Bienen spüren den Frühling

Allein von Montag bis Donnerstag diese Woche mussten Feuerwehrleute wegen Bienen in der Stadt Zürich 139-mal ausrücken. Ursache für diesen aussergewöhnlichen Schwarmtrieb ist die Wetterlage.

Treffpunkt Baum: Bevor der Schwarm mit der alten Königin wegzieht, bildet er eine Traube. Foto: Markus Widmer (Keystone)

Treffpunkt Baum: Bevor der Schwarm mit der alten Königin wegzieht, bildet er eine Traube. Foto: Markus Widmer (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie aus dem Nichts tauchen mitten in Zürich auf einmal Tausende von Bienen an einem Ort auf. Es surrt, wuselt und summt wie verrückt. Der Schwarm bildet eine dunkle Wolke am blauen Himmel und wirkt geradezu bedrohlich. Hektisch fliegen die Bienen dort umher, nach kurzer Zeit kehrt wieder Ruhe ein und sie sind verschwunden. Das Naturschauspiel ist vorbei.

Doch wohin sind sie gezogen? Und warum sind sie derzeit so aktiv? «Sie suchen sich einen Nistplatz», sagt Erwin Nüesch, Wildhüter bei der Stadt Zürich und erfahrener Imker. Nach den kalten und regnerischen Tagen hätten die Bienen das schöne Wetter genutzt, sodass sie alle auf einmal losgeflogen seien. Kein Wunder, dass diese Woche beim Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich allein von Montag bis Mittwoch insgesamt 17 Meldungen von besorgten Bürgern eingegangen sind, die eine riesige Bienentraube in ihrer Nähe entdeckt haben. Zuvor waren es seit Mitte April dagegen stets nur ein oder zwei Meldungen pro Woche.

«Falls die Bienen sich an einem störenden Ort etwa unter einem Dachstuhl angesiedelt haben, müssen sie unbedingt entfernt werden», warnt Marcus Schmidt vom Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich. Denn die Ansiedlung hat zur Folge, dass sich dort mit der Zeit Schädlinge wie Speckkäferarten und Wachsmotten ansiedeln, die in den Wohnraum eindringen können. Das kann später zu einer sehr aufwendigen Schädlingsbekämpfung führen.

Nass gespritzte Bienen

Um Schwärme einzufangen oder Nisthöhlen zu beseitigen, rücken jeden Frühling und gelegentlich auch noch im Sommer Feuerwehrleute von Schutz & Rettung Zürich mit Imkeranzügen aus. Anfang dieser Woche hatten die Einsatzkräfte in Zürich besonders viel zu tun. Von Montag bis Donnerstag waren es insgesamt 139 Einsätze beziehungsweise Aufgebote wegen Bienen. Auch im vergangenen Jahr hatte es solche Rekordtage gegeben, sodass sie am 14. Juni 41-mal ausrückten.

Bei einem solchen Einsatz verspritzen die Fachleute der Feuerwehr zuerst Wassernebel, um die Flugaktivität der Bienen zu reduzieren und sie zu beruhigen. Danach fegen sie den grössten Teil des nun niedergelassenen Schwarms mit einem Besen in eine Holzkiste und versuchen, die Königin dabei zu erwischen. Ist dies gelungen, fliegen die anderen automatisch auch dort hinein.

Die Feuerwehr verkauft den Schwarm pro Kilogramm für 20 Franken an einen Imker. «Unser Ziel ist es, die Nutztiere am Leben zu erhalten und an einen für sie geeigneteren Platz umzusiedeln», betont Fabian Hegi, Sprecher von Schutz & Rettung Zürich.

Die von den Bienen im Dickicht der Stadt auserwählten Stellen, an denen sich ein Schwarm mit 10'000 bis 20'000 Insekten bei seiner Suche nach einem neuen Unterschlupf sammelt, sind sehr unterschiedlich. Es kann etwa ein Velosattel, ein Kinderwagen, ein Auspuff eines Autos, ein Tisch in einem Restaurant, eine Lichtsignalanlage oder ein Baum in einem Park sein. Von dieser Zwischenstation aus fliegt der Schwarm alsbald dann weiter zum Nistplatz.

Würde man sie zum Beispiel in einem Kamin lassen und nicht umsiedeln, so Schmidt, würden sie dort ein oder zwei Jahre später verenden. Denn in der Schweiz sind mittlerweile alle Völker mit der Varroamilbe befallen, sodass sie ohne eine geeignete Behandlung durch einen Imker wesentlich früher sterben als sonst üblich.

Dass Bienen im Frühling ausschwärmen und sich eine andere Unterkunft suchen, liegt in ihrer Natur. Wird ein Bienenvolk im Mai zu gross, ziehen die Arbeiterinnen mit einem speziellen Gelée royale innerhalb von 16 Tagen eine neue Königin hoch. Die neue «Herrscherin» übernimmt dann nach dem Hochzeitsflug das Zepter und bleibt im Stock. Die alte Königin und ihr Gefolge müssen deshalb nach einer neuen Heimat Ausschau halten. «Die junge kommt, die alte muss gehen», sagt Nüesch, das sei nicht nur bei den Bienen so.

Verscheuchte Stockmutter

Damit ein Bienenvolk jedoch nicht verwildert und irgendwo hinzieht, kann ein Imker frühzeitig die Schwarmbildung steuern. Denn bevor es so weit ist, kommt plötzlich Unruhe im Bienenstock auf. Die alte, königliche Stockmutter wird nun ein paar Tage von ihrem Hofstaat, der aus vier bis fünf Individuen besteht, umhergescheucht. Denn sie muss abnehmen, damit sie das ideale Fluggewicht erhält. Zudem wird sie in dieser Zeit nicht mehr gefüttert und legt auch keine Eier mehr.

Wille des Volkes zählt

Während die neue Monarchin mit einem Teil des Bienenvolks am ursprünglichen Nistplatz bleibt, schwärmen die anderen mit der alten Königin aus und suchen sich ein neues Zuhause. Zunächst entfernt sich der Schwarm nicht weit vom alten Wohnort und bildet an einem Ast eine kompakte Traube. Danach folgt der riesige Schwarm weiter der Kundschafterin, die einen geeigneten Nistplatz ausgesucht hat.

Sie war diejenige, die von insgesamt drei bis vier Kundschafterinnen den schönsten Schwänzeltanz vorgeführt hat und am meisten Zuspruch von der Gruppe erhalten hat. «Es ist quasi eine demokratische Abstimmung», betont Nüesch. Der Wille des Volkes zähle. Die Königin sei zwar eine Monarchin. Doch sie spiele nur für die Vermehrung eine zentrale Rolle, weil sie die Einzige im Staat sei, die Eier lege.

Derzeit schwärmen die Bienen durch Zürich. Wenn man sie in Ruhe lässt, muss man keine Angst vor ihnen haben. Denn Schwarmbienen haben in dem ­Moment ganz andere Probleme, als jemanden zu stechen. «Sie müssen sich beeilen, dass sie vor dem nächsten Un­wetter eine neue Bleibe haben und somit möglichst schnell geschützt sind», sagt Schmidt. Denn starken Regen oder ein Gewitter würden die umherziehenden Bienen nicht über­leben.

Erstellt: 24.05.2014, 02:38 Uhr

Gesundheit der Bienen

Diesen Winter haben die Schweizer Imker rund 15 Prozent ihrer Völker verloren. Die genauen Zahlen der Umfrage werden noch publiziert. «Der Verlust ist normal und ähnlich wie im Vorjahr», sagt Jean-Daniel Charrière vom Zentrum für Bienenforschung Agroscope. Dagegen habe es im Winter 2011/2012 mit fast einem Drittel den bisher grössten Verlust des Bestandes gegeben. Verantwortlich dafür war vor allem die Varroamilbe, die Bienen durch Aussaugen von Blut und Übertragung von Viren schwächt. Es ist zu befürchten, dass die Milbe 2014 noch starken Schaden anrichten wird, weil die Bienen früh mit der Brut begonnen haben und die Milbe so mehr Zeit für die Vermehrung hat. Der Bestand eines Volkes hängt auch von der Legeleistung der Königin ab. Sind die von ihr seit dem Hochzeitsflug gespeicherten Spermatozoen nicht mehr so vital, kann sie nicht genug Arbeiterinnen zeugen. Weil sich aus unbefruchteten Eiern nur männliche Tiere entwickeln, fehlen weibliche Bienen für die Brutpflege. Auch so stirbt das Volk nach kurzer Zeit aus. (bry)

Artikel zum Thema

Bienen in Winterthur verseucht

Die Bieneninspektoren kontrollieren derzeit die Bienenstände der Region. In der Umgebung von Winterthur finden sich Völker, die gleich mit zwei Seuchen befallen sind. Die Imker haben aber ein noch grösseres Problem. Mehr...

Männliche Bienen anfälliger auf Parasiten

Ein Berner Forschungsteam untersuchte, wie Bienen auf einen weit verbreiteten Krankheitserreger reagieren – mit erstaunlichem Ergebnis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...