Auch Tintenfische haben ein Bewusstsein

Nicht nur Menschen, sondern auch Säugetiere, Vögel, Tintenfische und vielleicht sogar Bienen haben die Voraussetzungen im Gehirn, um ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln. Dies glauben Neurowissenschaftler aufgrund ihrer Experimente.

Auch Tintenfische fühlen: Neurowissenschaftler glauben, dass auch Säugetiere, Vögel und Tintenfische ein Bewusstsein haben.

Auch Tintenfische fühlen: Neurowissenschaftler glauben, dass auch Säugetiere, Vögel und Tintenfische ein Bewusstsein haben. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Bewusstsein ist überall», sagt Christof Koch. Und nicht nur er. Jüngst traf sich der Hirnforscher vom California Institute of Technology mit einer erlesenen Schar Kollegen zu einer Konferenz, die mit einer offiziellen Erklärung endete. Kernpunkt: «Gewichtige Belege deuten darauf hin, dass nicht nur Menschen die neurobiologischen Grundlagen besitzen, die Bewusstsein erzeugen», sondern «auch alle Säugetiere und Vögel und viele andere Kreaturen wie Tintenfische». Und womöglich sogar Bienen.

«Subjektive Erfahrung»

In der Gedanken- und Erlebniswelt nüchterner Wissenschaftler wirkt das Pamphlet wie ein Paukenschlag. Bislang hatten nur einige einsame Vorreiter wie der US-Neurobiologe Jaak Panksepp derlei Thesen beharrlich in die Welt gesetzt. Jetzt stimmt eine breitere wissenschaftliche Gemeinschaft zu. In ihrer Definition ist Bewusstsein «subjektive Erfahrung». Irgendetwas zu fühlen oder über etwas zu denken – sei es die Farbe des blauen Meers, Freude, ein Klavierkonzert von Rachmaninow oder Magenschmerzen – und sich dessen in einer subjektiven Erfahrung bewusst zu sein. Sich so zu fühlen, als ob man sei: dass sich ein Mensch als Mensch fühlt, ein Hund als Hund, ein Papagei als Papagei. Das Credo des Bewusstseins lautet schlicht: «Ich fühle, und deshalb bin ich.» Unendlich viele solcher Bewusstseinszustände in jedem Bruchteil einer Sekunde reihen sich täglich aneinander zu einem Bewusstseinsfilm.

Theorie von Reduktionisten

Die scheinbar plötzliche Einsicht der Forscher fusst auf Erkenntnissen aus jüngster Zeit – und aus einer Theorie, die, wie Koch findet, die derzeit «einzig wahre Theorie über das Bewusstsein» ist. Ersonnen wurde sie von Giulio Tononi, Professor für Psychiatrie an der University of Wisconsin (USA). Beide Hirnforscher zählen zu den Reduktionisten – also Leuten, die auch die Entstehung von Dingen wie Seele und Bewusstsein rein auf die Naturgesetze von Physik, Chemie und Biologie zurückführen. Diese Experten betrachten das Gehirn vor allem als ein hochkomplexes System, dessen Nervenzellen Informationen erzeugen.

Verschiedene Hirnregionen beteiligt

Hirnforscher wissen inzwischen, dass an jedem Bewusstseinseindruck in jedem Sekundenbruchteil verschiedene Hirnregionen beteiligt sind; immer unterschiedliche, manche mehr, manche weniger. Jeder einzelne Bewusstseinseindruck unterscheidet sich erstens von jedem anderen vorher oder nachher. Er ist einmalig. Und «er ist einer der informationshaltigsten Dinge überhaupt», unterstreicht Tononi. Bevor er sozusagen festgehalten wird, hat das System Gehirn unendlich viele Informationen zur Auswahl: Es kann beispielsweise die Szenerie links des Kopfes verarbeiten oder rechts des Kopfes oder oben oder sonst wo. Parallel ruft es Daten ab, die es bereits im unbewussten Gedächtnis abgelegt hat.

«Aber es wählt in jedem Moment nur eine der vielen Optionen, und gerade deshalb ist diese Option hoch informativ», erklärt der Hirnforscher. Abhängig davon variiert die Information der Nervenzellen in verschiedenen Hirnregionen, die an einem Bewusstseinseindruck beteiligt sind. Die Kapazität eines Systems, Informationen zu verarbeiten, ist laut Tononi die erste wichtige Voraussetzung dafür, damit Bewusstsein entstehen kann. Je mehr komplexe Daten in den einzelnen Hirnregionen da sind, desto besser.

Mehr als die Summe seiner Teile

Zweitens erleben wir jeden Bewusstseinseindruck als Ganzes, das nicht in seine Einzelteile zu zerlegen ist. Betrachten wir etwa eine Vase, sehen wir ihre Form, ihre Farbe, ihre Grösse «holistisch», als untrennbare Einheit. Wir sehen den Raum, in dem sie steht. Und so weiter. Alle entsprechenden Informationen in den unterschiedlichen Hirnregionen müssen mithin zusammengefügt werden, die jeweils beteiligten Hirnregionen miteinander kommunizieren. So ergibt sich in jedem Sekundenbruchteil eine einzigartige Geometrie von Nervenzellenverbindungen. Diese Integration der Daten, wie Giulio Tononi es nennt, führt zu Informationsgewinn, der letztlich zu einer bewussten Erfahrung führt.

Das Ergebnis – Bewusstsein – ist sprichwörtlich mehr als die Summe seiner Teile. Der «subjektive Erlebnisgehalt jedes Bewusstseinseindrucks lässt sich durch die Geometrie der jeweils beteiligten Hirnregionen erklären», betont Koch. Er unterscheidet sich, abhängig davon, ob man zum Beispiel Farben sieht oder ein Beatles-Stück hört.

Phi

Sein Kollege Tononi nennt den Informationsgewinn Phi. Phi lässt sich messen, ausgedrückt in Bits. «Je mehr integrierte komplexe Information ein System besitzt, desto bewusster wird es», sagt Koch. In einem Informationssystem wie unserem Gehirn mit seinen riesigen Datenmengen und den unendlich erscheinenden Verbindungen ist Phi extrem hoch.

In Tieren ist Phi kleiner, aber dennoch existent. Auch indirekte Belege aus der experimentellen Biologie sprechen für Bewusstsein in der Fauna. Beispielsweise zeigt sich, dass die höheren, nur dem Menschen eigenen Strukturen der Grosshirnrinde für bewusstes Erleben nicht zwingend nötig sind. Und dass auch evolutionsgeschichtlich viel ältere Hirnregionen wie die Kerne des Hirnstamms, der Hypothalamus und eine PAG genannte Hirnregion als mindestens so wichtig erscheinen.

«Sie zählen auch zur neuronalen Ausstattung von Säugetieren und Vögeln», sagt der Neurowissenschaftler Mark Solms aus Kapstadt. Entfernt man den Tieren diese Hirnstrukturen, verlieren sie ihre überlebenswichtigen Gefühle von Angst, Wut, Panik und Lust in einem offenbar angeborenen bewertenden System. Seine Gefühle sind entweder angenehm oder unangenehm. Angenehm bedeutet: Die Triebe werden oder sind befriedigt. Unangenehm heisst: Die Triebe sind unerfüllt. «Das belegen sehr klar Jaak Panksepps Versuche mit Tieren», erklärt Solms, «sie wissen, wenn sie sich gut fühlen. Sie wissen, dass sie in Gefahr sind, wenn sie sich nicht gut fühlen.» Und es seien höchstwahrscheinlich bewusste Eindrücke, auch wenn sich das nicht final beweisen lasse.

Bienenversuche und Wachkoma

So ähnlich sieht das auch Koch und erzählt von Versuchen mit Bienen, die in eine vorn rot markierte Röhre geschickt wurden, die sich in zwei Röhren aufgabelte – die eine wieder rot bemalt, die andere andersfarbig. Und sich wieder nach dem gleichen Muster aufteilte. Stets wählten die Insekten den rot markierten Weg. Das funktionierte auch mit anderen Markierungen wie einem vertikalen Strich. «Wenn das Patienten im Wachkoma könnten», betont der Kalifornier, «würde kein Arzt daran zweifeln, dass sie nicht bewusst seien.» Dass ein basales Bewusstsein auch in Tieren wie Bienen oder Tintenfischen mit ihrem im Vergleich etwa zu Säugetieren und Vögeln anders aufgebauten Gehirn erwachsen kann, erscheint vielen als besonders bemerkenswert

Nicht Koch oder Tononi, die sogar noch weiter gehen. Selbst das Internet, glaubt Koch, könnte «eines Tages aufwachen, bewusst werden und Erfahrungszustände haben». Die Informationsmenge ist riesig und komplex; man müsste sie «nur» viel besser als heute integrieren. Wie Koch ist Tononi davon überzeugt, dass Bewusstsein in unserem Universum eine «fundamentale Eigenschaft» bedeutet – wie Masse oder Ladung.

Erstellt: 25.10.2012, 16:23 Uhr

Artikel zum Thema

Der Computer lernt gerade, Gedanken zu lesen

Forschern ist es gelungen, mit einem Scanner gehörte Wörter im Gehirn zu decodieren. Mehr...

Leiden Eier, wenn sie gegessen werden?

Der Chemiedoktorand Jens Hermes will, dass die Mensa der Universität Basel künftig nur noch vegetarische und vegane Menüs anbietet. Das Fleischverbot sei nötig, um Tierleid zu verhindern. Mehr...

Streit um das Superhirn

Ein Lausanner Forscher möchte mit einer Milliarde Euro Fördergelder das menschliche Gehirn am Computer simulieren. Gegen sein Projekt formiert sich Widerstand vonseiten seiner Forscherkollegen. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...