Den Wilderern das Geschäft vergiften

In Südafrika werden massenhaft Nashörner gewildert, weil ihre Hörner in Asien als Wundermittel gelten. Eine Giftspritze ins Horn soll die Tiere nun besser schützen.

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Im Krügerpark vergeht kein Tag, an dem keine Kugeln schwirren: Sie gelten entweder einem jener archaisch wirkenden Dickhäuter, deren Hörner auf dem Schwarzmarkt bis zu einer Million Dollar einbringen. Oder sie werden in dem südafrikanischen Nationalpark zwischen Wildhütern und Wilddieben abgefeuert, die sich hier regelrechte Gefechte liefern.

Allein in diesem Jahr wurden im Reservat, das etwa die Hälfte der Fläche der Schweiz hat, bereits 367 Nashörner erledigt: Mehr als einmal täglich finden die Ranger ein totes Rhinozeros, das mit einer klaffenden Wunde über dem Maul auf dem staubtrockenen Boden liegt. Aber auch Menschen sterben dabei. Ende vergangenen Monats erschossen Mitglieder der Rhino-Taskforce im Krügerpark vier Wilddiebe, drei weiteren gelang die Flucht.

Im Krügerpark wurden 400 Ranger stationiert, die sich ganz dem Kampf gegen die Wilderer widmen, 200 Soldaten, welche die Grenze zu Moçambique sichern, stehen ihnen zur Seite. Insgesamt wurden in diesem Jahr in Südafrika 167 Personen festgenommen, die mit dem kriminellen Hornhandel nach Fernost in Verbindung stehen sollen: Trotzdem schnellte die Zahl der erlegten Tiere von 83 im Jahr 2008 auf 668 im vergangenen Jahr. Und sie steigt weiter an. Untätigkeit kann man der Regierung von Südafrika, wo 90 Prozent aller noch verbleibenden Breit- und 40 Prozent aller Spitzmaulnashörner leben, nicht vorwerfen.

Massnahmen zur Rettung

Ausprobiert wurden schon viele verschiedene Methoden. So lud man zum Beispiel auch vietnamesische Offizielle in den Krügerpark ein, damit sie sich ein Bild von dem herzzerreissenden Drama machen können. Zudem wurden in China und Vietnam Erhebungen zum Profil der Konsumenten in Auftrag gegeben, um gezielte Kampagnen planen zu können: Es soll sich zumeist um erfolgreiche Geschäftsleute handeln, die das vermeintlich Wunder bewirkende Nashornpulver schon allein aus Prestigegründen einnehmen. Schliesslich wurden auch Grenzschützer auf Flughäfen ausgebildet, um sie im Aufspüren bereits zu Pulver verarbeiteter Hörner zu spezialisieren. Genutzt hat alles nichts, wie die Abschusszahlen zeigen.

Verzweifelt will es Südafrika nun mit zwei neuen, an konträren Polen der Reaktionsskala angesiedelten Strategien versuchen. Auf politischer Ebene fordert die Regierung eine Freigabe des Handels mit den Hörnern, während sie gleichzeitig grünes Licht für Experimente vor Ort gegeben hat, die Hörner mit Giftstoffen zu behandeln. Die Massnahmen haben leidenschaftliche Verfechter, werden aber von Kritikern nicht weniger leidenschaftlich als kontraproduktiv oder gar kriminell verworfen.

Teurer als Gold

Für Südafrikas Umweltministerin, Edna Molewa, steht fest: Nur eine drastische Reduktion der für ein Horn bezahlten Preise kann das grosse Schlachten stoppen. Für ein Gramm Horn wird derzeit mehr als für ein Gramm Gold bezahlt – für verarmte afrikanische Wilderer ist der Anreiz fast unwiderstehlich. Dem inflationären Preis werde am ehesten durch eine drastische Vermehrung des Angebots begegnet, sagen Experten wie der australische Ökologe Duan Biggs: «Es ist der Handelsbann, der die Nashörner unnötig sterben lässt.» Als Alternative schlägt Biggs einen von einer zentralen Verkaufsbehörde streng kontrollierten Markt vor. Das Angebot an Nashornpulver soll dadurch gesichert werden, indem den Rhinozerossen regelmässig das Horn gestutzt wird: Es wachse von allein wieder nach. Nach Biggs Schätzungen reichten die Hornspäne von 5000 Rhinozerossen aus, um die derzeitige Nachfrage zu decken. Da in Afrika gegenwärtig rund 20'000 Nashörner leben, gebe es «noch einen ausreichenden Spielraum».

Kritikern verschlägt dieser Vorschlag den Atem. Die Strategie erfordere nicht nur einen ständigen Eingriff in die wilde Natur, er habe auch unübersehbare Folgen auf die Nachfrage, die durch die stabilisierten Preise womöglich nur noch weiter angeheizt würde. «1,5 Milliarden potenzielle Konsumenten in Fernost stehen weltweit 28'000 Nashörnern gegenüber», wendet Lucy Boddham-Whetham von der Tierschutzorganisation «Save the Rhino» ein: Keine Frage, wie dieses Kräftemessen ausgehen werde. Die Experten wollen ferner wissen, wie eine «kontrollierte Vermarktung» gewährleistet werden soll.

Als letzte Rettung wird unter Ökologen deshalb die radikale Methode betrachtet, die derzeit in mehreren Nationalparks in der südafrikanischen Provinz Kwa-Zulu erprobt wird. Dort spritzen Veterinäre den Dickhäutern ein Substanzgemisch ins Horn, das für die Tiere selbst harmlos, für menschliche Konsumenten jedoch giftig ist.

Zusammen mit dem Gift wird ein grellroter Farbstoff ins Horn injiziert, der auch im Pulver klar auszumachen ist. Auf diese Weise kann ein Konsument nicht klagen, dass er nicht vorgewarnt worden sei. Bisher haben die Experten mit dieser Methode bereits 230 Nashörner behandelt. Dies kostet knapp 800 Franken pro Horn und muss nach vier Jahren erneuert werden, weil das Horn rauswächst.

Laut der Sprecherin des Rhino-Rescue-Projekts, Lorinda Hern, wird dazu ein Cocktail aus verschiedenen Antiparasitenmitteln eingesetzt, die auf dem Markt erhältlich sind. Die Mischung sei für den Menschen nicht ohne: Je nach Dosis löse sie entweder Übelkeit und Erbrechen aus, in hoher Dosierung kann das Gift zu Nervenschäden führen.

Da das erste mit Gift behandelte Rhinozeros bereits massakriert worden sein soll, warten Südafrikas Nashornschützer nun gespannt auf die Folgen. Und ob die für die Tiere harmlose Giftmischung Wilderer in Zukunft abhält und die Nashörner tatsächlich schützen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2013, 08:34 Uhr

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