Das Rudel

Sie jagen Hirsche neben der Hauptstrasse, heulen durch die Nacht und schwimmen im Rhein. Das heimliche Leben der Calanda-Wölfe.

Im letzten Winter waren es noch neun. Das Calanda-Rudel unterwegs im Schnee. Archivfoto: Amt für Jagd und Fischerei Graubünden

Im letzten Winter waren es noch neun. Das Calanda-Rudel unterwegs im Schnee. Archivfoto: Amt für Jagd und Fischerei Graubünden

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Es war mitten in der Nacht, gleich neben der Hauptstrasse, die nach Flims führt. Ein paar Hirsche scharrten im Schnee und suchten nach Gras. Da gab es plötzlich Bewegung am Waldrand: Acht Wölfe kamen aus dem Wald geschossen und jagten über den verschneiten Feldweg auf die Herde zu. Das Wolfsrudel teilte sich auf. Einige Tiere schwärmten nach links, andere nach rechts, sie kreisten die Hirsche ein und drängten ein Exemplar aus der Herde. Es wurde ein paar Meter verfolgt. Dann rissen die Wölfe den Hirsch zu Boden und bissen ihn zu Tode. Das Rudel muss hungrig gewesen sein. Sie frassen den ganzen Kopf. Alle Knochen. Die Hufe. Am Ende lagen nur noch ein paar blutige Haarbüschel und der Mageninhalt im Schnee.

Der Mann, der nach solchen Nächten gerufen wird, heisst Claudio Spadin. Keiner kennt das Wolfsrudel besser als der Wildhüter aus Trin: Seit bald vier Jahren hält sich das Rudel in seinem Jagdbezirk auf. Er rapportiert jedes gerissene Tier und jede Wolfssichtung, er verfolgt die Spuren der Raubtiere und überwacht ihr Leben mit Fotofallen. Als Wildhüter ist er für den Schutz der Wölfe verantwortlich – und muss ausbaden, was die Tiere anrichten. Die nächtliche Hirschjagd hat er nicht mit eigenen Augen gesehen. Aber er analysierte die Spuren im Schnee und erzählt, wie sich die Szene zugetragen haben muss. Roh und archaisch. «Das wird noch zu reden geben», meint er. Denn auf der Wiese, wo der Hirsch verspeist wurde, steht auch ein Bauernhof. Dass acht Wölfe hundert Meter von seinem Hof entfernt jagen, behagt dem Bauern ganz und gar nicht. Und nicht nur ihm.

Es ist ein kalter Januarmorgen, kurz nach der Morgendämmerung. Spadin fährt seinen Land Cruiser über frisch verschneite Waldwege, in der Hundebox winselt der Jagdhund. Heute findet die jährliche Spurentaxation statt: Fünfzehn Wildhüter und Biologen des Bündner Amtes für Jagd und Fischerei sind einen Morgen lang unterwegs, um nach Wolfsspuren im Schnee zu suchen. Die Spuren sollen kartiert und Proben genommen werden – wenn wir Glück haben, stossen wir beim Spurenverfolgen sogar auf das Tageslager der Wölfe.

Die Amour fou

Die Schweiz und der Wolf, das ist eine Amour fou. Man will nicht ohne einander, doch zusammen ist es schwierig. Und immer steht am Ende die Frage: Wie viel Wildheit verträgt die dicht besiedelte Schweiz? Am Anfang war es eine grosse Romanze: Knuffig sahen sie aus, die ersten Welpen, die vor drei Jahren auf dem Calanda zur Welt gekommen sind. Hoch oben, irgendwo an der Baumgrenze, hat sich das Weibchen F07 in ein Felsloch zurückgezogen und fünf Junge zur Welt gebracht. Der erste Nachwuchs, seit die Raubtiere 1995 in die Schweiz zurückgekehrt sind. F07 und ihr Partner, das Männchen M30, stammen aus Italien. Sie sind durch das Urserntal nach Graubünden gewandert, wo sie am Calanda ein kleines Paradies fanden: viel Wild, wenig Verkehr, wenig Menschen. Die Autobahn im Tal wirkte wie ein Zaun, der die Weiterwanderung zusätzlich bremst. Und so sind die beiden Wölfe am Calanda geblieben.

Doch bereits im ersten Winter nach der Ankunft der Wölfe hat sich die Begeisterung bei der lokalen Bevölkerung gelegt. Wenn Schnee liegt, kommen die Rehe und Hirsche in den Nächten bis hinunter in den Talboden und scharren zwischen Autobahn und Wohnhäusern nach Gras. Und die Wölfe folgen ihrer Beute. Beim Jagen lassen sie sich von der Zivilisation nicht stören, und so kommt es schon mal vor, dass Spaziergänger am Morgen blutige Überreste von gerissenen Tieren auf den Wiesen finden.

Spadin öffnet die Hundebox, der Schweisshund hüpft mit einem grossen Sprung aus dem Auto und rennt schnüffelnd durch den Schnee. Den Geruch der Wölfe kennt er gut, er ist mit der Anwesenheit der Raubtiere im Wald aufgewachsen und reagiert nicht verstört wie andere Hunde, wenn er eine Wolfsfährte aufnimmt. «Jetzt sind sie irgendwo unter einem Baum am Schlafen», sagt Spadin. Die Wölfe sind von der Abend- bis zur Morgendämmerung unterwegs. Den Tag über liegen sie oben an der Baumgrenze unter verkrümmten Bergföhren und schlafen.

Es ist still im Wald, der frische Schnee glitzert in der durchbrechenden Sonne. Das einzige Geräusch ist das Handy des Wildhüters, das dauernd klingelt. Bei den meisten Gesprächen an diesem Morgen geht es um die Wölfe. Bauern, Jäger, Eltern: Alle rufen Spadin an, wenn sie meinen, einen Wolf gesehen zu haben. Oft sind es Falschmeldungen, einsame Schäferhunde, welche die Leute aufschrecken. Doch der Wildhüter geht allen Meldungen nach: «Wir müssen die Leute ernst nehmen.»

An diesem Morgen drehen sich die Gespräche um ein Tier, das sich zwei Meter an einen Bauernhof im Tal heran- gewagt hat. Der Bauer ist überzeugt, dass es ein Wolf war. Der Wildhüter ist überrascht. Aber im Rudel gibt es tatsächlich ein Tier, das weniger scheu ist als die anderen: Wahrscheinlich ist es ein schwächerer Wolf, einer, der seine fehlende Stärke mit Mut ausgleicht. «Wenn es tatsächlich stimmt, dass ein Wolf so nahe an ein Haus kommt, müsste man etwas unternehmen», sagt Spadin. Man müsse warten, ob sich solche Meldungen häufen würden.

Die Wölfe haben den Arbeitsalltag von Spadin komplett verändert. Der stille Mann ist mittlerweile mehr mit der Bevölkerung konfrontiert als mit der Wildnis, er ist Vermittler und Beruhiger, hält Vorträge an Schulen und hört sich die Klagen und Ängste der Bevölkerung an. «Es vergeht kein Tag, an dem wir Wildhüter nicht angefeindet werden.» Die Wolfsgegner geben ihm die Schuld, dass das Rudel am Calanda lebt, und sind wütend, weil er ihnen nicht verrät, wo man die Wölfe finden kann.

Doch das weiss nicht einmal der Wildhüter genau, obwohl er die Tiere fast wöchentlich sieht. Spadin kennt nur ihre Traditionen. Ihre Lieblingsrouten. Wenn man mit ihm unterwegs ist, zeigt er hier auf einen Hang und dort auf einen Wanderweg, Stellen, an denen er schon Wölfe gesehen hat. Die Tiere schlüpfen zwischen Baubaracken hindurch und schleichen über Wanderwege, sie jagen auf Feldern nach Krähen und durchqueren manchmal sogar ein Dorf. Wenn das Rudel weite Strecken zurück­legt, trottet es am liebsten auf den breiten Waldwegen – das geht am schnellsten.

Sie vergrössern ihr Revier

Vor zwei Wochen hat Spadin das ganze Rudel gesehen, als er an einem Waldrand bei Trin eine Pause einlegte. «Plötzlich sah ich sie in Einerkolonne auf mich zumarschieren.» Er zog sofort sein Handy und schoss ein Bild: Acht Tiere sind darauf zu sehen, die durch den Schnee trotten. Der Wildhüter verfolgte ihre Spuren, zurück, den Hang hinunter bis zum Rhein: In den letzten Monaten haben die Wölfe ihr Jagdgebiet vergrössert und schwimmen nun sogar über den Fluss, um in Bonaduz zu jagen.

Auf unserer Spurensuche sind wir nach einer halben Stunde beim Foppaloch angekommen – einer Stelle, an der sich mehrere Wolfsrouten kreuzen. In der letzten Nacht war nicht viel los in diesem Waldabschnitt: Wir sehen nur ein paar Gämse- und Hirschspuren.

Im achtköpfigen Rudel leben zurzeit die beiden Alphatiere – die Eltern – und fünf junge Wölfe, die im Frühling 2014 zur Welt gekommen sind. Das achte Tier ist wahrscheinlich ein Weibchen, das ein Jahr älter und noch in der Familie geblieben ist. Jetzt, im Februar, steht den bald einjährigen Jungtieren eine einschneidende Wendung bevor: Sie müssen das Rudel verlassen und alleine weiterziehen. Insgesamt sind bereits zehn Jungtiere abgewandert. Achtzig Kilometer pro Nacht kann ein junger Wolf wandern, und regelmässige DNA-Auswertungen zeigen, wohin es die Wölfe verschlagen hat: Einer lebt im Jura, einer kam im Tessin unter den Zug, und ein dritter verendete auf den Bahngleisen in Schlieren.

Gewildert wurde erst ein Tier: im letzten Winter, oberhalb von Tamins. Damals hat die Gruppe Wolf Schweiz ein Kopfgeld von 10'000 Franken auf den Wilderer ausgesetzt. Vergeblich: Der Fall wurde mittlerweile ungelöst zu den Akten gelegt. «Mit der Aktion haben wir bei einigen Leuten grosses Unverständnis geweckt», sagt der Präsident der Gruppe, David Gerke. Dennoch seien für die Aktion 8000 Franken Spendengelder zusammengekommen, ein Drittel davon kam laut Gerke von Leuten, die in unmittelbarer Wolfsnähe lebten. «Zwei Drittel aller Spenden stammen von Jägern.» Das widerlege das Vorurteil, dass alle Jäger am liebsten einen Wolf schiessen würden.

Im Sommer, wenn die Wolfsmutter mit der Beute zur Höhle zurückkehrt, kann man die kleinen Wölfe durch das Tal heulen hören. Für die einen ist das ein Graus, andere kommen extra des­wegen in die Gegend. In den Sommermonaten gebe es einen regelrechten Wolfstourismus, sagt Spadin. Die Wildhüter könnten viele Exkursionen anbieten. «Das tun wir natürlich nicht.» Aber er versucht, sein Wissen zu nutzen, um den Menschen die Angst zu nehmen.

Eine grosse Studie, in der Wolfs­angriffe auf Menschen bis ins Mittelalter analysiert wurden, zeigte: Bienen sind gefährlicher als Wölfe. Angriffe gibt es vor allem von tollwütigen Tieren – und in der Schweiz ist die Tollwut ausgerottet. Auch Wölfe, die zu wenig scheu sind, können gefährlich werden. «Darum ist es das Wichtigste, dass man Wölfe nicht füttert», sagt Spadin.

Leider haben wir mit unserer Spurensuche kein Glück. Heute findet nur eine der sieben Gruppen Pfotenabdrucke. Sie stammen von einem Zweiergespann, das den Calanda hinunter nach Felsberg gestiegen ist. Brav folgten die Tiere den Serpentinen des Weges. Auf der Ebene unten vermischten sich aber ihre Spuren mit Hundespuren und waren nicht mehr verfolgbar.

Zurück in Chur, sammelt der Wildbiologe Hannes Jenny die Meldungen der Suchtrupps. «Wahrscheinlich haben sich die Wölfe in eine Wildruhezone verkrochen», meint er. Wenn viel Schnee liegt und das Rudel gerade erst ein Tier gerissen hat, könne es gut sein, dass sich die Wölfe eine Nacht lang ausruhten.

Den Abschuss erleichtern

Wie wird es weitergehen mit dem Calanda-Rudel? Wenn es jedes Jahr mehr junge Wölfe gibt? «Wir wünschen uns, dass der Abschuss der Wölfe erleichtert wird», sagt Jenny. Nur so könne man langfristig garantieren, dass die Bevölkerung dem Wolf wohlgesinnt bleibt. Noch schaffen es die Wildhüter mit ihrem täglichen Austarieren, dass die Bewohner eine Portion Anarchie verdauen. Aber die Stimmung kann schnell kippen. Sollte es tatsächlich einmal einem Wolf an den Kragen gehen, wäre wohl Claudio Spadin derjenige, der ihn schiessen würde. Er, der die ersten Bilder der jungen Wölfe macht und zuschaut, wie sie aufwachsen. Aber er sieht das pragmatisch. «Der Wolf ist ein Wildtier wie jedes andere auch – wir müssen ja auch kranke Rehe schiessen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2015, 21:18 Uhr

Claudio Spadin

Wildhüter aus Trin GR

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