Der Meeresspiegel steigt und steigt

Klimaforscher warnen: Auch wenn die Treibhausgase stark reduziert werden, steigt der Pegel der Ozeane dramatisch.

Eine Frau aus Kiribati hält einen Fisch. Die pazifische Insel wird es wegen des steigenden Meeresspiegels vielleicht bald nicht mehr geben. Foto: David Gray (Reuters)

Eine Frau aus Kiribati hält einen Fisch. Die pazifische Insel wird es wegen des steigenden Meeresspiegels vielleicht bald nicht mehr geben. Foto: David Gray (Reuters)

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Das abschmelzende Gletschereis an den Polen und im Hochgebirge ist der sichtbare Zeuge einer dramatischen Veränderung auf der Erde. Der eben veröffentlichte Bericht des Weltklimarates IPCC dokumentiert: Die Folgen des Klimawandels sind massiver als bisher angenommen. «Machen wir weiter wie bisher, steigt der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um fast einen Meter an. Das ist deutlich mehr als bisher abgeschätzt», sagt Nicolas Gruber von der ETH Zürich und Mitautor des IPCC-Berichtes.

Die Klimaforscher haben erstmals in ihren Modellierungen die Abschmelzrate des Westantarktischen Eisschildes berücksichtigt. Es gingen zwischen 2006 und 2015 jährlich 155 Milliarden Tonnen Eis verloren. Das entspricht einer jährlichen Erhöhung des Meeresspiegels um rund einen halben Millimeter.

Hinzu kommen die massiven Verluste des grönländischen Eises, die im gleichen Zeitraum mit 278 Milliarden Tonnen jährlich fast doppelt so hoch waren wie in der Antarktis. Einen ähnlich grossen Beitrag leisten zudem die Gletscher auf den Kontinenten, die in den letzten Jahrzehnten massiv abgeschmolzen sind. «Selbst unter einem stringenten Klimaszenario, das mit dem Pariser Klimaabkommen kompatibel ist, rechnen wir bis Ende des Jahrhunderts mit einem Anstieg von etwa einem halben Meter», sagt Gruber. Für die Autoren des IPCC-Berichtes ist heute eindeutig: Der Hauptverantwortliche für den Meeresspiegelanstieg ist der Mensch durch die Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe.

Hundert Millionen Menschen betroffen

«Die Abschmelzung der Gletscher und Eisschilde wird die Megastadt an der Küste in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten beeinflussen», sagt Konrad Steffen, Mitautor und Direktor des WSL-Forschungsinstituts in Birmensdorf. Er ist einer der profundesten Kenner der Arktis. Frühere Studien zeigen, dass es heute bereits mehr als 122 Länder gibt, in denen mindestens 10 Prozent der Bevölkerung direkt vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind.

Etwa 680 Millionen Menschen leben gemäss IPCC in tief liegenden Küstenregionen. In 40 Jahren, so schätzen die Wissenschaftler, könnten bis zu einer Milliarde Menschen in diesen Gebieten leben. Ausgerechnet in diesen Gebieten wurde in den letzten hundert Jahren oft die Vegetation zerstört, die vor starker Erosion zum Beispiel bei Sturmfluten schützt. Nahezu die Hälfte der Feuchtgebiete ist gemäss IPCC in den letzten hundert Jahren durch den Siedlungsdruck des Menschen, durch den Meeresspiegelanstieg und die Erderwärmung zerstört worden. Der Bericht gibt vor allem einen globalen Überblick. Aussagen zu einzelnen Ländern oder Gebieten fehlen. So ist der Wert des globalen Meeresspiegelanstiegs nur ein Mittelwert. «Für einzelne Regionen könne dieser Wert kleiner sein, oder bis zu 50 Prozent höher», sagt Konrad Steffen.

Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung schätzten in einer Studie vor drei Jahren, dass ohne Schutzmassnahmen bereits ein Hub des Meeresspiegels von etwas mehr als 10 Zentimetern gegenüber 2010 die Milliarden Schadenskosten nach einer extremen Sturmflut verdoppeln. «Die Häufigkeit dieser Extremereignisse wird schnell zunehmen, sodass ein marines Hochwasserereignis, das heute nur alle 100 Jahre vorkommt, in vielen Gegenden bis Ende des Jahrhunderts fast jährlich passieren wird», sagt ETH-Klimaforscher Nicolas Gruber. «Auch wenn wir die Emissionen stark reduzieren: Es wird immer noch eine Herausforderung sein, sich gegen den Klimawandel zu schützen, aber es ist besser machbar, vor allem für jene Menschen, die besonders betroffen sind», sagt Hoesung Lee, Vorsitzender des Weltklimarates.

Meer ist ein riesiger Puffer

Der IPCC hat in seinem letzten umfassenden Bericht 2013 bereits dokumentiert, wie stark sich der Ozean erwärmt. Seither sei die Erwärmung weiter angestiegen, schreiben die Autoren des heute veröffentlichten Zustandsberichtes. Das Meereswasser wird seit 1970 stetig wärmer. Mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Wärme durch die Treibhausgase im Klimasystem nimmt der Ozean auf. Seit Anfang der 1990er-Jahre hat sich die Wärmeaufnahme gemäss IPCC verdoppelt. Ohne die enorme Speicherkraft der Meere wäre die globale Erderwärmung weit stärker.

Das gilt auch für die Aufnahme des Treibhausgases CO2. Die Autoren gehen mit grosser Wahrscheinlichkeit davon aus, dass 20 bis 30 Prozent der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen seit 1980 durch das Meer aufgenommen wurden. Die Folgen sind heute schon messbar: Der Säuregrad im Meerwasser steigt in vielen Regionen an. Bereits wenige Zehntel tiefere pH-Werte können das Leben in den betroffenen Meeresregionen beeinflussen. «Die Meeresversauerung im Ozean ist in den letzten Jahren unvermindert fortgeschritten. Fast überall ist der heutige pH-Wert des Oberflächenozeans weit ausserhalb des natürlichen Bereiches», sagt Nicolas Gruber. Für die Unterwasserwelt ist das eine fatale Entwicklung. «Die Meeresorganismen leben heute in einem Milieu, das seit Millionen von Jahren nicht mehr im Ozean existiert hat.»

Hitzewellen im Meer

Die enorme Wärmeaufnahme des Meeres bleibt nicht ohne Folgen. Die Häufigkeit von marinen Hitzewellen hat gemäss IPCC-Bericht deutlich zugenommen und wird in Zukunft noch um ein Vielfaches zunehmen. Darunter leiden laut Gruber viele Meeresbewohner, insbesondere Korallen. Diese sind durch die Hitzewellen der vergangenen Jahre massiv in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie gehören zu den Verlierern der Erderwärmung. Zusätzlich werden sie noch durch die Meeresversauerung geschwächt.

Bereits der im letzten Oktober veröffentlichte IPCC-Bericht zur Erderwärmung um 1,5 Grad zeigt: Korallen wie im australischen Barrier Reef sind heute schon einem hohen Risiko ausgesetzt. Wird es nur schon um weitere 0,5 Grad wärmer als heute, werden manche Korallen so stark geschädigt, dass sie nicht mehr gerettet werden können.

Reduzierter Fischfang

Die Erwärmung und Versauerung des Ozeans senkt in manchen Regionen den Bestand von Fischen und Krebsen. Neben der Überfischung belastet nun auch der Klimawandel die Fischbestände. «Da Fisch rund 17 Prozent des weltweit konsumierten tierischen Eiweisses liefert und für mehr als 130 Milliarden US-Dollar internationalen Handel pro Jahr verantwortlich ist, ist dies sowohl eine ökologische als auch eine gesellschaftliche Krise», sagt Hans Nieuwenhuis, Regionaldirektor Nordeuropa beim Marine Stewardship Council (MSC).

Eisfreie Arktis?

Der Rückgang des arktischen Meereises ist gemäss IPCC seit 1979 dramatisch, knapp 13 Prozent beträgt der Verlust alle zehn Jahre. «Die Ausdehnung und das Volumen des arktischen Meereises nehmen das ganze Jahr über weiter ab, was zu den niedrigsten Ausdehnungen der letzten 1000 Jahre führte und somit auch neue Transportwege ermöglichen», sagt WSL-Forscher Konrad Steffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bis Ende des Jahrhunderts eine eisfreie Arktis im September gibt, beträgt gemäss den IPCC-Autoren etwa 1 Prozent, falls die Erderwärmung bei 1,5 Grad stabilisiert werden kann.

Die sommerlichen Trockenperioden in Europa könnten sich durch die Veränderungen in der Arktis häufen.

Die massive Erwärmung und der damit verbundene Rückgang der Eisausdehnung in der Arktis haben grossen Einfluss auf das Zirkulationsmuster der Atmosphäre und damit auf die Wetterentwicklung in Europa, Nordamerika und Asien. Die langanhaltenden sommerlichen Trockenperioden in Europa, wie sie in den letzten Jahren immer wieder vorkamen, könnten sich gemäss Theorie der Klimaforscher durch die Veränderungen in der Arktis häufen.

Problematischer Permafrost

Auch die Temperaturen in den Permafrostgebieten im hohen Norden und im Hochgebirge sind rekordverdächtig angestiegen. «Sie haben in der Zeit, seit Permafrost beobachtet wird, beispiellos hoch zugenommen. Die Stabilität der Hochgebirgshänge in den Alpen ist damit beeinträchtigt», sagt WSL-Forscher Konrad Steffen. Die auftauenden Böden, zum Beispiel in der Tundra, könnten den Klimawandel zusätzlich beschleunigen, weil sie enorme Mengen an Kohlenstoff gespeichert haben.

Erstellt: 25.09.2019, 11:03 Uhr

Wer ist betroffen?

Etwa 680 Millionen Menschen leben gemäss IPCC in tief
liegenden Küstenregionen.
Sie sind direkt betroffen durch
den Anstieg des Meeresspiegels. In dreissig Jahren könnten es dort bereits eine Milliarde sein. Rund 670 Millionen Menschen bewohnen heute Gebirgsregionen,
die durch schmelzende Gletscher und tauende Permafrostböden geprägt werden. (lae)

Meer verlangsamt Erwärmung

Mehr als 90 Prozent der zusätz­lichen Wärme im Klimasystem, verursacht durch die vom Menschen gemachten Treibhausgase, nimmt der Ozean auf. Ohne die enorme Speicherkraft wäre
die globale Erderwärmung weit stärker. Das gilt auch für die Aufnahme des Treibhausgases CO2. Etwa 20 bis 30 Prozent der CO2-Emissionen seit 1980 sind im Meer gespeichert. (lae)

Hitzewellen im Meer

Die enorme Wärmeaufnahme des Meeres kann zu einem relativ neuen Phänomen führen: marine Hitzewellen. Sie werden ohne Klimaschutz gemäss IPCC in Zukunft gegenüber heute um ein Vielfaches zunehmen. Viele Meeresbewohner werden betroffen sein. Warmwasserkorallen litten erheblich durch die Hitzewellen der vergangenen Jahre. (lae)

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