Das Intersex-Reh

Die Mutation eines Gens hat die Geschlechtertrennung eines Rehs durcheinandergebracht.

Männliche und weibliche Merkmale des Intersex-Rehs: Geweih und weisses Haarbüschel am Hinterteil.

Männliche und weibliche Merkmale des Intersex-Rehs: Geweih und weisses Haarbüschel am Hinterteil. Bild: Elisabeth Petrasch-Parwez

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«Von vorne sah es aus wie ein Männchen, von hinten wie ein Weibchen», sagt Jörg Epplen von der Ruhr-Universität Bochum. Das Reh trug auf dem Kopf ein Geweih wie ein Bock, hatte aber am Hinterteil eine sogenannte Schürze, ein typisch weibliches Haarbüschel. Epplen ist eigentlich Humangenetiker, doch das Tier, das bei einer Jagd im Hochsauerland auftauchte, liess ihn nicht mehr los. Das Intersex-Phänomen ist laut einer Mitteilung der Universität bislang weder im Gehege noch in der Natur beobachtet worden. Weil Epplen auch im Bereich Intersexualität forscht, beschloss er, das schwächelnde Tier zu erlegen, um zusammen mit Kollegen die genetischen Gründe für das Erscheinungsbild aufzuspüren.

Obwohl das Reh den weiblichen Chromosomensatz XX besass, hatten sich unter dem Haarbüschel statt einer Vagina ein verkürzter Penis und Hoden herausgebildet. Bei dem Reh handle es sich nicht um einen Zwitter, weil diese sowohl männliche als auch weibliche Keimdrüsen haben. Die Wissenschaftler sprechen von «Geschlechterumkehr».

«Offenbar kommt diese Mutation auch sonst im Tierreich vor»

Um die Besonderheiten des Erbgutes zu bestimmen, sequenzierten die Forscher laut Mitteilung zunächst das Genom eines normal entwickelten Rehbocks, um Vergleiche mit dem Genom des Intersex-Tieres machen zu können. Der langwierige Entschlüsselungsprozess des Genoms in Zusammenarbeit mit der Universität Köln und der australischen Universität von Melbourne zeigte schliesslich, dass das intersexuelle Tier das Gen SOX9 dreimal statt zweimal in sich trug.

Dieses Gen ist unter anderem für die Herausbildung von Keimdrüsen zuständig. Bei Männern ist es für die Herausbildung von Hoden verantwortlich, bei Frauen für die Entwicklung von Eierstöcken. «Weil das SOX9-Gen in dreifacher Dosis vorhanden ist, können trotz fehlenden männlichen Y-Chromosoms Hoden entstehen», erläutert Epplen.

Ähnliche genetische Veränderungen als Ursachen für eine solche Geschlechterumkehr seien bisher auch beim Menschen und bei Mäusen untersucht worden. «Offenbar kommt diese Mutation auch sonst im Tierreich vor und kann damit in freier Wildbahn gefunden werden.» Die Resultate veröffentlichten die Wissenschaftler in der US-Fachzeitschrift «PLOS One». (lae/sda)

Erstellt: 09.09.2013, 18:38 Uhr

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