube an die Kraft des Tigers ist schwer zu zerstören. Und die Bosse der Mafia, die daraus Kapital schlagen, muss der indonesische Staat erst noch zur Rechenschaft ziehen. Immerhin gingen diese Woche zwei Onlinehändler ins Netz. Sie hatten versucht, ein Tigerfell, einen ausgestopften Kopf sowie Tatzen und Klauen zu verkaufen. Experte Tarmizi schätzt, dass auf Sumatra jeden Monat ein Tiger der Wilderei zum Opfer fällt.

Nicht alle, die in die Wälder vor­stossen, stellen den Katzen nach. Die meisten wollten andere Tiere fangen, sagt Tarmizi. Aber auch das kann den ­Tigern zum Verhängnis werden. Er erzählt die Geschichte von fünf Bauern, die im Juli 2013 auszogen, um Duftholz zu suchen. Angeblich legten sie im Wald nur ­deshalb eine Schlinge, um für sich selbst Essen zu besorgen. Doch als sie die Falle überprüften, fanden sie weder Reh noch Schwein. In der Schlinge lag ein totes ­Tigerbaby.

Von der Tigermutter belagert

Die Bauern schafften es gerade noch auf die Bäume, einer konnte sich nicht halten und fiel. Ihn hat die Tigermutter sofort getötet. Die anderen zogen oben panisch ihre Mobiltelefone heraus. Vielleicht gab es ja in den Wipfeln Empfang. Sie hatten Glück und forderten Hilfe an, während unten eine rasende Tigermutter um die Bäume kreiste. Schliesslich fand ein Suchtrupp die belagerten Bauern, er brachte auch einen Medizinmann mit, der als Tigerflüsterer die Katze beschwichtigen sollte. Ob der Tiger Angst bekam oder ob der Hokuspokus tatsächlich wirkte, weiss man nicht. Jedenfalls zog die Tigermutter kampflos davon.

Jedes Jahr töten die Raubkatzen Plantagenarbeiter, Bauern, Holzfäller. Denn selbst geschützte Zonen sind vor illegalem Holzeinschlag nicht sicher, Siedlungen rücken weiter in bewaldete Gebiete vor. So kommt der Mensch den Tigern gefährlich nahe. Wo die Katzen nicht mehr genug Beute finden, schlagen sie Vieh in den Dörfern. 76 Konflikte dieser Art wurden allein im Norden Sumatras zwischen 2007 und 2010 registriert. 9 Menschen starben, 25 Tiger wurden getötet oder eingefangen.

Der Fischer Jenal kann sich nicht erinnern, dass es so etwas gab, als er jung war. Er watet jetzt noch immer den Strom hinauf, er hat es eilig, weil er vor Einbruch der Nacht an einer Flussgabelung ein Camp aufschlagen will. Dann aber bleibt er plötzlich stehen, geht in die Hocke, heftet die Augen auf den ­Boden. Die Spur ist schon ein paar Tage alt. Aber der Abdruck von der Grösse ­eines Untertellers gehört keinem Paarhufer. Fünf Ballen im Sand. Der grosse Jäger. Jenal lächelt. Es gibt ihn noch in diesem Wald.

Der Fluss schwillt an

«Die besten Chancen haben wir nachts», sagt Jenal. Weiter oben liegt ein kleiner Salzsee, den das Wild gerne aufsucht. Deshalb mögen den Ort auch die Tiger. Schnell hat Jenal ein paar Bambusstangen geschnitten, die er mit Lianen zum Gerüst verknotet. Darüber spannt er ein Zeltdach, er kocht Tee und Reis, dazu gibt es Mangos und Bananen.

Man solle besser schnell essen, sagt er, und gleich merkt man, warum: ­Bienen! Zuerst sind es nur zwei, drei, aber dann kreisen schwarze Wolken um die Köpfe, die Tiere schlüpfen in Ohren, Nase, Mund. Da hilft nur noch ein Sprung in den Fluss und ständiges ­Untertauchen, bis sie wieder verschwunden sind.

Zwei Stunden Schlaf. Dann geht es wieder los. Längst ist es finster, es beginnt zu regnen, Blitze zucken, ein Grollen rollt über die Berge. Jenal stört das nicht, er hüpft mit der Taschenlampe voran, er lässt den Lichtkegel übers Wasser und das Dickicht am Ufer tanzen. Der Sturm rauscht durch die Wipfel, er weht grosse Blätter von den Bäumen, wie Geisterschiffe schaukeln sie in den Wellen stromabwärts.

«Manchmal ziehen die Tiger ihre Beute unter die überhängenden Böschungen und verstecken sie», flüstert Jenal und leuchtet aus der Mitte des Flusses ans Ufer. Man gäbe viel dafür, einen Sumatra-Tiger in der Wildnis zu sehen. Aber vielleicht nicht gerade jetzt, kurz vor Mitternacht, wenn er dort drüben, keine zehn Meter entfernt, seine Antilope zerlegt.

Der Regen nimmt zu, der Fluss schwillt an, sodass der nächtliche Marsch, kurz vor Erreichen des Salzsees, abgebrochen werden muss. Sollte der Tiger in dieser Nacht dort Beute schlagen, wird also keiner im Schlamm liegen, um ihn zu beobachten. Aber ­darauf hat er auch nicht gewartet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 18:02 Uhr

Artikel zum Thema

Wenn gefährliche Passagiere im Schiffsbauch reisen

Jeden Tag kreuzen unzählige Frachtschiffe durch die Weltmeere – oft mit ungebetenen tierischen Gästen an Bord. Einmal in ihrer neuen Heimat angekommen, können diese verheerende Schäden anrichten. Mehr...

Tiger tötet jungen Mann in Zoo

Im Zoo der nordindischen Metropole Delhi hat ein Weisser Tiger einen Mann getötet. Er war in das Gehege der Raubkatze gesprungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Freudensprung: Ein türkischer Mann zelebriert das Ende des Fastenmonats Ramadan in Istanbul. (17. Juni 2018)
(Bild: Emrah Gurel/AP Photo) Mehr...