Artenvielfalt ist nicht alles

Weit mehr als der Verlust an Arten macht der Natur der enorme Wandel in der Zusammensetzung zu schaffen.

Buchenwälder sind als Ökosysteme stabil, obwohl darin nur relativ wenige Arten leben. Foto: Keystone

Buchenwälder sind als Ökosysteme stabil, obwohl darin nur relativ wenige Arten leben. Foto: Keystone

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Mit dem Slogan «Rettet die Bienen» wird in verschiedenen Regionen Europas immer wieder vor dem Verlust an Arten und Lebensräumen gewarnt. Nun zeigt eine neue Studie in der Zeitschrift «Science», dass Artenvielfalt nicht alles ist: Shane Blowes vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und Kollegen aus Europa und Nordamerika machen auf einen gefährlichen Wandel aufmerksam. Demnach hat sich die Zahl der Arten in vielen Gebieten weltweit zwar verringert. Gleichzeitig hat sich dort aber die Zusammensetzung der Arten verändert, und das zum Teil in einem enormen Tempo.

«Viel stärker als der Verlust von Arten schürt dieser schnelle Wandel die weltweite Krise der Biodiversität», kommentieren Britas Klemens Eriksson von der Universität Groningen in den Niederlanden und Helmut Hillebrand von der Universität Oldenburg in Wilhelmshaven die neue Erkenntnis.

Die Wissenschaftler untersuchten 51'932 Gebiete. Für diese äusserst komplexe Analyse haben sie zum ersten Mal mit riesigen Datensätzen Ökosysteme im Meer, an Land und im Süsswasser gemeinsam untersucht. So erfassten sie nicht nur den Verlust an Arten, sondern auch die zum Teil heftigen Veränderungen in der Artenzusammensetzung, die einigen Regionen bereits heute erheblich zu schaffen machen.

Stabil mit wenig Arten

Die Zahl der Arten allein sage dagegen häufig nur wenig über den Zustand der Natur aus. «In den Buchenwäldern, die in Mitteleuropa auf sauren Böden wachsen, leben zum Beispiel nur sehr wenige Arten», erklärt Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. «Trotzdem sind solche Ökosysteme nicht nur sehr stabil, sondern auch sehr produktiv.»

An viel Stickstoffdünger angepasste Gewächse überwuchern die typischen Waldpflanzen, die am Ende ganz aussterben könnten.

Genau deshalb haben iDiv-Forscher Shane Blowes und seine Kollegen die Veränderungen ins Visier genommen. Und das nicht etwa auf Internetforen und Telefonkonferenzen. Forscher aus Kanada, den USA und mehreren europäischen Ländern trafen sich vielmehr auf Workshops am iDiv in Leipzig und nahmen dort gemeinsam 239 bereits vorhandene Studien unter die Lupe. Meist stammen diese Untersuchungen aus den letzten vierzig Jahren, einzelne Datensätze aber gingen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Diese Studien beleuchten nicht nur alle wichtigen Typen von Ökosystemen an Land und im Wasser, sondern auch die unterschiedlichen Klimazonen der Erde.

In einigen dieser Gebiete nahm die Zahl der Arten wie befürchtet tatsächlich ab, in anderen aber veränderte sie sich kaum oder nahm sogar zu. Während weltweit die Artenvielfalt durch den Einfluss der Menschheit zurückgeht, scheint sie in etlichen Regionen sogar zuzunehmen. Mehr noch: Als die Forscher um Shane Blowes alle Ökosysteme gemeinsam anschauten, fanden sie sogar insgesamt eine Zunahme der Arten. Das steht zwar auf den ersten Blick völlig im Widerspruch zum weltweit beobachteten Schwund der Arten, lässt sich aber beim genauen Hinschauen gut erklären.

Spezialisten sterben aus

So verteilen Bauern vor allem seit den 1960er-Jahren bisweilen mehr Dünger wie Jauche und Gülle oder synthetische Produkte auf ihren Äckern, als die Nutzpflanzen aufnehmen. Dieser Überschuss erreicht über das Wasser oder die Luft schliesslich Wälder, Moore und andere Ökosysteme, denen bisher viel weniger Stickstoff zur Verfügung stand, den die dort wachsenden Pflanzen verwenden können.

Ähnlich geben Verbrennungsmotoren in ihren Abgasen solche Stickstoffverbindungen an die Luft ab, die ebenfalls zum Beispiel von Wäldern oder Magerwiesen aufgenommen werden. Dort halten sich zwar erst einmal die oft auf solche Standorte spezialisierten Pflanzen auf, die an wenig Stickstoff angepasst sind. Aus der Umgebung siedeln sich aber auch Pflanzen an, die deutlich mehr Stickstoff benötigen und deshalb auf dem Magerrasen oder im Wald bisher nicht vorkamen.

In diesem Gebiet nimmt daher die Zahl der Arten zunächst einmal zu. Zählen die Forscher daher die Artenzahl der verschiedenen Gebiete zusammen, stellen sie eine Zunahme fest, obwohl die Neuankömmlinge vorher bereits in anderen Gebieten vorhanden waren. Mit der Zeit aber überwuchern diese an viel Stickstoffdünger angepassten Gewächse die typischen Magerrasen- oder Waldpflanzen, die am Ende ganz aussterben könnten.

«Die Homogenisierung der Pflanzen geht zulasten von spezialisierten Arten, die langsam verschwinden.»Helmut Hillebrand, Universität Oldenburg

«Einen ähnlichen Vorgang löst der Klimawandel auf den Gipfeln der Berge in verschiedenen europäischen Gebirgen aus», sagt Ingolf Kühn. Dort steigen die Temperaturen, und es machen sich in den letzten Jahren zunehmend Pflanzen breit, die bisher nur in tieferen Lagen mit höheren Temperaturen wuchsen. Auch auf den Gipfeln halten sich bisher die Spezialisten der Hochlagen noch.

In den kommenden Jahrzehnten aber dürften etliche von ihnen aussterben, weil sie keine Möglichkeit haben, nach oben zu tieferen Temperaturen auszuweichen. «Insgesamt gleicht sich die Zusammensetzung in verschiedenen Regionen immer mehr an, und diese Homogenisierung geht zulasten von spezialisierten Arten, die langsam verschwinden», erklärt Helmut Hillebrand von der Universität Oldenburg. Auch in vielen Städten nimmt laut Forscher die Zahl der Arten seit vielen Jahrzehnten zu. Und wieder handelt es sich um Alleskönner wie Wildschweine, Füchse oder Haustauben, die vielerorts bereits zu Problemfällen geworden sind.

iDiv-Forscher Shane Blowes und seine Kollegen erkennen durch den Einfluss des Menschen fast überall einen Wandel der Zusammensetzung der Arten. Die tropischen Meere stehen dabei an der Spitze. Für die Wissenschaftler ist das keinesfalls beruhigend, sondern ein deutliches Alarmzeichen.

Erstellt: 17.10.2019, 18:06 Uhr

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