Berufstätige Tiere

Das Verhältnis des Menschen zum wilden Tier hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Im Zürcher Zoo sorgt Direktor Alex Rübel dafür, dass die Tiere beschäftigt und manchmal gar gestresst sind.

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In eine Zwickmühle wie 1902 kann die Stadt Zürich nicht mehr geraten. Damals erhielt sie zwei Löwen aus Afrika geschenkt. Absender war der ehemalige Aussenminister Abessiniens, der gebürtige Schweizer Alfred Ilg. Weil die Stadt über keinen geeigneten Zwinger verfügte, brachte man die Tiere im Privatzoo des Bildhauers Urs Eggenschwyler am Milchbuck unter. Dieser Kauz liess Kinder die Bären streicheln und war dafür bekannt, dass er gerne mit einer Raubkatze an der Kette in der Stadt spazieren ging – ehe die Polizei ihm dies verbot. Eggenschwyler kämpfte viele Jahre lang vergeblich für einen «richtigen» Zoo. Ein solcher wurde in Zürich erst 1929 eröffnet, sechs Jahre nach seinem Tod.

Seither hat sich das Verhältnis der Menschen zu den wilden, exotischen Tieren stark verändert. Alex Rübel kann das beurteilen. Bevor er 1991 Direktor des Zürcher Zoos wurde, arbeitete er zehn Jahre lang als Tierarzt an der Universitätsklinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere. Eggenschwyler habe nicht bewusst unverantwortlich gehandelt, sagt Rübel: «Ein gezähmtes wildes Tier war damals wie ein Haustier für den Halter.»

«Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen»

Der DDR-Fluchthelfer Hans Ulrich Lenzlinger führte noch in den 70er-Jahren einen Gepard an der Leine durch Zürich-Höngg, ohne dass jemand einschritt. Tatsächlich könne eine Raubkatze so zahm werden wie eine Hauskatze oder ein Hund, sagt Rübel. Aber natürlich sei das Problem gravierender, wenn ein Löwe – wie dies auch Hunde tun – einmal zubeisse oder kratze. Heute werden Raubtiere deshalb fast ausschliesslich in Zoos gehalten.

Zürichs Zoo wurde wie der Zürcher Tierschutz vom Weininger Pfarrer und Kantonsrat Philipp Heinrich Wolff gegründet. Im Vordergrund stand der Tierschutzgedanke und der noch heute gültige Leitsatz: «Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen.» Andere Zoologische Gärten wie Antwerpen oder London seien im Gefolge der Reiseberichte von Afrikaforschern wie David Livingstone oder Henry Morton Stanley entstanden, erzählt Rübel: «Man wollte das exotische Tier, das die Reisenden beschrieben hatten, aus der Nähe sehen. Dabei stand das naturwissenschaftliche Interesse im Vordergrund.»

Tiere sehen, Tiere suchen

Damals seien Tiere in vielen Zoologischen Gärten vermenschlicht worden. Pfleger legten Schimpansen Hüte an und betteten junge Gorillas zur Belustigung des Publikums in Stubenwagen. Sie deckten Tische, stellten Blechtassen hin und liessen die Affen Zvieri essen: «Da stand der Vergleich mit dem Menschen im Vordergrund und nicht das Urverhalten der Tiere.» Der Zoo sei halt immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Besucher scherzen zuweilen, heute gehe man nicht mehr in den Zürcher Zoo, um Tiere zu sehen, sondern, um Tiere zu suchen. Bei den Raubkatzen zum Beispiel gilt das Guckkastenprinzip. An belebten Tagen kann es dauern, bis man durch die klein bemessenen Luken endlich ins Gehege blicken kann und möglicherweise gar nichts sieht. Das Frustrationspotenzial ist bisweilen so gross, dass man sich die alten Zustände herbeisehnt: ein Tier in einem Käfig, gut sicht- und riechbar hinter Maschendrahtzaun oder Gittern. Selbst Rübel spricht von einer «Gratwanderung», glaubt jedoch, einen guten Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Tiere und jenen der Besucher gefunden zu haben.

Der Löwe ist ein Familientier

Der Schreibende erinnert sich, wie er Anfang der 60er-Jahre als Junge im Zoo Mitleid mit den Tigern verspürte. Sie lagen in engen Käfigen apathisch auf Holzböden. Oder entwickelten wie die Eisbären einen Tick und tigerten stundenlang hin und her, von einem Ende des Käfigs zum andern. Und dies in einem Zoo, der sich dem Tierschutzgedanken verschrieben hatte. War das nicht tierquälerisch?

Rübel relativiert. Für das Tier mache die Grösse des Geheges nur gerade ein Zehntel des Wohlbefindens aus. Wichtiger sei, ob die Umgebung es dem Tier erlaube, sein natürliches Verhalten zu äussern. Der Löwe brauche eine Gruppe, denn er sei im Gegensatz zu fast allen andern Katzen ein Familientier. Der Eisbär hingegen sei ein Einzelgänger; wenn er leide, nütze es nichts, ihm Artgenossen ins Gehege zu geben. Was er vor allem brauche, seien grosszügige Laufmöglichkeiten und viel Wasser. Affen wiederum müssten klettern können.

«Stereotypie ist eine Form von Leiden»

Wenn gefangene Tiere einen Tick entwickeln, spricht man von Stereotypie. Diese trete auf, wenn ein Tier frustriert sei und sich mit monotonem Verhalten selbst zu befriedigen versuche, so Rübel. «Wir hatten das Problem bei den Eisbären, denen es an Platz und Wasser mangelte.» Auch die andern Bären stereotypierten. Untersuchungen durch Zoologen zeigten, dass das Weibchen bei Regen und heissem Wetter frustriert war, weil es keine trockene, mit Streu ausgelegte, schattige Höhle hatte. Als man ihm eine bereitstellte, verschwand das manische Verhalten.

Das Männchen wiederum entwickelte seinen Tick immer dann, wenn das Weibchen nichts von ihm wissen wollte. «Stereotypie ist eine Form von Leiden», sagt Rübel, «und wir sind verpflichtet zu Vorkehrungen, dass es gar nicht erst auftritt oder wieder verschwindet.» Weil man den Eisbären in Zürich keine adäquate Umgebung bereitstellen konnte, wurden sie schliesslich weggegeben, obwohl sie in der Publikumsgunst ganz oben standen.

Die Würde der Kreatur

Während des Zweiten Weltkriegs ging der Tierschutzgedanke im Zürcher Zoo weitgehend verloren. Die grosszügigen Gehege wurden verkleinert, um Geld zu sparen. Erst unter Heini Hediger, der von 1954 bis 1973 Direktor war, besserten sich die Zustände wieder. Hediger verstand sich als Tier- und Verhaltensforscher; der Zoo sollte für die Bevölkerung sowohl Erholungsraum als auch Informationsquelle sein. «Er sagte immer, man müsse sich ins Tier hineinversetzen, um zu verstehen, wie es ihm gehe», erinnert sich Rübel. Wohl auch deshalb akzeptierte Hediger bei neuen Zoobauten keine rechten Winkel und glatten Böden; das entspreche nicht der Natur, sagte er.

Weil Hediger den Zoo umsichtig erneuerte, waren keine grösseren Anpassungen nötig, als der Tierschutz 1973 in die Bundesverfassung aufgenommen wurde. Auch dann nicht, als 1981 das Eidgenössische Tierschutzgesetz in Kraft trat und elf Jahre später der «Schutz der kreatürlichen Würde» in der Verfassung festgeschrieben wurde. Das Tier, rechtlich gesehen bis dahin eine Sache, mutierte zu einem Wesen. Viele kleinere Schweizer Privatzoos mussten wegen der Gesetzesänderungen schliessen.

«Man frisst einander nicht»

Die Würde der Kreatur – was ist darunter zu verstehen? «Würde» sei wie «Recht» ein menschlicher Begriff, sagt Rübel. Tiere könnten keine Rechte wahrnehmen und ihre Würde nicht selbsttätig wahren. Es liege am Menschen, dies zu tun. Insbesondere müsse man dem Tier ein artgerechtes Verhalten ermöglichen; dazu gehörten die Futterbeschaffung, ein aktives Sozialleben inklusive Aufzucht von Jungen sowie die Notwendigkeit, stets auf der Hut vor Bedrohungen zu sein.

Wie kann der Zoo Letzteres leisten? Man sperre natürlich keine Tiere gemeinsam ein, die einander töten würden, obwohl das artgerecht wäre, sagt Rübel. Man halte aber beispielsweise Nasenbären und Brillenbären im selben Gehege. Wenn sich ein paar Nasenbären zusammenrotteten, müsse der stärkere, aber langsamere Brillenbär das Feld räumen. «Man frisst einander nicht, muss aber immer aufpassen, wo der andere ist», sagt Rübel. So baue man die Spannung auf, die es brauche. Das sei eine der anspruchsvollsten Aufgaben.

Grosszügige Lebensräume schaffen

Ist es denkbar, dass sich der Zürcher Zoo noch einmal so einschneidend verändern wird wie in den vergangenen 50 Jahren? Rübel bezweifelt es, man nähere sich allmählich «dem idealen Zustand» an. Er sagt: «Wir sind eine Verbindung zur Natur, ein Teil der Naturschutzbewegung, wir sprechen Leute aus allen Bevölkerungsschichten und Nationalitäten an.» Besonders wichtig ist ihm, dass die Besucher Substanzielles über die Bedingungen lernen, unter denen die Tiere in der Wildnis leben.

Im selben Jahr, in dem der Schutz der «kreatürlichen Würde» in die Bundesverfassung aufgenommen wurde, beschloss der Zoo den «Masterplan 2020» mit einem Investitionsvolumen von 250 Millionen Franken. Die Gesamtfläche soll bei gleichbleibendem Tierbestand verdoppelt werden. Man wollte grosszügigere Lebensräume schaffen, die den Tieren Rückzugsmöglichkeiten bieten. Rübel war die treibende Kraft. Vor seinem Amtsantritt hatte er rund 200 Zoologische Gärten in aller Welt besucht.

Alles nur Illusion?

So entstanden: der südamerikanische Bergnebelwald für Brillen- und Nasenbären (1995), das eurasische Feuchtgebiet Selenga für heimische und nordasiatische Vögel (1997), die Himalaja-Anlage für Sibirische Tiger, Wölfe und Schneeleoparden (2001), der Masoala-Regenwald (2003), der indische Trockenwald für Löwen (2007), das afrikanische Gebirge für Affen und Steinböcke (2008) und die südamerikanische Naturlandschaft Pantanal für Ameisenbären (2012). Was noch fehlt, ist der Elefantenpark für Asiatische Elefanten (2014) und die Savanne Lewa für Giraffen, Antilopen und Strausse (2018).

In der Natur sind die Lebensräume um ein Vielfaches grösser. Ist es bei allen Bemühungen nicht eine Illusion zu glauben, die Zootiere hätten den Raum, den sie brauchen, um sich wohlzufühlen? Rübel weist den Einwand unter Verweis auf die Elefanten zurück. Es stimme zwar, dass sie in der Wildnis viele Kilometer am Tag zurücklegten.

«Ihren Beruf ausüben»

Sie wanderten aber nicht um des Wanderns willen, sondern wegen der Futtersuche: «Frei lebende Elefanten fressen 20 Stunden pro Tag.» Im Zoo müsse man dafür sorgen, dass sie das in ihrem viel kleineren Lebensraum auch täten. Deshalb verfüttere man ihnen nicht «nährstoffreiches Zeugs, das sie im Nu verschlingen können, sondern schwierig zu verarbeitende Äste, um sie zu beschäftigen».

Rübel sagt, man wolle es den Tieren ermöglichen, in allen wesentlichen Daseinsbereichen «ihren Beruf auszuüben». Der Bär zum Beispiel müsse in seinem Gehege gegen 100 Stellen absuchen, um an Futter zu kommen. Im Tigergehege lassen sich mittels Elektromagneten verschlossene Futterkisten nur zeitweise öffnen, sodass die Raubkatzen immer wieder Anlauf nehmen müssen – oft vergeblich, wie in der Wildnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2013, 10:33 Uhr

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