Ameisen sind Weltenbummler

Die Insekten nutzen die Globalisierung, um sich auf der ganzen Welt zu verbreiten, wie Lausanner Forscher herausfanden.

Invasion in neue Regionen: Ameisen nutzten die Hilfe der Menschen, um Grenzen zu überwinden.

Invasion in neue Regionen: Ameisen nutzten die Hilfe der Menschen, um Grenzen zu überwinden. Bild: EPA Pantelis Saitas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ameisen haben fast alle Lebensräume auf allen Kontinenten besiedelt bis auf die Antarktis. Welche Rolle dabei der Mensch spielte, hat Cleo Bertelsmeier von der Universität Lausanne zusammen mit Laurent Keller und weiteren Kollegen untersucht. Die Forscher haben die Ausbreitung von 241 Ameisenarten für den Zeitraum der letzten zwei Jahrhunderte verfolgt. In der Zeit siedelten sich die Insekten als fremde Einwanderer ausserhalb ihres herkömmlichen Verbreitungsgebietes an. Das Team hat seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift «Nature Ecology & Evolution» veröffentlicht.

Die Sechsbeiner eroberten zeitgleich mit der ersten Globalisierungswelle zwischen 1850 und 1914 die Welt, berechnete die Forschergruppe. Der damals zunehmende Handel und die Reisen der Menschen – mit Ameisen in Fracht und Gepäck – ermöglichten den Tieren, biologische und geografische Grenzen zu überwinden.

‹Verrückte Ameise› ist weit gereist

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die darauffolgende Wirtschaftskrise, die den Handel einbrechen liess, bremsten jedoch die Invasion der Ameisen in neue Regionen. Erst seit der zweiten Globalisierungswelle ab den 1960er-Jahren bis heute erobern die Ameisen wieder verstärkt neue Gefilde. Dabei unterscheiden die Lausanner Forscher und ihre Kollegen vier Gruppen von Ameisen, die sich unterschiedlich schnell und weit vorwagten: Die «lokale» Gruppe kam kaum voran und blieb vornehmlich in der Nähe ihres Ursprungsgebietes, wie zum Beispiel die Waldameise (Formica rufa), die mit Vorliebe Waldränder bewohnt. Die «regionale» Gruppe blieb mehrheitlich auf dem angestammten Kontinent. Hierzu gehören die Roten Gartenameisen (Myrmica rubra), die in Mitteleuropa häufig vorkommen.

Die «globale» Gruppe zeigt die weiteste Ausbreitung über Kontinente und Nachbarländer hinweg. Dazu gehören die Generalisten wie zum Beispiel Paratrechina longicornis, die wegen ihrer zuckenden Beine auch «crazy ant», verrückte Ameise, genannt wird. Sie ist bei ihrem Lebensraum nicht wählerisch und hat sich von Afrika aus weltweit verbreitet. In den Tropen gilt sie als Schädling. Vertreter der globalen Gruppe nutzten für ihre Wanderungen vermutlich ausschliesslich die Hilfe der Menschen.

Milliarden Kosten

Zur «transkontinentalen» Gruppe gehören einige Ameisenarten, die auf andere Kontinente gelangten, und andere Arten, die in der Region blieben. Dabei verbreiteten sich die Arten zwar zum Teil auch sehr weit auf fremde Kontinente. Dort sind sie aber jeweils nur in wenigen Ländern anzutreffen. Zu der transkontinentalen Gruppe gehört etwa die Rote Feuerameise (Solenopsis invicta), die ursprünglich aus Südamerika stammt und nun in den USA gefürchtet ist, wo sie sich in vielen Südstaaten ausgebreitet hat und heimische Arten verdrängt. Laut Studienautorin Cleo Bertelsmeier verursache diese Art jährlich Kosten von sechs Milliarden Dollar in den USA.

Rote Feuerameise (Solenopsis invicta).

Ungefähr 200’000 Personen müssten sich nach Stichen ärztlich behandeln lassen, und circa 150 Personen stürben an allergischen Reaktionen. «Unsere Analyse ergibt, dass die Rote Feuerameise als Art ein grosses Potenzial hat, sich weiter auszubreiten, da sie erst mit der zweiten Globalisierungswelle begann, neue Regionen zu besiedeln, und zurzeit eine beschleunigende Dynamik zeigt», sagt Bertelsmeier. Weil es sich bei Ameisen um eine ökologisch diverse Gruppe von Tieren handelt – weltweit gibt es mehr als 13’000 Arten –, eignen sie sich besonders als Modellsystem, um generell auch die Ausbreitung anderer Arten weltweit zu erforschen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2017, 19:55 Uhr

Artikel zum Thema

Forscher entschlüsseln das Erbgut von drei Ameisenarten

Wissenschaftler der Universität Lausanne suchen nach einem Weg, wie sich Invasionen von Ameisen unterbinden lassen. Jetzt haben sie eine mögliche Lösung gefunden. Mehr...

Wüstenameisen finden über Gerüche zum Nest

Die Ameisen in der Salzwüste von Tunesien haben ein ausgeklügeltes Navigationssystem, um zu ihrem Nest zurückzufinden. Sie riechen mit ihren Fühlern – und können zählen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schöner Lärm: Ein Flugzeug fliegt in der Nähe von Pfaffhausen vor dem Supermond durch. (20. Februar 2019)
(Bild: Leserbild: Peter Schwager aus Fällanden) Mehr...