Interview

«Das Moratorium bringt für die Schweiz keinen Gewinn»

Gentechnisch veränderte Pflanzen bergen gemäss einer Nationalfonds-Studie keine Risiken. Warum die Schweiz die Gentech-Forschung stärker unterstützen sollte, erklärt Prof. Wilhelm Gruissem von der ETH Zürich.

Hoher Eisengehalt soll die Ernährung von Menschen in armen Ländern verbessern: Gentech-Reis an der ETH Zürich.

Hoher Eisengehalt soll die Ernährung von Menschen in armen Ländern verbessern: Gentech-Reis an der ETH Zürich.

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Herr Gruissem, Sie waren an der Gentech-Studie des Nationalfonds beteiligt. Welche Auswirkung hat das Ergebnis der Studie auf das Gentech-Moratorium?
Das Moratorium bringt für die Schweiz keinen Gewinn. Wie die Studie gezeigt hat, bergen gentechnisch veränderte Pflanzen kein Risiko für die Gesundheit der Konsumenten. Auch das Risiko, dass sich die Gene veränderter Sorten später in anderen Pflanzen wiederfinden, ist sehr gering. Landwirte in der Schweiz haben ohnehin nur ein begrenztes Interesse am Anbau gentechnisch veränderter Sorten, weil die Konsumenten diese ablehnen. Bei gentechnisch verändertem Raps besteht aufgrund der kleinflächigen Anbauweise das Risiko, dass er sich mit artverwandten Pflanzen kreuzt. Hier wäre es sinnvoller, den Anbau zu verbieten, als ein generelles Moratorium beizubehalten.

An welchen gentechnisch veränderten Pflanzen forschen Sie an der ETH ?
Wir arbeiten hauptsächlich an krankheitsresistenten Cassava-Sorten (besser bekannt als Maniok, Anm. d. R) und an Reissorten, bei denen wir durch gentechnische Veränderungen einen höheren Eisengehalt erzielen. Diese beiden Pflanzen spielen für die Ernährungssicherung und Gesundheit in Afrika und Asien eine wichtige Rolle.

Was bedeutet das Moratorium für den Forschungsstandort Schweiz?
Es ist wichtig, dass die Schweiz am Ball bleibt, auch wenn hier gentechnisch veränderte Sorten nicht kommerziell angebaut werden. Deutschland z.B. hat gerade 60 Millionen Euro in die grüne Biotechforschung investiert. Sie wollen die Expertise und das Know-how im Land haben, auch wenn der kommerzielle Anbau zurzeit sehr umstritten ist. Einige Sorten wie fäuleresistente Kartoffeln könnten in Zukunft auch für die Schweiz interessant werden. Deswegen sollte sich die Schweiz in Bezug auf Forschung und Anwendung nicht selbst blockieren.

Wie wichtig ist die Schweiz als Absatzmarkt für genverändertes Saatgut?
Für die grossen Konzerne wie Monsanto, Bayer Crop Science oder Syngenta spielt die Schweiz volumenmässig als Absatzmarkt natürlich keine grosse Rolle. Für die Landwirte könnten gentechnisch veränderte Sorten aber in Zukunft von Vorteil sein. Denken Sie nur an die Dürre, die derzeit die USA, Kasachstan und auch Teile von Indien heimsucht. Es gibt gentechnisch veränderte Maissorten, die mit solchen Trockenperioden besser fertig werden als herkömmlicher Mais.

Wie betreiben Sie unter den derzeit noch geltenden Moratoriums-Bedingungen in der Schweiz biotechnologische Forschung?
Unsere Versuche finden vor allem im Labor statt. Die klimatischen Bedingungen lassen keine Feldversuche mit Cassava und Reis in der Schweiz zu. An den Feldversuchen mit Cassava arbeiten wir daher mit Partnern in China. Ausserdem sind wir im Gespräch mit afrikanischen Partnern. Die Feldversuche mit neuen Reissorten machen wir mit Partnern in Vietnam.

Wollen Sie mit genveränderten Sorten die Welt retten?
Wir stehen vor grossen Herausforderungen. Weltweit sind zwei Milliarden Menschen mangelernährt und die Bevölkerung wächst weiter. Wir wollen mit unserer Forschung in Afrika und Asien einen Beitrag zur Ernährungsqualität und zur Ernährungssicherheit leisten, der mit normaler Züchtung nicht möglich ist. Man muss gegenüber neuen Technologien offen sein und darf sich die Zukunft nicht verbauen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2012, 15:55 Uhr

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