Sozialverhalten

Das verborgene Leben der Ratte

Viele Menschen ekeln sich vor Ratten, sie werden vor allem als Überträger von Krankheiten wahrgenommen. Dabei haben die Nagetiere ein vielfältiges Sozialleben und verblüffende Verhaltensweisen.

Für Wanderratten sind Abwasserkanäle und Parks mit Abfallkörben ein Schlaraffenland. Foto: Naturalpix

Für Wanderratten sind Abwasserkanäle und Parks mit Abfallkörben ein Schlaraffenland. Foto: Naturalpix

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Wenn Ratten zur Sprache kommen, werden sie meistens als eklige Tiere empfunden. Doch dem war nicht immer so. «Ab den 1860er-Jahren war es bei der britischen High Society zum Beispiel sehr beliebt, Ratten in Käfigen zu halten», berichtet der deutsche Nagetierspezialist Erik Schmolz. Immerhin sind die Tiere beim genauen Hinschauen nicht nur interessant, sondern haben auch verblüffende Verhaltensweisen.

So unterhalten sich Ratten zum Beispiel ähnlich wie Menschen miteinander. Allerdings besteht ihre Sprache eher aus Gerüchen als aus Tönen: Duftstoffe im Urin verraten einer Ratte zum Beispiel einiges über das Tier, das vor ihr an die Ecke gepinkelt hat. War diese Ratte jung, riecht der Urin anders als bei älteren Tieren, ein Weibchen duftet anders als ein Männchen; ist ein Weibchen gerade paarungsbereit, riecht es anders als Tiere, die momentan nicht an Nachwuchs denken. Auch Stress schlägt sich in den Geruchsstoffen des Ratten­urins nieder. Ratten zwitschern zwar weniger kunstvoll als Mäuse, warnen sich aber gegenseitig mit Ultraschallrufen. Und beim Spielen quietschen junge Ratten manchmal in den höchsten Tönen.

Erst spät zugewandert

Doch weshalb ekeln sich eigentlich Menschen vor Ratten, während sie die ähnlich grossen Eichhörnchen für niedlich halten? Der Ekel vor diesen eigentlich ganz niedlichen Tieren ist wohl relativ jung. So gibt es in Mitteleuropa nur zwei der weltweit rund 65 Rattenarten, und beide sind erst vor verhältnismässig kurzer Zeit hier eingetroffen. Die bis zu 400 Gramm schwere Hausratte (Rattus rattus) lebte einst auf warmen Felsen im Gebiet des Himalaja und wanderte vermutlich im frühen Mittelalter auf dem Landweg bis nach Europa. Die alte Heimat macht sich bei ihnen immer noch bemerkbar. Hausratten sind von Natur aus wasserscheu, klettern aber hervorragend und leben daher häufig in den oberen Etagen von Getreidespeichern oder Dachböden. Beides aber wird in Mitteleuropa selten, und die Hausratte macht sich ebenfalls rar.

Ganz anders dagegen die Wanderratte (Rattus norvegicus), die vermutlich im 18. Jahrhundert aus den Sümpfen im Norden Chinas hierzulande ankam. Sie fühlt sich im Wasser pudelwohl und liebt daher auch stinkende Abwasserkanäle, in die via Toilettenspülung reichlich Nahrungsreste gelangen. So ein Kanal kommt der Wanderratte daher wie eine Mischung aus Schlaraffenland voller Leckerbissen und als Autobahn vor, auf der man schnell vorankommt, ohne gesehen zu werden.

Sie mögen Parks und unaufgeräumte Kelle

Genau auf ein solches Leben in Deckung aber legen Ratten wert. Schliesslich basiert ihr Dasein auf drei Grundpfeilern: «Nahrung, Deckung und ein Bau zum Leben und für die Nachkommen», erklärt der Wildbiologe Chris Walzer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Diese Bedingungen finden sie in Innenstädten nur selten, hat der Forscher entdeckt, als er in Salzburg die Bewegungsmuster von mit Sendern ausgestatteten Ratten erforschte.

Ideal sind dagegen Parks: Unter Büschen können die Nager ungesehen hin- und herhuschen, im weichen Boden unter dem Rasen lässt sich schnell ein toller Bau graben, und in den Abfallkörben landen schmackhafte Leckerbissen. Natürlich tun es auch verborgene Nischen in alten Häusern oder Löcher in der Dämmung – Hauptsache, das Leben spielt sich im Verborgenen ab. Steht der Abfallkorb dagegen auf einer freien Fläche, die möglichst auch noch gepflastert ist, sodass die Nager dort keinen Bau graben können, sind Ratten meist viel zu vorsichtig und trauen sich kaum noch an diese eigentlich vielversprechende Nahrungsquelle.

Ein guter Lebensraum für Wanderratten sind auch Altbauten mit Kellern voller Gerümpel, das nie aufgeräumt wird, und Innenhöfe mit überquellenden Müllbehältern – dort fühlen sie sich richtig wohl. Das erklärt, warum die Nagetiere vor allem in sozialen Brennpunkten auftauchen, in den wohlhabenden Vierteln aber Seltenheitswert haben.

Überträger resistenter Erreger

Da Ratten wie viele andere Tiere auch Träger von Krankheitserregern sind, die auf den Menschen überspringen können, hat sich vermutlich deshalb ein Ekel vor dieser unsichtbaren Seuchenquelle entwickelt. Im Mittelalter brachten Flöhe auf Hausratten die Pest in die Häuser. Und heute findet der Mikrobiologe Sebastian Günther vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität Berlin in den Nagetieren nicht nur E.-coli-Bakterien, sondern vor allem auch solche Erreger, gegen die einige Antibiotika der modernen Medizin bereits ihre Wirkung verloren haben.

«Diese Resistenzen tauchen zwar überall in den Ratten auf, häufen sich aber in der Nähe von Krankenhäusern, Schlachthöfen und Bauernhöfen», berichtet Chris Walzer. Genau dort werden Antibiotika häufig eingesetzt oder landen Tiere, die solche Mittel ins Futter gemischt bekamen. Das Problem kommt also zwar durchaus von der Ratte, stammt aber ursprünglich vom Menschen. Damit ist auch die Lösung des Problems ganz ohne Rattengift klar: Keller aufräumen, Parks sauber halten und Antibiotika nur noch dann anwenden, wenn sie unverzichtbar sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2015, 21:09 Uhr

Sozialverhalten

Ratten belohnen sich gegenseitig

Im Reich der Ratten gilt offenbar das Prinzip «Wie du mir, so ich dir». Forscher der Universität Bern haben bei Versuchen mit Wanderratten herausgefunden, dass die Tiere sich für einen Gefallen ­revanchieren können. Doch nicht nur das: Je mehr sie von einem Artgenossen erhalten, umso mehr geben sie zurück.

Um dieses Sozialverhalten zu erforschen, führten die Evolutionsbiologen Vassilissa Dolivo und Michael Taborsky eine Studie mit 20 weiblichen Wanderratten (Rattus norvegicus) durch. Diese Rattenart wählten die Forscher, weil sie Aufgaben unter Laborbedingungen gut meistern kann und auch in freier ­Wildbahn ein ausgeprägtes Sozialleben besitzt. Denn auch dort gilt bei den ­Wanderratten: Man hilft jemandem, der ­einem zuvor geholfen hat.

In den ausgeklügelten Experimenten, die jeweils mehrere Minuten dauerten, konnten die Testratten für sich selber keine Nahrung ergattern. Es wurde ihnen jedoch ermöglicht, Partnern in benachbarten Boxen Futter zukommen zu lassen – entweder die beliebten Bananenstücke oder die unbeliebteren Karottenstückchen. Im Folgenden konnten die Partner sich revanchieren: Nun mussten sie entscheiden, ob sie ihren «Lieferanten» Haferflocken besorgen oder nicht. Es zeigte sich: Auch Ratten bewerten, wie wertvoll eine erhaltene Hilfe ist, und revanchieren sich daraufhin mehr oder weniger. Die Testratten zeigten eine klare Präferenz, sich bei denjenigen Partnern zu revanchieren, die sie mit der bevorzugten Nahrung versorgt hatten. Sie ­halfen Bananenlieferanten viel schneller als Karottenlieferanten.

Es war schon bekannt, dass Affen, Fledermäuse und Ratten erhaltene Hilfe zurückgeben. Bisher sei aber unklar gewesen, ob ausserhalb der «Menschenwelt» der Wert der geleisteten Unterstützung in die Entscheidung einfliesst, sie zu erwidern, teilten die Forscher mit. (Tages-Anzeiger)

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