Barrier-Riff als Opfer der Kohlepolitik

Um eine Abstufung des Barrier-Riffs als Weltnaturerbe zu verhindern, will die australische Regierung die Ablagerung von Hafenschlamm künftig verbieten. Doch dem Riff drohen weitaus grössere Gefahren.

Korallen vor der Küste Australiens: Bis 2050 könnte das gesamte Riff abgestorben sein. Foto: Keystone

Korallen vor der Küste Australiens: Bis 2050 könnte das gesamte Riff abgestorben sein. Foto: Keystone

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Am Samstag erklärte Umweltminister Greg Hunt, Schlamm und Meeresboden aus der Erweiterung von Häfen sollen künftig nicht mehr im Grossen Barrier-Riff entsorgt werden dürfen. Experten warnen seit Jahren, die Praxis gefährde die Flora und Fauna des mit 2500 Kilometer Länge vor der Küste von Queensland gelegenen grössten Korallengebildes der Welt.

2013 hatte Hunt einem Plan des indischen Kohlegiganten Adani zugestimmt, drei Millionen Tonnen Schlamm aus der Erweiterung des Kohleverladehafens Abbot Point im Riff zu «entsorgen». Nach internationalen Protesten prüft er nun die Endlagerung in einem als gefährdet eingestuften Feuchtgebiet. Wegen Umweltbedenken hatten sich verschiedene internationale Finanzhäuser geweigert, das Projekt zu finanzieren, unter ihnen die Deutsche Bank.

Canberra reagiert mit der Verordnung in letzter Minute auf eine Warnung der Unesco, das Riff noch im Verlauf dieses Jahres auf die Liste der «gefährdeten Weltnaturerbestätten» zu setzen. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen kritisiert seit Jahren die ihrer Meinung nach mangelnde Sorgfalt Australiens im Umgang mit dem spektakulären Naturgebiet. Ein solcher Schritt hätte verheerende Konsequenzen für den Ruf Australiens als Reisedestination. Etwa 50'000 Menschen leben an der australischen Ostküste direkt oder indirekt vom Rifftourismus. In diesen Tagen wird Hunt nach Paris reisen, um die Unesco von den Schutzanstrengungen seiner Regierung zu überzeugen.

«Alibiübung»

Umweltverbände kritisierten die Ankündigung am Wochenende als «ungenügend» und «reine Alibiübung», sagte ein Sprecher. Hunts Verordnung gelte nur für den von Australien definierten Meeresnaturschutzpark. 80 Prozent der «Entsorgungen» von Schlamm fänden aber in den restlichen Gebieten der Weltnaturerbezone statt. «Es ist nicht mehr akzeptabel, das Riff als Müllkippe zu brauchen», sagt Dermot O’Gorman vom WWF.

Laut Meeresbiologen ersticken Sedimente aus den Ablagerungen die Korallen und gefährden andere Lebewesen am Riff, darunter viele der 1500 Fisch- und 6 Schildkrötenarten. Doch diese Praxis ist nur eine von vielen Bedrohungen, die das Riff langfristig gefährden. Mit Pestiziden und Düngestoffen belastete Abwässer aus der Landwirtschaft in den Küstenregionen, ein Korallen fressender Seestern, vor allem aber der Klimawandel sind verantwortlich, dass das Grosse Barrier-Riff bis 2050 abgestorben sein könnte.

Durch globale Erwärmung entstehende höhere Temperaturen führen zu einer Übersäuerung des Wassers – das Wachstum der Korallen wird dadurch gestört. Laut einer Studie von 2012 hat das 344'400 Quadratkilometer grosse Riff seit 1985 über 50 Prozent seiner Korallen verloren. Immer häufiger zeigen sich Rifftouristen darüber enttäuscht, dass zwischen den Fotos in den Urlaubsbroschüren und der Wirklichkeit beim Schnorcheln eine sichtliche Diskrepanz besteht.

Konervative bevorzugen die Kohleindustrie

Laut James Trezise, Wissenschaftler bei der australischen Naturschutzorganisation ACF, hängt die Zukunft des Riffs nicht zuletzt vom Ausgang der Regionalwahlen in Queensland am kommenden Wochenende ab. Die konservative Regierung von Premier Campbell Newman hat in ihrer ersten Amtszeit keinen Hehl daraus gemacht, der politisch einflussreichen Kohleindustrie den Vorrang über den Schutz der Umwelt zu geben.

Kohle ist eines der wichtigsten Exportprodukte Queenslands und Australiens. Im Hinterland der Ostküste liegt das Galilee Basin, eine der reichsten Kohlelagerstätten der Welt. Die Regierung unterstützt den Bau von neun weiteren riesigen Kohleminen. Durch die Verbrennung von Kohle in Exportmärkten aus diesen Anlagen würde mehr klimaschädigendes CO2 in die Atmosphäre gelangen, als Australien jährlich produziert.

Sollte Newman wiedergewählt werden, gehen Beobachter davon aus, dass die Minenprojekte im Galilee-Gebiet rasch in Angriff genommen werden dürften. Ein bedeutender Nutzniesser eines Sieges der Konservativen wäre die indische Firma Adani, die einen wesentlichen Teil der Kohlevorkommen im Galilee-Gebiet kontrolliert. Sie kann beim Bau der Minen mit einer grosszügigen Unterstützung durch die Regierung rechnen.

Im «Sold» der Industrie

Die Regierung von Queensland muss sich regelmässig Kritik anhören, sie stünde im «Sold» der Kohleindustrie und anderer einflussreicher Wirtschaftsvertreter. Berichten zufolge haben Wirtschaftskreise den Wahlkampf von Newmans konservativer Partei mit Hunderttausenden von Dollar unterstützt. Vor zwei Wochen liess sich der Premier auf einer Wahlpropagandatour vom Chef des australischen Arms von Adani begleiten. Jüngsten Schätzungen zufolge dürfte die Regierung von Queensland an ihrer Macht festhalten. Newman aber könnte seinen Abgeordnetensitz an die oppositionellen Sozialdemokraten verlieren.

Erstellt: 26.01.2015, 07:36 Uhr

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