Interview

«Das hier ist ein sehr seltener Vorfall»

In der russischen Region Tscheljabinsk sind Bruchstücke eines Meteoriten niedergegangen. Niemand hat den Einschlag vorausgesehen. Der Astronom Michael Geffert erklärt, weshalb.

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In der russischen Region Tscheljabinsk sind heute morgen Bruchstücke eines Meteoriten auf die Erde gekracht. Wie muss man sich diesen Meteoritenregen vorstellen?
Es kommt zu einer Druckwelle, die ist für die Menschen vor Ort spürbar. Vom Druck sind Fenster zersprungen. Das ist es auch, was zu den Verletzungen geführt hat, die Glassplitter der Fenster. Das alles geschah aber sehr plötzlich.

Wie gross waren die Gesteinsbrocken?
Vermutlich ist ein grösseres Objekt in die Erdatmosphäre eingetreten und später in kleinere Stücke zerplatzt. Dessen Grösse ist zurzeit noch schwer zu benennen. Eine Möglichkeit ist, dass es sich um lauter kleine Stücke von circa zehn Zentimetern Grösse handelt.

Bislang gibt es zum Glück keine Berichte über Tote. Welche Gefahr könnte von kleinen Meteoriten ausgehen?
Wegen der hohen Geschwindigkeit von Meteoriten sind das wie Geschosse, sie könnten so alles Mögliche anrichten. Gott sei Dank hat man sehr wenig Erfahrung diesbezüglich. Das hier ist ein sehr seltener Vorfall. In den letzten hundert Jahren ist so etwas nicht passiert auf bewohntem Gebiet.

Wann ereignete sich der letzte bedeutende Einschlag eines Himmelskörpers auf der Erde?
Anfang 1908 kam es über der Tunguska-Ebene zu einem Einschlag, das war unbewohntes Gebiet. Damals hat man dort später verbrannte Bäume gefunden. Das war der letzte grössere Einschlag, den man hier auf der Erde registriert hat.

Ein russischer Astronom sagt, es bestehe eine hohe Chance, dass ein weiterer Meteorit in die Erdatmosphäre eindringen könnte in den nächsten Stunden.
Es gibt eigentlich keinen Grund, anzunehmen, dass noch etwas anderes nachkommt. Bei Sternschnuppen sieht man manchmal, dass zwei hintereinander folgen, aber das geschieht innerhalb von Minuten.

Sie haben bereits gesagt, dass das Ereignis sehr schnell und unvermittelt geschah. Weshalb hat man den Einschlag nicht vorausgesehen?
In Amerika und Spanien gibt es Observatorien, welche mit Teleskopen den Himmel fotografieren. Wenn ein Objekt der Erde sehr nahe kommt, fällt es dadurch auf, dass es sich gegenüber den Sternen sehr schnell bewegt. So hat man auch den Asteroiden gesehen, der heute Abend an der Erde vorbeifliegen wird. Bereits vor einem Jahr wurde der Asteroid entdeckt, deshalb weiss man auch sehr genau, dass er nicht auf die Erde trifft. Kleine Meteoriten sind allerdings schwerer erkennbar, deshalb kann man im Gegensatz zu grösseren Gesteinsbrocken auch ihre Flugbahn nicht berechnen und damit auch nicht einen möglichen Einschlag auf der Erde.

Der mögliche Einschlag kleiner Meteoriten ist also durch die Astronomen nicht berechenbar?
Ja, damit müssen wir leben. Es tröstet uns, dass ein solches Ereignis sehr selten ist. Aber eine Gewissheit können auch Astronomen nicht geben. Daran ist nichts zu ändern. Das ist allen Forschern, die auf diesem Gebiet arbeiten, klar.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Asteroiden, den Sie erwähnt haben, und dem Meteoritenregen in Russland?
Nein, ich denke nicht. Der zeitliche Abstand ist zu gross.

Gemäss einem russischen TV-Sender könnte der Meteorit von Boden-Luft-Raketen abgeschossen worden sein, ist das realistisch? (Anm.d.Red.: Diese Meldung wurde vom Ministerium für Katastrophenschutz inzwischen dementiert)
Das halte ich für ausgeschlossen. Einen so schnellen Meteorit kann man meiner Meinung nach nicht abschiessen.

Wie könnte man sonst einen Einschlag verhindern?
Sprengen ist die schlechteste Lösung, da dann trotzdem der Gesteinsregen herunterkommt. Man müssste mit einer Rakete die Bahn des Gesteins verändern. Das wäre dann aber Aufgabe einer globalen Organisation wie der Nato.

Erstellt: 15.02.2013, 12:58 Uhr

Michael Geffert forscht am Astronomischen Institut der Universität Bonn. (Bild: Manuel Metz)

Neue Amateuraufnahmen vom Meteor über Russland. (Video: Reuters )

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