Hintergrund

Artenschwund stärker als befürchtet

Die Populationsgrösse und die Verbreitungsgebiete vieler Pflanzenarten sind in den letzten drei Jahrzehnten in der Schweiz stark geschrumpft. Nun will der Bundesrat den Rückgang der Biodiversität stoppen.

Den Spinnen-Ragwurz können die Florawächter in der Schweiz heute fast nirgends mehr finden.

Den Spinnen-Ragwurz können die Florawächter in der Schweiz heute fast nirgends mehr finden. Bild: OK AP

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Seit drei Jahren durchkämmen rund 350 ehrenamtlich arbeitende Florawächter die Schweiz und spähen nach 1000 seltenen und bedrohten Pflanzenarten – mehr als ein Drittel der einheimischen Flora also. Ihre Daten sollen helfen, die Rote Liste der gefährdeten Pflanzen aus dem Jahr 2002 zu aktualisieren. Die Hälfte der Feldarbeiten ist inzwischen erledigt. Das Fazit: Mehr als jeder dritte Fundort, auf dem die Florawächter vor 10 bis 30 Jahren seltene oder bedrohte Arten nachweisen konnten, ist verwaist. Die Wiederfundraten sind insgesamt zum Teil sehr tief, etwa bei der Spinnen-Ragwurz (6 Prozent) oder dem Kleinen Rohrkolben (13 Prozent).

Die Fachleute vom Nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora (Info Flora) gehen davon aus, dass die betreffenden Arten am gesuchten Fundort ausgestorben oder zumindest äusserst rar geworden sind. Andreas Gygax, der die Feldaufnahmen koordiniert, wertet den Befund als «ziemlich dramatisch». «Der Verlust an Biodiversität in den letzten drei Jahrzehnten fällt noch grösser als befürchtet aus.»

Seltene Arten speziell betroffen

Im Rückgang spiegelt sich die sinkende Qualität der Lebensräume. So wurden in den letzten gut 100 Jahren über 90 Prozent der Trockenwiesen und -weiden sowie mehr als 80 Prozent der Moore zerstört, heute werden nährstoffarme Weiden und Wiesen gedüngt, der Siedlungsbrei blubbert. Praktisch alle der untersuchen Arten mussten denn auch Verluste hinnehmen; stark betroffen sind die besonders seltenen und spezialisierten Arten. Parallel dazu gewinnen Allerweltsarten wie der Löwenzahn an Terrain. Dies trivialisiert die Artenzusammensetzung, regionale Spezialitäten drohen verloren zu gehen. Verschwindet eine Art aus ganzen Regionen, stirbt sie in der Schweiz oder, sofern sie nur hier vorkommt, gar weltweit aus. «Das Ökosystem insgesamt wird so weniger robust», sagt Gygax.

Nicht besser präsentiert sich die Bilanz bei den anderen 26 Roten Listen der Schweiz. Rund ein Drittel der über 10'000 untersuchten Tier-, Pflanzen und Pilzarten – knapp 25 Prozent aller Arten in der Schweiz – gelten als unterschiedlich gefährdet. Sorgen macht dies nicht nur den Naturschützern, sondern auch dem Bundesrat. Letztes Jahr hat er deshalb eine nationale Biodiversitätsstrategie verabschiedet. Bis im Mai nächsten Jahres will das federführende Bundesamt für Umwelt (Bafu) einen Aktionsplan erarbeiten. Ein ganzer Strauss von Massnahmen soll den Schwund der Biodiversität stoppen. Zur Diskussion steht etwa, Arten gezielt zu fördern, bestehende Schutzgebiete aufzuwerten und mit zusätzlichen Vernetzungsgebieten untereinander zu verbinden. Auch punktuelle Anpassungen im Gesetz sind geplant. Zusätzlich zum Lebensraumschutz braucht es im Natur- und Heimatschutzgesetz Voraussetzungen, um den Schutz der Arten spezifisch zu entwickeln, wie Bafu-Expertin Sarah Pearson erklärt.

Welche Kosten der Aktionsplan nach sich ziehen wird, ist noch unklar; es dürften aber mehrere Millionen Franken sein. Trotz dieser Unschärfe regt sich im Parlament bereits Widerstand, namentlich bei den Bürgerlichen. Christian Wasserfallen (FDP), Mitglied der nationalrätlichen Umweltkommission, warnt davor, mit der grossen Kelle anzurühren: «Geld selber züchtet keine Insekten.» Zuerst seien wichtige Grundsatzfragen zu klären, sagt er und nennt als Beispiel die seit Jahren schwelende Gentechdebatte. Zwar will der Bundesrat nach Ablauf des Moratoriums Ende 2017 den Bauern erlauben, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen. Doch drohen die Grünen bereits mit dem Referendum. Für Wasserfallen ist dies unverständlich: Dank Gentechnik brauche es weniger Gifteinsatz in der Landwirtschaft, davon profitiere die Biodiversität, ist er überzeugt.

Rücksicht nehmen beim Bauen

Andere Bürgerliche stehen einem verstärkten Biodiversitätsschutz wohlwollender gegenüber, sehen ihn aber durch die geplante Energiewende bedroht, so Kurt Fluri, der die Stiftung Landschaftsschutz präsidiert. Der FDP-Nationalrat hält es für falsch, artensensible Gebiete einiger zusätzlicher Kilowattstunden Strom wegen zu opfern.

Weitere Interessenkonflikte können aus dem hierzulande starken Siedlungswachstum erwachsen. Fachmann Gygax von Info Flora jedenfalls will den Artenschutz in der Raumplanung künftig höher gewichtet haben, etwa an schönen, südexponierten Lagen, wo überdurchschnittlich viele seltene und spezialisierte Pflanzen und Tierarten leben. «Hier darf nicht ohne Rücksicht auf biologische Werte gebaut werden.»

Erstellt: 26.05.2013, 07:55 Uhr

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